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Eintreten in die Privaträume der Kunst

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Irene Orecher (v.l.), Berndt Schweizer in ihrem Peißenberger Galerieraum mit Gast Ramiz Aghayev.
Irene Orecher (v.l.), Berndt Schweizer in ihrem Peißenberger Galerieraum mit Gast Ramiz Aghayev. © EMANUEL GRONAU

Die Ateliertage vom „Kunstforum Weilheim“ bespielten heuer eine Vielzahl von Orten und bezogen sogar Räume bei Starnberg und Murnau mit ein. Teilweise kamen Gastkünstler in den Ateliers dazu. Hier einige Eindrücke der Aktion.

Weilheim – In der Kreisstadt nutzten manche Künstler „aushäusige“ Flächen – also solche, an denen normalerweise kein Atelier besteht. Darunter das Stadtmuseum, wo Christian S. Bolley, Frank Fischer und Thorsten Fuhrmann Vitrinen mit „Künstlerbüchern“ bestückten: Mappen oder Alben, welche durch besondere Konzeption und limitierte Verfügbarkeit herausgehoben sind. Bolley gestaltet selber und hat peppige Modezeichnungen auf Seiten mit alter Handschrift appliziert: ein kreativer Gegensatz. Der Huglfinger Konzeptkünstler Fuhrmann schafft aus Künstlerbüchern verschiedenster Herkunft spannungsreiche Konglomerate: Ein Standard-Taschenbuch – geadelt durch den Kontext einer Schau auf der „Dokumenta“ – befreundet sich mit einem Album aus Bildband-Papierresten: Vorgeschmäcker auf eine Themenausstellung im Frühjahr.

Gastgeberin Beate Oehmann (v.l.) mit Max Mirlach und Brigitte Kirchner.
Gastgeberin Beate Oehmann (v.l.) mit Max Mirlach und Brigitte Kirchner. © EMANUEL GRONAU

Susanne Kohler zeigte laufende Arbeitsprozesse in einem übergangsweisen Atelier: Ein „Heimat-Office“ in den Büros auf Zeit an der Münchener Straße. Präsentiert werden von der Fotografin Murnauer Landschaftsbilder mit seltsam künstlichen, gedämpften Filterfarben, zudem Ausblicke von Baustellen-Fenstern auf die Weilheimer Randbereiche. „Ich schaue mir die Gegend an wie ein Alien, der die Standardblicke nicht kennt“, sagt sie, und in der Tat: Die Foto-Serien definieren das Sujet „Landschaftsbilder“ gänzlich ungewohnt – Kiesgrube statt Zwiebelturm, Bauzaun statt Weitblick.

Unter dem Rubrum der Nachhaltigkeit präsentiert Renata Hirtl ihre angewandte Kunst. Im malerischen Atelier im Klostergut Wessobrunn zeigte die gelernte Schneiderin Beispiele ihrer Recycling-Kunst: Geldbeutel und Ritter-Helme aus Tetrapacks genauso wie serielle Drucke, die zum Abschalten des heißen Wassers aufrufen. Für die kalte Jahreszeit platziert sie haltbare Kerzendochte in Wegwerf-Pfannen, worin die Nutzer selber Wachsreste einfüllen können und somit im wahrsten Wortsinn ein „Dauerfeuer“ erhalten. Zur ökologischen Kunst zählen bei „Re-Nata“ auch die individuellen Aufkleber für regionale Obstkonserven – handgestaltet und in der Auflage limitert.

Der Kunstforum-Neuling Gerd Lepic und Uta Schnuppe-Strack in Oberhausen, die gleich mehrere Räume ausschließlich der Kunst widmen.
Der Kunstforum-Neuling Gerd Lepic und Uta Schnuppe-Strack in Oberhausen, die gleich mehrere Räume ausschließlich der Kunst widmen. © EMANUEL GRONAU

Ganz gewiss limitiert sind die Perlmutt-Arbeiten von Wolfhart Bach, denn ausgewachsene Perlmutt-Muscheln werden kaum noch gefischt; von der aussterbenden Bearbeitungs-Expertise ganz abgesehen. Daher bietet sich im Klostergut eine der letzten Möglichkeiten, individuell gefertigte Schmuckstücke, Messergriffe oder Design-Objekte des schillernden Naturmaterials zu finden. „Trotz des Regens sind allein am Samstag 15 Besucher gekommen“, sagte der begeisterte Perlmuttschneider. Bach ist ein Beispiel für einen „Ateliertage-Gast“, da er zwar dauerhaft in Wessobrunn arbeitet, jedoch nicht Mitglied im Kunstforum Weilheim ist.

Vorsitzende Susanne Kohler empfindet es als großen Erfolg, dass trotz der Corona-Schwierigkeiten der Zwei-Jahres-Turnus der „Ateliertage“ beibehalten werden konnte. Die Resonanz sei beachtlich gewesen: „Es gab Gespräche, Verkäufe und Begegnungen, an die sich teils sogar neue Projekte anschließen lassen. Alle waren froh, Kultur wieder leben und erleben zu können.“

Tatsächlich reißen die Ateliertage Schranken ein, denn das sonst oft mit etwas Scheu behaftete Eintreten in die Privaträume der Kunst bekommt durch den Rahmen der Ateliertage etwas Spielerisch-Leichtes, das zum Erkunden verführt. Manche Aktionen, so die Vitrinen im Stadtmuseum, bleiben weiterhin zugänglich, viele weitere Ateliers können nach Vereinbarung mit den Künstlern immer noch betrachtet werden.

VON ANDREAS BRETTING

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