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Gefährliche Funde bei Bauarbeiten: Der Weltkrieg wirkt im Landkreis nach

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250-Kilo-Fliegerbombe, die 2014 in Weilheim am Bahnhof entdeckt worden war.
Fundort Weilheim: Im Mai 2014 wurde eine 250-Kilo-Fliegerbombe bei Bauarbeiten am Bahnhof entdeckt. © EMANUEL GRONAU

Fliegerbomben, Tellerminen, Granaten – in der jüngeren Vergangenheit wurden im Landkreis bei Bauarbeiten Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Ein bayernweiter Trend ist, dass diese Funde zunehmen. Experten wundert das keineswegs.

Landkreis – Die Weilheimer Verwaltung bekommt von Alexander Huber ein gutes Zeugnis ausgestellt. Geht es um das Verhalten bei einem Kampfmittelfund, dann „weiß die Stadt schon, was zu tun ist“, sagt der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Allein in den vergangenen Jahren waren dreimal (2007, 2014 und 2018) größere Absperrungen und sogar Evakuierungen nötig gewesen, nachdem jeweils bei Bauarbeiten am Bahnhof eine Fliegerbombe entdeckt worden war. Die Polizei unterstützt in solchen Fällen die „Sicherheitsbehörden“ (Gemeinde/Landratsamt) bei Verkehrssperrungen und der Information der Bevölkerung.

Bombenfunde: Dreimal Sperrungen und Evakuierungen in Weilheim

Abgeriegelt war vor wenigen Wochen ein Bereich in Seeshaupt: Dort war bei Baggerarbeiten im Uferbereich eine Phosphorgranate aufgetaucht, die sogar auslöste. Verletzte gab es keine (wir berichteten). Im Juli 2018 war Schongau von einer umfassenden Verkehrssperrung betroffen. Bei den Sanierungsarbeiten an der Brücke über den Mühlkanal waren jede Menge Weltkriegsreste (darunter eine Tellermine und eine Handgranate) aus dem Wasser gefischt worden.

Sprengmeister Martin Tietjen mit einer 250-Kilo-Bombe, die 2014 in Weilheim gefunden wurde.
Fundort Weilheim: Im Mai 2014 wurde am Bahnhof bei Arbeiten eine 250-Kilo-Fliegerbombe entdeckt. Sprengmeister Martin Tietjen entschärfte sie. © EMANUEL GRONAU

Eine detaillierte Statistik über die Funde gibt es für den Landkreis Weilheim-Schongau nicht, teilte das Landratsamt mit. Besonders aufwändig, so die Behörde, seien die Evakuierungen 2014 in Weilheim nach dem Fund einer 250-Kilo-Fliegerbombe gewesen. Laut bayerischem Innenministerium wurden im Jahr 2018 im Freistaat rund 120 Tonnen Kampfmittel beseitigt – das waren 50 Tonnen mehr als im Jahr 2017. Über 1100 Meldungen gingen bei den Experten des Räumdienstes ein.

An der Brückenbaustelle am Mühlkanal suchen Taucher im Sommer 2018 nach Kampfmitteln.
Fundort Schongau: An der Brückenbaustelle am Mühlkanal suchten Taucher im Sommer 2018 nach Kampfmitteln – und wurden fündig. © Hans-Helmut Herold

Für eine Entschärfung eines Kampfmittels sind in Bayern die Sprengkommandos in München und Nürnberg zuständig. „Für die Beseitigung konkreter Gefahren, die von Kampfmitteln auf Grundstücken ausgehen, sind grundsätzlich die Grundstückseigentümer verantwortlich“, so das Landratsamt. Bei Baumaßnahmen „liegt die Verantwortung bei den Bauherren“. Bei größeren Bauvorhaben werden in der Regel Fachfirmen mit Erkundungen beauftragt, Adressen gibt es auf der Homepage des bayerischen Innenministeriums.

Kampfmittel stammen zum großen Teil aus dem Zweiten Weltkrieg

Ein solches Unternehmen zur Kampfmittelbeseitigung führt Andreas Besel. Der 38-jährige Ohlstadter hat bei der Bundeswehr die Ausbildung zum „Fachkundiger Munition“ absolviert. Danach besuchte er die Dresdner Sprengschule, legte dort mehrere Prüfungen ab. Besel kennt sich mit „Nato-Munition“ sowie mit Munition aus beiden Weltkriegen aus. Die Firma mit fünf Mitarbeitern betreut Projekte vor allem in Rosenheim und München – Baugrunderkundung, Luftbildauswertung, Bodenradar etc. gehören zum Katalog. Unter anderem untersuchte Besel das Gelände, auf dem der FC Bayern sein Nachwuchsleistungszentrum baute. Im Zuge des Granatenfundes in Seeshaupt war der Ohlstadter auch in Aktion: Im Nachgang nahm er das ausgegrabene Erdreich unter die Lupe, in dem sich die Granate befunden hatte. Mit weitergehenden Maßnahmen sei er nicht betraut. Eine Anfrage sei eingegangen, „doch eine Seeräumung ist schon schwieriger und aufwändiger“.

Große Bauprojekte „laufen übers ganze Jahr“, sagt Besel. Das heißt auch, dass die Fachfirmen mit entsprechend Vorlauf planen und ihre Mitarbeiter einsetzen. Kurzfristig „auf die Schnelle kann man nicht agieren“, sagt Besel. Bedarf ist da: Die Unternehmen „sind alle ausgebucht“. Dass mehr Kriegsmaterial gefunden wird, liegt Besel zufolge auch daran, dass für Bauvorhaben mittlerweile Flächen erschlossen werden (zum Beispiel neben Bahnstrecken), von denen man weiß, dass sie mit Rückständen belastet sein könnten. „Man kann sich das leisten, es zu entsorgen“, so der Ohlstadter.

Im Juli 2020 tauchte bei Baggerarbeiten am Starnberger See in Seeshaupt eine Phosphorgranate auf.
Fundort Seeshaupt: Im Juli 2020 tauchte bei Baggerarbeiten am Starnberger See eine Phosphorgranate auf, die im Wasser sogar losging. © Gisela Schregle

Fliegerbomben als „Zufallsfunde“ auf Baustellen – das ist für Besel ein Unding. „Wenn das passiert, ist was schief gelaufen.“ Denn größere Bauprojekte erfordern in der Regel eine Vorerkundung. Bei den Funden in Weilheim und Schongau, weiß Besel, wurden die Bauarbeiten „kampfmitteltechnisch begleitet“. Nach Überbleibseln aus dem Weltkrieg wurde also konkret gesucht. Für die Fachfirmen sind Funde nichts Außergewöhnliches. „In der Regel finden wir jeden zweiten Tag Munition“, sagte Besel. Solange es aber keine Straßensperren oder Evakuierungen gibt, fällt das nicht groß auf.

Polizei rät: Gefundene Kampfmittel ja nicht anfassen

Bis auf wenige Beispiele – der Bahnhof Weilheim gehört dazu – war das Oberland im Zweiten Weltkrieg nicht von Kampfhandlungen oder Flugangriffen betroffen. Munition wurde eher von der sich zurückziehenden Wehrmacht weggeworfen, vergraben oder in Gewässern verklappt. Wer als Wanderer zufällig auf Kampfmittel stößt, dem rät die Polizei: Finger weg! Am besten sei, so Pressesprecher Huber, das Fundstück liegen zu lassen, nichts anzufassen und die Polizei zu informieren. Sie veranlasst alles Weitere, dafür gibt es spezielle „Meldewege“ zu Gemeinden, Behörden, Firmen. Huber betont: Selbst die Polizisten, die sich mit Munition etwas mehr auskennen als der Normalbürger, „rühren nichts an“.

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