Nicht nur bei Playmobil, sondern in echt hat Maria und ihre Familie eine eigene Wohnung gefunden – für sie war es ein Wendepunkt in ihrem Leben.
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Nicht nur bei Playmobil, sondern in echt hat Maria und ihre Familie eine eigene Wohnung gefunden – für sie war es ein Wendepunkt in ihrem Leben.

Serie „Erzähl doch mal“

Von der Flüchtlingsunterkunft in die eigene Wohnung: Eine Zeitungsanzeige veränderte Marias Leben

In einer dreiteiligen Serie berichten Frauen, die in den Landkreis geflohen sind, über ihre Erlebnisse. Heute: Maria (Name geändert), die 1987 im Iran geboren wurde, 2015 aus Afghanistan geflüchtet ist und heute in Weilheim lebt.

Weilheim – „Vier Betten, vier Stühle, vier Teller, vier Tassen. In der Flüchtlingsunterkunft in Wessobrunn war alles genau für meine zwei Kinder, meinen Mann und mich abgezählt. Wir lebten alle zusammen in einem Raum. Toilette, Bad und Küche teilten wir uns mit drei weiteren Familien, die ebenfalls nach Deutschland geflüchtet waren.

Natürlich war ich sehr froh, dass wir nach unserer Flucht aus Afghanistan und nach zweimonatigem Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in München endlich an einem sicheren Ort angekommen waren, an dem wir bleiben konnten. Trotzdem aber waren die drei Jahre, die wir in der Unterkunft lebten, eine schwere Zeit.

„Niemand hatte die Möglichkeit, sich auch nur einen kleinen Moment für sich zu nehmen“

Als wir nach Deutschland kamen, war ich bereits zwei Monate mit meinem dritten Kind schwanger. Unser Zimmer musste nun also für ein Neugeborenes, zwei Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren und zwei Erwachsene ausreichen. Die Situation war sehr herausfordernd für uns alle. Niemand hatte die Möglichkeit, sich auch nur einen kleinen Moment für sich zu nehmen. Hinzu kam, dass es immer laut war. Bei vier Familien mit insgesamt elf Kindern kann es auch gar nicht leise sein und Streitigkeiten bleiben natürlich auch nicht aus.

Die Lage der Unterkunft erschwerte unser Leben dort zusätzlich, da die Busverbindung sehr schlecht war und die Tickets viel Geld kosteten. Wir waren auf den Bus angewiesen, denn er brachte uns nach Weilheim. Dort hatten die Kinder ihre Kita und Schule, ich besuchte dort einen Sprachkurs, außerdem erledigten wir dort unsere Einkäufe und hatten Arztbesuche und andere Termine.

Wohnung über Zeitungsanzeige gesucht

Nach zwei Jahren verbesserte sich unsere Wohnsituation, da wir die Möglichkeit bekamen, in den zweiten Stock des Hauses zu ziehen. Nun hatten wir endlich ein zweites Zimmer, eine eigene Küche und ein eigenes Bad. Gleichzeitig fingen wir jedoch trotzdem an, nach einer Drei-Zimmer-Wohnung zu suchen, da wir mehr Platz und Ruhe benötigten. Ich studierte die Anzeigen in der Zeitung und rief bei passenden Angeboten bei der angegebenen Telefonnummer an. Leider konnte ich noch nicht so gut Deutsch, was sich wahrscheinlich negativ auf meine Chancen auswirkte.

Auf diesem Weg schafften wir es also nicht, eine Wohnung zu bekommen. Deshalb überlegte ich, eine eigene Anzeige in der Zeitung zu schalten. Meine Betreuerin war eher skeptisch und hielt es für unwahrscheinlich, dass sich darauf jemand melden würde. Ich blieb aber hartnäckig und dachte, wenn es dann nicht klappt, können wir wenigstens behaupten, dass wir es versucht haben.

Am Tag des Umzugs wurde für meine Kinder, meinen Mann und mich ein Traum wahr

Die Anzeige kostete für uns viel Geld, sodass wir sie nur an zwei Tagen schalteten. Wenige Tage später erhielten wir einen Anruf von unserem jetzigen Vermieter. Wir platzten beinahe vor Überraschung und Freude. Am Tag des Umzugs wurde für meine Kinder, meinen Mann und mich ein Traum wahr. Ich kann bis heute nicht in Worte fassen, wie froh ich damals war. In der Unterkunft in Wessobrunn habe ich viel geweint. Während dieser Zeit fühlte ich mich immer nur wie ein Gast. Erst unsere eigene kleine Wohnung hat mich spüren lassen, dass wir hier nicht zu Gast sind. Wir sind endlich angekommen.“

(Zusammengefasst von Miriam Schäfer nach den Angaben von Maria. Die Familie hat nach eineinhalb Jahren ihre Anerkennung bekommen, dass sie bleiben darf)

Das Projekt „Erzähl doch mal...“ von NeNaLaWei

Die Geschichten der Frauen wurden im Rahmen der Aktion „Erzähl doch mal…!“ aufgeschrieben. Jede Frau hat dort die Möglichkeit, eine bestimmte Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen und somit andere zu inspirieren und zum Nachdenken anzuregen.

„Erzähl doch mal…!“ ist Teil des Projekts „NeNa LaWei“ (Neue Nachbarinnen Landsberg-Weilheim). Ziel dieses Freizeit- und Kulturprojekts ist es, die Begegnung und den Austausch von Frauen mit und ohne Migrationshintergrund zu fördern. Das Projekt „NeNa LaWei“ wird von der Diakonie Herzogsägmühle unter der Trägerschaft der „Entwicklungspartnerschaft Allgäu-Oberland“ durchgeführt.

Wer Lust hat, selbst eine Geschichte zu erzählen oder allgemein bei „NeNa LaWei“ mitmachen möchte, kann sich jederzeit bei Miriam Schäfer (0151/54142574 oder miriam.schaefer@herzogsaegmuehle.de) melden. Weitere Informationen gibt es außerdem auf der Website.

Lesen Sie auch: Erinnerungen an die Flucht: Mit Gebeten und Hoffnung ans Ziel

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