+
Unter Strom: Eva Baumhauer und Sven Kruse mit ihrem elektrischen Verkaufsschlager, dem Renault Zoe. Lieferzeit: aktuell bis zu zwölf Monate.

Wie geht es weiter?

Der Diesel und die Krise: Totgesagte leben länger

  • schließen

Am Wochenende drehte sich bei der Weilheimer Auto- und Motorradausstellung wieder nahezu alles um des deutschen liebstes Kind, das Auto. Doch in letzter Zeit wird diese Liebe einer erheblichen Bewährungsprobe unterzogen. Viele fragen sich: Für welche Antriebsform sollte man sich heute entscheiden? Wir haben nachgefragt.

Landkreis – Alois Hurle ist Dieselfahrer aus Überzeugung. Der Pensionär genießt seinen Ruhestand und ist viel unterwegs in der Welt. Als vor Jahren die Entscheidung für einen neuen Wagen anstand, ging er auf Nummer sicher. Ein Volkswagen mit einem Dieselmotor sollte es sein. Sauber, sparsam, vernünftig, solide – das versprach die Werbung.

Jahrelang war Hurle sauber, sparsam, vernünftig und solide unterwegs. Er berichtet gern davon, wie er auf seinen Fahrten an den Plattensee in Ungarn „deutlich unter fünf Liter auf 100 Kilometer“ verbraucht hat. Dann kam die Dieselkrise. VW räumte ein, mit Softwaretricks geschummelt zu haben, um die Abgaswerte zu schönen. Auch Hurles vermeintlich sauberer Volkswagen entpuppte sich als Stinker.

„Ich habe dann lange gewartet, bis das Softwareupdate, auf das sich Hersteller und Bundesregierung verständigt haben, eingespielt werden konnte“, berichtet er im Gespräch mit der Heimatzeitung. Kaum war die Aufforderung da, war er auch schon in der Werkstatt. Auf das der Wagen wieder sauber werde.

Dass er sauberer ist, hat Hurle jetzt schwarz auf weiß. Ob er das wirklich ist, weiß der Fahrer aber nicht. Was er hingegen genau weiß, ist, dass sein Volkswagen seitdem nicht mehr sparsam ist. Von Fabelwerten wie den knapp fünf Litern auf dem Weg zum Plattensee ist Hurle mittlerweile weit entfernt. „Rund zwei Liter mehr nimmt er schon“, sagt der Pensionär und zuckt mit den Schultern.

Die Pflicht zum Software-Update

So entspannt wie Hurle nimmt das naturgemäß nicht jeder Autofahrer auf. Und so meinte so mancher, dass er auf die neue Software, durch die der Verbrauch deutlich steigt, lieber verzichten würde. Der Brief des Kraftfahrtbundesamtes landete im Papierkorb und die Sache war erledigt. Doch so einfach ist das nicht. Die Kfz-Zulassungsstelle des Landratsamtes ist dafür zuständig, dass wirklich jeder Schummel-Diesel ein Update bekommt. Und sie setzt das im Zweifelsfall rigoros durch. Wie auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt wurde, hat das Landratsamt mittlerweile zehn Fahrzeughalter im Landkreis Weilheim-Schongau angeschrieben und darauf hingewiesen, dass sie binnen zweier Wochen in der Werkstatt das entsprechende Update einspielen lassen müssen.

Der Diesel ist stark in Verruf geraten. Trotz Schummelsoftware und drohenden Fahrverboten in München sind viele auf den Antrieb angewiesen.

„Dieser Aufforderung sind dann auch alle Fahrzeughalter nachgekommen“, berichtet die Pressestelle des Landratsamtes. Damit haben sich die Betroffenen eine Menge Ärger erspart. Denn gesellt sich das Schreiben des Landratsamtes im Papierkorb zu dem des Kraftfahrtbundesamtes, dann folgt ein weiterer Brief mit einer sehr knappen Frist – und dann erlöscht die Betriebserlaubnis des betroffenen Fahrzeugs.

Drohen im Landkreis Fahrverbote?

Momentan sind im Landkreis Weilheim-Schongau 29 874 Autos aller Schadstoffklassen mit Dieselantrieb zugelassen. Im vergangenen Jahr wurden 6490 Diesel neu zugelassen (2016: 7294). Derzeit gibt es nach Angaben des Landratsamtes im Kreis keine Umweltzonen, in denen die Einfahrt mit einem Diesel der Schadstoffklasse Euro 2 oder Euro 3 verboten wäre. In nächster Zeit sei auch die Einrichtung solcher Zonen nicht geplant, hieß es weiter. 

Dafür würde auch die nötige Datenbasis fehlen – im Landkreis Weilheim-Schongau gibt es derzeit keine Messstationen, die die Schadstoffbelastungen messen würden, hieß es aus der Landkreis-Verwaltung. Auch an der B2, die einmal quer durch die Weilheimer Innenstadt führt, werden Feinstaub- und Stickoxydbelastungen nicht erhoben. Insofern können knapp 30 000 Dieselfahrer vorerst entspannt aufatmen: Zumindest im Landkreis können sie auf absehbare Zeit weiterhin überall hinfahren.

Was wären die Alternativen?

Dennoch überlegen viele, ob der Dieselmotor als Antrieb noch zukunftsträchtig ist. Am Wochenende war Auto- und Motorradmesse in Weilheim. Dabei haben sich viele regionale Autohäuser mit ihren Produkten präsentiert. Was dabei im Vorfeld auffiel: Der Diesel spielt in der Außendarstellung der Autohäuser kaum noch eine Rolle. Viel mehr Augenmerk wird auf alternative Antriebsformen gelegt. Dabei bieten sich verschiedene Konzepte an. Zum einen ist da der reine Elektroantrieb. Das Auto hat keinen Verbrennungsmotor, sondern wird an der (Starkstrom-)Steckdose aufgeladen.

Dann gibt es die so genannten Plugin-Hybride: Das sind Autos, die sowohl einen Benzin-Motor als auch einen Elektroantrieb haben. Letzterer kann an der Steckdose aufgeladen werden. Reine Hybridmodelle werden ausschließlich über den Verbrennungsmotor aufgeladen, haben nur kleine Akkus und dementsprechend auch nur eine vergleichsweise geringe Reichweite, wenn sie ausschließlich elektrisch betrieben unterwegs sind.

Noch in den Kinderschuhen steckt die Brennstoffzellentechnik. Hier tankt man flüssigen Wasserstoff, der in elektrischen Strom umgewandelt wird. Dadurch spart man sich theoretisch auf langen Strecken stundenlange Pausen, um das Auto wieder aufzuladen. Abgesehen davon, dass die paar Autos, die schon mit dieser Technik ausgerüstet sind, immens teuer sind: Im Landkreis Weilheim-Schongau gibt es derzeit nicht eine einzige Wasserstofftankstelle. Die nächste befindet sich im Südosten von München.

Zahl der E-Autos verdreifacht sich

Der Trend zu alternativen Antriebskonzepten ist allerdings zweifelsohne auch im Landkreis angekommen. Die Zahl der reinen Elektroautos hat sich von 2015 (53 Fahrzeuge) bis Anfang 2018 (149 E-Autos) fast verdreifacht. Die Zahl der Hybridfahrzeuge stieg im selben Zeitraum von 165 auf 287, die der Plugin-Hybride von 14 auf 90. Bedenkt man allerdings, dass im Landkreis heuer 84 777 Autos zugelassen sind, fristen die Elektroautos und Hybridfahrzeuge weiterhin ein Nischendasein in der Region.

Was sagen die Autohändler?

Für Birgit Doleschal, Geschäftsführerin des gleichnamigen Renaulthändlers in Weilheim, hat sich das Geschäft in den vergangenen beiden Jahren drastisch geändert. „Die Nachfrage nach Dieselautos tendiert in den vergangenen anderthalb Jahren gegen Null“, berichtet sie. Mittlerweile werde es aber wieder etwas besser. Auch weil Menschen, die sehr oft lange Strecken fahren, derzeit um einen Diesel kaum herumkommen. Und weil die Kunden mittlerweile realisiert haben, dass die neuen Diesel mit der Schadstoffnorm Euro 6 ausgeliefert werden und damit – nach derzeitigem Kenntnisstand – auch keine Probleme hätten, in die Münchener Innenstadt zu kommen. „Viele Kunden warten dennoch erst einmal ab. Auch, weil die Preise für gebrauchte Dieselfahrzeuge momentan absolut im Keller sind“, so die Autohändlerin. Das merken nicht nur Autobesitzer, die sich von ihrem Euro 4- oder 5-Diesel trennen wollen, sondern auch Leasing- und Finanzierungskunden: „Weil der Restwert geringer ist, fallen die Raten unter Umständen höher aus“, sagt Birgit Doleschal.

Birgit Doleschal, Geschäftsführerin des gleichnamigen Renault-Händlers.

Renault hat bereits etliche reine Elektroautos im Angebot. Ist da ein spürbarer Nachfrageboom bemerkbar? „Derzeit ist etwa jeder zehnte Neuwagen, den wir verkaufen, ein Elektroauto“, verrät sie und spricht aber auch offen die Probleme an. „Da wäre zunächst einmal die Verfügbarkeit. Wenn bei mir heute jemand einen Renault Zoe bestellt, dann schreibe ich sicherheitshalber eine Lieferfrist von zwölf Monaten auf den Vertrag.“ Denn der Hersteller kommt mit der Produktion nicht nach.

Desweiteren sei es so, dass „Elektroautos trotz staatlicher Förderung um einiges teurer sind als ein normaler Kleinwagen mit Benzinantrieb“. Da könnten durchaus Preisunterschiede von bis zu 10 000 Euro auftreten. „Elektroautos kaufen derzeit vor allem Enthusiasten. Viele andere kommen, informieren sich und kaufen schlussendlich ein Auto mit Verbrennungsmotor“, berichtet sie. Das freue am Ende auch den Werkstattmeister, denn im Gegensatz zu den E-Autos sei der Wartungsaufwand bei Benzinern deutlich höher.

Auch Hans Medele, Seniorchef des Mercedeshändlers MedeleSchäfer in Weilheim, sieht den Verbrennungsmotor noch lange nicht am Ende. „Ganz im Gegenteil: Ich glaube auch weiterhin an den Diesel.“ Das Antriebskonzept habe noch Potenziale, die genutzt werden könnten. Was es jetzt brauche, wären klare Richtlinien seitens der Politik.

Hans Medele, Seniorchef des Mercedes-Autohauses.

Auch er spürt die Auswirkungen der Debatte über Schummelsoftware und mögliche Fahrverbote: „Früher lag der Dieselanteil im Neuwagengeschäft bei uns bei rund 50 Prozent, mittlerweile sind wir bei 30 bis 40 Prozent.“ Ansonsten lobt Medele die Unterstützung durch den Hersteller: „Die Einbußen, die wir bei Diesel-Leasingrückläufern und im Gebrauchtwagengeschäft mit Dieselfahrzeugen machen, übernimmt Mercedes zu erheblichen Teilen.“

Für Medele ist nach wie vor klar: „Hier bei uns auf dem Land sind Fahrverbote kein Thema. Wer viel fährt, dem rate ich nach wie vor zum Diesel.“ In den kommenden Jahren werden auch Mercedes in das Geschäft mit Elektroautos einsteigen.

Die Marke Smart wird demnächst ausschließlich Stromflitzer verkaufen, zahlreiche größere Mercedes-Modelle seien in Entwicklung. „Dennoch rechne ich damit, dass in Zukunft deutlich genauer hingeschaut werden muss, welches Fahrprofil der einzelne Kunde hat. Wieviel er fährt, wo er fährt, wie lang die Strecken sind. Dann wird es für jeden Kunden das richtige, passende Auto geben: den Benziner, den Diesel, den Hybrid und das reine Elektrofahrzeug.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Starnberger See: Stand-Up-Paddler stürzt unterkühlt ins Wasser - er hatte Riesenglück
Wäre der Stand-Up-Paddler wenige hundert Meter später ins Wasser gestürzt, hätte er vielleicht nicht überlebt. Doch dem Ort und den Menschen dort verdankt er nun sein …
Starnberger See: Stand-Up-Paddler stürzt unterkühlt ins Wasser - er hatte Riesenglück
Schlagabtausch ums „Gärtnereiquartier“
Das Thema „Gärtnereiquartier“ zieht offenbar die Leute an. Bei der Bürgerversammlung in Sees-haupt am Donnerstagabend war der Saal mit etwa 120 Besuchern gut gefüllt. …
Schlagabtausch ums „Gärtnereiquartier“
Perfekter Gesundheitsservice: Mehr als 20 Ärzte unter einem Dach
Es war am Anfang eine schwere Geburt gewesen, entsprechend zufrieden und erleichtert waren die Beteiligten nun: Am Freitag wurde das neue Weilheimer Ärztehaus an der …
Perfekter Gesundheitsservice: Mehr als 20 Ärzte unter einem Dach
Was für eine Posse: Straßenmarkierung wird erst vergessen, dann fällt das Material vom Lkw
Das ist wirklich nicht zu fassen: Erst wurde die Erneuerung der Straßenmarkierung an der Sonnenstraße in Peißenberg vergessen, dann fiel das Material bei der Anlieferung …
Was für eine Posse: Straßenmarkierung wird erst vergessen, dann fällt das Material vom Lkw

Kommentare