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Vorsicht, hier könnten jederzeit Fäuste fliegen oder Ehen zerbrechen... (v.l.) Sebastian Schmederer, Mario Dietl, Cornelia Franjga und Herbert Leistner bei der „Kellertheater“-Premiere am Freitagabend. 

Dramödie „Der Vorname“

„Kellertheater“ war in jeder Hinsicht bombig

Das „Kellertheater“ inszenierte die frische französische Dramödie „Der Vorname“ rund um einen explosiven Abend unter Freunden. Die überraschende Wortkomik in den Sticheleien und die emotionsgeladene Spielweise der fünf Darsteller fesselten  das Premierenpublikum.

Weilheim – Wie hierzulande Baumann und Rosenmüller gelten in Frankreich Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière als spitzig-spritziges Autoren-Duo. „Ob sich deren Humor aber im Deutschen wiedergeben lässt, dessen war ich mir gar nicht sicher“, gestand Herbert Leistner. Die Sorgen des 3. Vorsitzenden des „Kellertheaters“ wurden grandios widerlegt. Der genüsslich in absurden Zuspitzungen sich weidende Humor ist zwar sarkastischer als gewohnt, aber strukturell sofort bekannt. Zudem gibt’s in „Prénom“ (2010 erschienen und 2012 verfilmt) sogar ein vertrautes Frotzeln über plagiierte Doktorarbeiten.

Das Setting sind gegensätzliche Freunde beim Abendessen: Professor Pierre (Sebastian Schmederer) ist politisch links und klopft jedes Wort nach seinem Wertemaßstab ab. An diese Moralapostelei legt der geldige Erfolgstyp „Vincent“ (erstmals in richtig fieser Rolle: Herbert Leistner) die ultimative Zündschnur: Sein Kind soll nach einem Diktator heißen – schließlich reinige dies dann den belasteten Namen… Das radikale Räsonieren über Vornamen-Bedeutungen gerät schwungvoll und pointenreich. Passend zur Örtlichkeit unter der evangelischen Kirche entfacht Schmederer eine beinahe lutherisch eifernde Rede. Beim Publikum wechseln blitzschnell offene Münder und herzhaftes Lachen.

Derweil naht für die Streithansl das nächste Gewitter, denn Spannung liegt auch zwischen den Damen. Doch die Beinahe-Hausfrau und die Karrieristin überlassen die verletzenden Angriffe meist ihren Männern. Jene aber outen sich in den Giftspritzereien immer mehr als Primitivlinge und erzeugen bei ihren Frauen zusehends Verachtung. Weder liebevolle Gesten (Cornelia Franjga) noch tötende Blicke (Karolina Leistner) können nun noch den Stierkampf abwenden. In dieser Konstellation kocht die Luft auf der Bühne. Jederzeit könnten nun Fäuste fliegen oder Ehen zerbrechen – eines davon geschieht auch wirklich… Testosteronsatt, wie sie sind, entdecken die „Freunde“ zuletzt den sanften Musiker „Claude“ als Opfer (erstmals dabei: Mario Dietl aus Penzberg). Aber der hat noch eine versteckte Bombe, die auf ihre Detonation wartet. Bis Franjga der Kragen so dermaßen platzt, dass nunmehr den Männern Hören und Sehen vergeht.

Beeindruckt und wunderbar unterhalten bemerkt man kaum den aktuellen Subtext des Stücks: kompromissloses Rechthabenwollen und die hehre Fahne der „Political Correctness“. Die Wirkung der Namens-Pointe zu eindimensional genommen hat womöglich die Stadt Weilheim. Die hat das von Walter Hurtner designte Baby-Plakat mit angedeutetem Diktatorenbärtchen abgelehnt, berichtete „Kellertheater“-Vorstand Florian Andrä. Wie skandalös „Der Vorname“ in der Regie von Michael Golf und Kurt Pürgstein nun aber wirklich ist, davon lohnt jede Sekunde der eigenen Anschauung.

Weitere Vorstellungen

sind kommenden Freitag und Samstag, 17./18. November, um 20 Uhr sowie am Sonntag, 19. November, um 18 Uhr im Saal unter der Apostelkirche. Karten: Ticketservice in der Sparkasse am Marienplatz.

Andreas Bretting

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