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Der Chor mit eingebautem Reisefieber und großer Zukunft

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Ein Musiker mit Notenständer und Noten
Kantor Walter Erdt (im Bild vor seinem Büro) hat 20 Jahre lang die „Neue Kantorei“ geleitet. © ralf ruder

Eigentlich wäre der Chor im 21. Jahr seines Bestehens heuer nach Russland gefahren. Die Corona-Beschränkungen machten einen Strich durch die Rechnung. Doch Kirchenmusikdirektor Walter Erdt ist sicher: Die „Neue Kantorei“ ist ein Ensemble mit Erfolgsgeschichte – und mit großer Zukunft auch nach seinem Ruhestand.

Weilheim – „Ich wollte zusätzlich zum Kirchenchor noch ein anderes Konzept umsetzen“, so erklärt Walter Erdt die Gründung der „Neuen Kantorei des Dekanates Weilheim“ im Jahr 2000. Kirchenmusik-Erfahrungen hatte er bis dahin quer durch die Republik gesammelt: Nach Studium in Bayreuth, Detmold und Stuttgart, bekleidete er eine Position in Lohr am Main, von der ein Stellentausch in seine Heimatstadt Weilheim möglich wurde, wo er 1992 Kantor wurde – und somit zuständig für Orgel und Chor.

„Bei mir wuchs die Vorstellung von einem Projektchor, der sich jedes Jahr anders zusammensetzen konnte, je nach Interesse für das Musikprogramm.“ Dieses gestaltete Erdt mit einem Schwerpunkt auf Kompositionen des 20. Jahrhunderts – auch, um bereits bestehenden Chören keine Konkurrenz zu machen. Rund 30 Musikfans hätten sich in der „Neuen Kantorei“ zum „harten Kern“ entwickelt; unterschiedliche Zusatz-Sänger verstärkten dann die Jahresbesetzungen auf jeweils rund 50 Mitwirkende. Als Extra kam hinzu, dass Erdt das Mitsingen in der „Kantorei“ weder geografisch noch konfessionell limitierte: „Auch katholische Vokalisten waren und sind willkommen. Heute machen sie schon rund die Hälfte aus“, sagt der Kirchenmusikdirektor und lächelt ein bisschen verschmitzt über die ungebrochene Attraktivität seiner Chor-Gründung. Sänger kämen teilweise sogar bis aus München und aus Mittenwald hinzu.

Denn die Mitwirkung sei nicht nur durch spezielle musikalische Herausforderungen interessant, sondern auch durch die Kombination einer kurzen und intensiven Einstudierungsphase, von Weilheimer Auftritten und einer anschließenden Konzertreise – ein Konzept, das sofort auf Begeisterung gestoßen sei. „Anfangs beschränkten wir uns auf Ziele, zu denen direkte Kontakte bestanden, wie etwa Narbonne, Ödenburg (Sopron) oder Leipzig.“

Ein Chor singt in einer Kirche
Großer Auftritt im litauischen Klaipeda: Die letztjährige Chorreise der „Neuen Kantorei“ führte nach Polen und Litauen. © Privat

Noch heute schwärmt Erdt von den tiefen Eindrücken bei persönlichen Begegnungen, wie etwa mit Pfarrer Christian Führer, der in Leipzig den kirchlichen Schutzmantel über die DDR-Montagsdemonstrationen gebreitet hatte. Musikalisch besonders tief seien die Eindrücke bei einer Chorreise nach Schottland gegangen, die im Anschluss an den offiziellen Teil in einen gegenseitigen Volksmusik-Wettstreit mit den Gastgebern überging. „Aber ich schärfte immer allen Teilnehmern ein, dass das Fitsein für die Aufführung im Vordergrund stehen musste.“ Auch die Ukraine und Israel standen in jüngster Zeit auf dem Reise-Programm.

Erdt war aber nicht nur umtriebiger Organisator, sondern auch ehrgeiziger künstlerischer Leiter. „Ich glaube schon, dass ich den Chor öfters an Grenzen geführt habe“, gibt er zu, aber er steht zu seiner Begeisterung für Neue Musik. „Wenn man selber von einer Komposition überzeugt ist, geht deren Bedeutung auch auf den Chor über.“ Auch Nachwuchs habe die „Neue Kantorei“ gewinnen können, da ein enger Austausch mit der Gesangsausbildung an der Weilheimer Musikschule bestehe.

Wie schon 2013 der Kirchenchor, so solle auch die Leitung der „Neuen Kantorei“ in die Hände von Gundula Kretschmar übergehen. Mit der Organistin der Apostelkirche teilte Erdt in den letzten Jahren nicht nur seine Stelle, sondern auch das vierhändige Orgelspiel. Mit dieser Leidenschaft werde er auch nach seinem Ruhestand in November nicht aufhören, verspricht der 63-Jährige. „Und darüber hinaus bleibe ich aktiv als Glockensachverständiger und als zweiter Vizepräsident im Evangelischen Chorverband Bayern.“ Wenn Kretschmar ihn als Chorleiter haben wolle, stehe er zur Verfügung, „aber künftig ist sie die Chefin, der ich dann auch freie Hand lassen will“.

Erdts persönlicher Traum ist es, die für 2020 geplante Einstudierung der Werke von Marcel Dupré mitsamt der konzipierten Reise nach Moskau und Sankt Petersburg mit den 47 angemeldeten Sängern nachholen zu können. „Vielleicht ist es ja auch ein Wink von oben, dass Dupré im Jahre 2021 ein rundes biografisches Jubiläum hat.“

VON ANDREAS BRETTING

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