Große Auswahl: Kreisrat Klaus Gast (l.) und Kreiskämmerer Norbert Merk (M.) vor den Vorführmodellen der verschiedenen Luftreiniger, die bei der Kreistagssitzung ausgestellt wurden.
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Große Auswahl: Kreisrat Klaus Gast (l.) und Kreiskämmerer Norbert Merk (M.) vor den Vorführmodellen der verschiedenen Luftreiniger, die bei der Kreistagssitzung ausgestellt wurden.

Ein bisschen lüften

Hitzige Debatte um Luftreiniger für Schulen - Kreistag Weilheim-Schongau entscheidet sich für Kompromiss

  • Sebastian Tauchnitz
    VonSebastian Tauchnitz
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Ausgewählte Klassenzimmer in den Schulen in Trägerschaft des Landkreises sollen bis Ende Oktober mit mobilen Luftreinigern ausgestattet werden. Darauf einigte sich der Kreistag nach hitziger Debatte.

Landkreis – Es hatte sein Gutes, dass das Landratsamt eine Batterie unterschiedlicher Luftreinigeranlagen in die Tiefstollenhalle nach Peißenberg hatte karren lassen, damit sich die Kreisräte ein Bild von den Geräten und dem Lärm machen konnten, den sie verursachen (oder nicht).

Denn neben dem offensichtlichen informativen Aspekt sorgten die Luftreiniger auch dafür, dass trotz hitziger Debatte der Sauerstoff im Saal nicht knapp wurde und alle einen halbwegs kühlen Kopf bewahren konnten.

Landrätin und Kämmerer zweifeln an Luftreiniger-Geräten

Den Anfang machte Landrätin Andrea Jochner-Weiß: „Wenn wir alle wüssten, dass die Geräte wirklich schützen und verhindern, dass im Herbst die Schulen geöffnet bleiben können, würden wir sicher alle sofort zustimmen“, sagte sie. Aber selbst Virologen seien sich nicht einig, ob die mobilen Luftreiniger nun funktionieren oder nicht. „Am besten wäre es, wenn wir überall fest installierte Lüftungsanlagen hätten wie an den Gymnasien in Weilheim und Schongau“, so die Landrätin. Diese würden allerdings zwischen 10 000 und 15 000 Euro pro Raum kosten und ließen sich nicht kurzfristig einbauen.

Kreiskämmerer Norbert Merk machte ein weiteres Mal aus seinem Herzen in dieser Sache keine Mördergrube. In 40 Dienstjahren habe er so etwas noch nicht erlebt, sagte er, bevor er versuchte, den Kreisräten in seinem Vortrag die aktuelle Sachlage zu erläutern. Mit Betonung auf „aktuell“, denn es ändere sich nahezu täglich etwas, so Merk.

Er berichtete über die Fördermöglichkeiten – der Freistaat steuert maximal 1750 Euro pro Gerät bei, der Bund legt noch einmal rund 175 Euro drauf. Merk wies aber auch darauf hin, dass die tatsächlich anfallenden Kosten deutlich höher lägen. „Gerechnet auf eine Nutzungsdauer von vier Jahren kommen wir bei rund 5000 Euro für ein Gerät mit HEPA-Luftfilter raus, bei einem UV-C-Gerät, die neuerdings auch zugelassen sind, wären wir bei 3200 Euro für diesen Zeitraum.“

Diese Kosten „geben den Stand jetzt wieder. Wie sich die Gerätepreise entwickeln, wenn aufgrund des ,Konjunkturpakets für die Luftreinigerbranche’ des Freistaats Bayern jetzt alle gleichzeitig derartige Geräte bestellen, wird sich zeigen“, so Merk.

Kämmerer kritisiert Studie zu Luftreinigern

Hart ins Gericht ging der Kreiskämmerer mit der Studie der Bundeswehr-Universität Neubiberg, die derzeit „immer wieder herausgekramt wird, um die Wirksamkeit der Anlagen zu belegen“. Diese Studie fuße auf Daten, die die Hersteller von Luftreinigern selbst bereit gestellt haben und sei über die Drittmitteleinwerbung von besagten Anbietern finanziert worden, so Merk.

Er wies auch nochmals darauf hin, dass „die Geräte, wenn wir sie mit Fördermitteln kaufen, drei Jahre lang betrieben werden müssen“. Sei es einzelnen Lehrern dann doch zu laut, weil die Geräte auf Volllast laufen müssen, um die nötigen Luftmengen umzuwälzen, und die Geräte würden ausgeschaltet, dann „müssten wir das Geld zurückzahlen. Und die Kontrollieren das, die Geräte haben eine Betriebsstundenaufzeichnung“, so Merk.

Am Ende müsse der Kreistag entscheiden, sagte er. Es gebe drei Varianten. Erstens: man kauft gar keine Luftreiniger. Zweitens: Man stattet jedes der 550 Klassenzimmer mit einem solchen Gerät aus, allerdings unter der Maßgabe, dass der Freistaat garantiert, dass dann im Herbst keine Schulschließungen erfolgen. Oder, Variante 3: Nur die Klassenräume, die sich schlecht lüften lassen, werden ausgerüstet. Welche das sind, prüft ein Planungsbüro. Merk rechnet bei dieser Variante mit 15 bis 25 Prozent aller Klassenzimmer, die mit einem Luftreiniger ausgerüstet würden.

Luftreiniger für Schulen im Landkreis Weilheim-Schongau? Hitzige Debatte

In der darauffolgenden Debatte ging es heiß her. Für Markus Bader (SPD/Rottenbuch) stellte sich die Frage der Verhältnismäßigkeit: „Das ist nur eine Ersatzhandlung.“ Kinder und Jugendliche seien keine Treiber der Pandemie. Wenn diese zwar infiziert seien, „aber keinerlei Symptome aufweisen, dann kann man nicht von einer Krankheit sprechen.“ Zudem müsse sich das Immunsystem von Kindern entwickeln: „Wir wollen keine Viren-, Keim- und Pollenfreiheit in den Schulen.“ Auch ökologisch gesehen wäre der Kauf der Luftreiniger Unsinn: „Wir kaufen dann heute nur den Elektroschrott von morgen.“

Das brachte ihm scharfe Kritik, unter anderem von Peter Maier (Linke/Penzberg), ein: „Corona ist kein Schnupfen. Und die Kinder haben schon genug unter der Pandemie gelitten.“

Kreisrat Markus Kunzendorf (ÖDP/Oberhausen) machte sich erneut für die Eigenbau-Lösung der Max-Planck-Gesellschaft stark, die Merk kurz zuvor ein weiteres Mal als „Bastellösung“ bezeichnet hatte. Merk entgegnete scharf: „Wer soll die Dinger denn einbauen? Ich habe bis jetzt das Angebot von einem Mann, der das in einem Klassenzimmer einbauen will.“ Wenn man auf diese Lösung setze, müsse man Fachfirmen beauftragen, jedes eine Klassenzimmer danach brandschutztechnisch prüfen lassen – ohne Fördermittel. „Das wir keinesfalls günstiger“, prognostizierte er.

Kerstin Engel (Grüne/Penzberg) sah im Einbau der Luftreiniger einen wichtigen Schritt, um die Pandemie einzudämmen. Die Kinder würden sonst die Eltern und Großeltern anstecken, weil die Impfung nicht wirke, so Engel. Das brachte ihr einen Rüffel von der Landrätin ein: „Wer die Gesellschaft schützen will, soll sich impfen lassen.“

So waberte die Debatte noch sehr lange hin und her. Am Ende waren nur Teile der SPD und die AfD dafür, gar keine Luftreiniger zu kaufen. Fünf Kreisräte – darunter mehrere CSU-Mitglieder – wollten alle Klassenzimmer ausstatten. Die überwältigende Mehrheit sprach sich für Variante 3 aus: Ein Planer stellt fest, welche Klassenzimmer sich schlecht lüften lassen. Diese werden mit Luftreinigern ausgestattet. Als Frist dafür wurde der 30. Oktober festgesetzt. Zudem wurde beschlossen, dass bei allen künftigen Generalsanierungen und Neubauten im Schulbereich „angestrebt“ werden soll, professionelle Belüftungsanlagen einzubauen. Unklar ist, woher das Geld für die Umsetzung des Beschlusses kommen soll. Kämmerer Norbert Merk kündigte Haushaltssperren und einen Nachtrag an.

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