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Dieser Stein hat es Siegfried Erhard angetan. Nun sucht der Hobbyforscher jemanden, der sich weiter um das besondere Stück kümmert.

Siegfried Erhard und sein Fundstück

Ein Riesenstein vom Zellsee, der Rätsel aufwirft

Auch nach Jahrzehnten ist Siegfried Erhard wie elektrisiert wegen seines mutmaßlichen Opfersteins. Mit diesem Begriff umschreiben Altertumsforscher Steine in Findlingsgröße, die mit einer auffälligen Kerbe versehen sind. Dass sein anderthalb Meter langer Sandstein ein solcher Kultstein ist, daran hegt der gebürtige Pollinger keinen Zweifel. Nun möchte er seinen Schatz einem Nachfolger übergeben.

Polling – „Meine Kinder haben an dem Objekt kein Interesse“, bedauert der 80-Jährige. Ihm selber erging es ganz anders: Als er bei einem Spaziergang am Zellsee, zwischen Weilheim und Wessobrunn, vor 40 Jahren auf den Stein stieß, wusste er sofort, dass er etwas Außergewöhnliches entdeckt hatte.

Erhard, der einst für eine Tiefen-Erkundungsfirma arbeitete und den Blick auf den Boden gewöhnt war, fiel zusätzlich zur deutlichen Längsrinne die exakte Ost-West-Ausrichtung auf. Für ihn war klar, dass er diesen Stein haben will.

Schließlich fand er den Grundeigentümer. „Nach dem Stoa haben schon viele gefragt, aber kostenlos geb’ ich den nicht her“, so lautete damals die Antwort des Landwirts. Schließlich wurde man sich handelseinig und mit Hilfe des Weilheimer Steinmetzbetriebes „Mößmer“ gelangte der Findling zunächst in Erhards Garten im Weilheimer Norden.

Als ein Bauträger dort neue Häuser hinstellte, ließ der Sammler den Stein nach Polling umsetzen, wo er ein Gartengrundstück nutzt. „Die Bauleute hätten das Trumm glatt weggeworfen und den Wert nicht erkannt“, glaubt er.

Der Stein ist 130 bis 150 Millionen Jahre alt

Eine Geringschätzung seines Fundes ist Erhard schon öfter begegnet. „Ich hatte sogar schon bei staatlichen Ämtern angerufen, aber die haben mein Angebot, den Stein zu begutachten, nicht weiter verfolgt.“ Immerhin ein Geologe aus dem Klosterdorf Polling kam vorbei und bestimmte das Material: ein harter, 130 bis 150 Millionen Jahre alter Sandstein. Und sogar Laien erkennen an mindestens zwei Seiten auffällige Verfärbungen, die das langjährige Herunterlaufen von Flüssigkeiten anzeigen könnten – vielleicht Zeugnisse von Opferungen in der Hallstattzeit.

Die tiefe Längskerbe kann sich Erhard nur mit einer kultischen Verwendung als „Blutrinne“ erklären. Die Vermutung untermauert eine feste, ebene Trittplatte, die neben dem Stein lag – auch diese ist stets an jeden neuen Aufstellungsort mitgekommen. Auf jener Platte könnte ein keltischer Druide eine Opferzeremonie geleitet haben, mutmaßt der Hobbyforscher.

Welche Bedeutung hatte die kleine Stufe?

Als weitere Auffälligkeit gibt es eine kleine Stufe im Stein: womöglich die Position einer Auffangschale für das Blut von Tieren. Oder, noch etwas gruseliger: „Ich habe bemerkt, dass da genau die Knie eines Menschen hineinpassen, der sich längs über den Stein legt, um womöglich geköpft zu werden“, sagt der Senior und nimmt flink die Position eines Delinquenten ein.

Welcher Kult sich genau mit dem Stein verband, dazu würde ihn eine Fachmeinung brennend interessieren, sagt Erhard. Immerhin hat er sich ein 600-seitiges Buch über die Bronzezeit zugelegt und sich nach keltischen Funden in der Umgebung umgehört. Eine These hat er daraus schon abgeleitet: Die gleich mehrfache Christianisierung Südbayerns – späte Römer, irische Wandermönche, bairische Klostergründer – habe dort besonders gründlich dafür gesorgt, dass die Mehrzahl der Kultsteine verschwunden seien. „Vermutlich wurden sie vergraben oder versenkt, während in Norddeutschland, wo das Christentum erst später einzog, weit über 200 vergleichbare Opfersteine erhalten sind“, sagt Erhard.

Er hofft, sein „Blutrinnenstein“ könne im Idealfall eine Forschungslücke füllen. Auch den ursprünglichen Fundort am Zellsee habe er dokumentiert und fotografiert.

„Am besten wäre der Stein in einer öffentlichen Institution aufgehoben, vielleicht in Wessobrunn, weil doch der Zellsee immer zum dortigen Kloster gehörte“, sinniert er. Für ihn gilt allerdings das gleiche Motto wie für den vorigen Grundbesitzer: Wer den Fund haben wolle, müsse schon etwas berappen.

Schließlich habe er dem Kultstein ja auch aktiv die Unversehrtheit erhalten, so Erhard. „Am alten Platz ist der Heuwender gefährlich nahe gekommen.“

Andreas Bretting

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