+
Erinnerungsaustausch im Dezember 2016: (v.l.) Erwin Ulrich, Wiggerl Kranner und Franz Schesser. Doch am Aus für die „Dietlhofer Sänger“ ist nicht zu rütteln.

Nach dem Tod von Josef Vatter

„Dietlhofer Sänger“ treten nicht mehr auf

Weilheim - Nach dem Tod von Gründungsmitglied Josef Vatter haben die „Dietlhofer Sänger“, die auf eine 50-jährige Geschichte zurückblicken können, einen schwerwiegenden Entschluss gefasst: Sie treten nicht mehr auf.

1973 hatten die „Dietlhofer Sänger“, die damals noch „Weilheimer Sänger“ hießen, erstmals zum „Altbairischen Adventsingen“ in St. Pölten eingeladen. Seither stimmte diese Veranstaltung alljährlich am ersten Adventssonntag auf die „staade Zeit“ ein – und sammelte dabei Tausende von Euro für soziale und kirchliche Zwecke. Doch dieses Jahr, ausgerechnet zum 50. Jubiläum des Ensembles, das mit dem Weilheimer Kulturpreis, dem Kulturpreis der Hanns-Seidel-Stiftung für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der bayerischen Volksmusik wie auch dem Willi-Mauthe-Preis ausgezeichnet wurde, war alles anders: Gründungsmitglied Josef Vatter starb am 28. Oktober im Alter von 83 Jahren. Die drei verbliebenen Sänger – Wiggerl Kranner (72), Franz Schesser (82) und Erwin Ulrich (73) – wollen ohne ihren Sepp nicht mehr weiter machen und sagten alle schon vereinbarten Termine ab.

„Da müsste sich ja jemand finden, der klanglich, aber auch altersmäßig und charakterlich zu uns passt. Das wäre ein riesiger Zufall“, erklärt Ulrich. Und Schesser ergänzt: „Außerdem würde es an die zwei Jahre dauern, bis wir in der neuen Besetzung zu unserer gewohnten Form zurückfinden würden und auftreten könnten.“ Nein, die drei Männer nicken sich zu: Das Aus ist beschlossene Sache. Obwohl sie zu viert gerne noch ein Weilchen weiter gemacht hätten. „Auf jeden Fall, solange die Gesundheit mitgespielt hätte“, so Kranner. Und wie sie da so beieinander sitzen, strahlen sie so viel Energie und Vitalität aus, dass man davon überzeugt ist: Es hätten noch ein paar schöne Jährchen werden können.

Doch so endete das Jubiläumsjahr unverhofft und ungeplant mit dem letzten gemeinsamen Auftritt am 29. Mai: „Bei einer Mai-Andacht in der Iffeldorfer Heuwinklkapelle“, erzählt Schesser. Ein Konzert in Altenstadt sowie der alljährliche Auftritt im Advent auf dem Rathausbalkon in München mussten wegen der Erkrankung Vatters dann schon ausfallen. „Dabei war der Sepp so fit“, erinnern sie sich. „Er hat dauernd gesungen, sich selbst dazu am Klavier begleitet. Er war ein Musiker – durch und durch!“

Eigentlich arbeitete Vatter aber als Industriemeister bei „Zarges“. Und auch die anderen Sänger waren in unkünstlerischen Berufen tätig: Kranner als Familienrichter am Weilheimer Amtsgericht, Ulrich als Religions- und Englischlehrer am Gymnasium Weilheim, und Schesser als Raumausstattermeister. Dabei hatte es ihm die Musik seit jeher angetan: „Ich wollte als Bub schon zu den Regensburger Domspatzen, aber der Vater hat es nicht erlaubt.“ Dann wollte der junge Schesser wenigstens das Zitherspiel erlernen. Doch auch das kam anders: „Der Pfarrer hat gesagt: ‚Du hast Talent, du lernst jetzt Orgel!’ Er hat halt einen Organisten gebraucht. Und dann musste ich eben in allen Gottesdiensten Orgel spielen…“ Doch die Liebe zur Musik konnte auch das nicht trüben. Schesser machte den staatlichen Musiklehrerabschluss nach, begann 1980 an der neu gegründeten Penzberger Musikschule zu unterrichten und bereicherte diese als Volksmusikspezialist.

Vier Männer mit ganz verschiedenen Lebensläufen, die gleichwohl seit 1992, dem Jahr, in dem sich diese Besetzung fand, einen großen Teil ihres Lebens miteinander verbracht haben. Begonnen hat die Geschichte der „Dietlhofer Sänger“ indes schon im Jahr 1966: Als „Weilheimer Turmsänger“ traten Willi Baudrexl , Sepp Vatter, Erwin Ulrich und Alfred Hohenadl mit der Aufführung der „Bauernmesse“ von Annette Thoma in der Weilheims Spitalkirche auf. 1969 ersetzte Fritz Weber Willi Braudrexl; das Ensemble nannte sich nunmehr „Weilheimer Sänger“. 1973 erfolgte die Umbenennung in „Dietlhofer Sänger“, da das Gut Dietlhofen die Schwaige der Spitalkirche ist, der sie sich sehr verbunden fühlen. Nach dem Tod von Alfred Hohenadl kam Franz Schesser 1986 als vierte Stimme und Zitherbegleiter hinzu, nach dem beruflich bedingten Ausscheiden von Fritz Weber 1992 Wiggerl Kranner als erste Stimme.

Geprobt hat das Quartett wöchentlich, vor Auftritten natürlich zusätzlich. Danach saß man oft noch gemütlich beieinander. Nicht jedoch nach den Proben, da ging es sofort nach Hause. „Wir waren schließlich alle streng verheiratet“, so Schesser schmunzelnd. Will heißen: Die Ehefrauen wachten darüber, dass die Probenarbeit im Vordergrund stand. Ohne deren wohlwollende Unterstützung hätte das Quartett seinem ausufernden Hobby freilich so nicht nachgehen können: „Wenn die Frau dagegen ist, dann kannst du das gleich vergessen“, sind sie sich einig. Als kleines Dankeschön haben sie die Gattinnen denn auch mindestens einmal im Jahr zum großen Essen zu acht eingeladen.

Bei über 50 Auftritten pro Jahr, besonders viele in der Adventszeit, hat die Familie eben oft auf den Mann und Vater verzichten müssen. „Im Pfaffenwinkel sind wir in nahezu jeder Kirche aufgetreten“, erzählt Kranner. „Darüber hinaus im ganzen Landkreis, aber auch in München oder Regensburg“, ergänzt Schesser. Die Mehrzahl der Auftritte fand in Kirchen statt, aber auch bei Musikantentreffen in Wirtshäusern wirkten die Vier oft und gerne mit.

Dass mit dem Ende ihrer Ensemblearbeit auch ihre Literatur ein Stück mehr ausstirbt, bedauert Ulrich sehr. „Aber es gibt ja keine jungen Sänger, die unsere Nachfolge antreten könnten.“ Woran das wohl liegt, ist schnell geklärt: „Es wird heute viel zu wenig gesungen – in der Schule wie im Elternhaus. Die Leute lassen heute lieber Musik machen.“ Dabei wären die drei Männer gerne bereit, jungen, sangeswilligen Männern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Und eines liegt Schesser, Kranner und Ulrich abschließend noch am Herzen: „Wir möchten allen danken, die uns in der langen Zeit unterstützt und gefördert haben, insbesondere natürlich unseren treuen Zuhörern.“

Sabine Näher

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

„Scherzbolde“ bestellen Pizzen
Einen Spaß wollten  sich wohl drei Jugendliche (14, 16 und 17 Jahre alt) aus Weilheim am Mittwoch und Donnerstag machen. Sie bestellten mehrmals Pizzen und Getränke bei …
„Scherzbolde“ bestellen Pizzen
Zwei Autos beschädigt
Die Penzberger Polizei meldete zwei beschädigte Autos. Die Ermittlungen nach den Tätern laufen.
Zwei Autos beschädigt
Wasseraufbereitung macht noch Probleme
Peißenberg – Eigentlich sollte die „Rigi-Rutsch’n“ mit Beginn der Pfingstferien am 3. Juni wiedereröffnen. Doch bei einem Pressegespräch gestern Vormittag hieß es von …
Wasseraufbereitung macht noch Probleme
Unfallflucht in der Innenstadt
In Penzberg fuhr ein Unbekannter ein Auto an und flüchtete. Zu dem Ärger kommt ein hoher Schaden.
Unfallflucht in der Innenstadt

Kommentare