Über Berufsorientierung in Corona-Zeiten sprachen Michael Bertram (l.) und Oliver Wackenhut mit Redakteurin Stephanie Uehlein (r.); mit auf dem Foto: Agentur-Pressesprecherin Kathrin Grabmaier. Die Gesprächsteilnehmer rückten nur fürs Foto kurzzeitig näher zusammen.
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Über Berufsorientierung in Corona-Zeiten sprachen Michael Bertram (l.) und Oliver Wackenhut mit Redakteurin Stephanie Uehlein (r.); mit auf dem Foto: Agentur-Pressesprecherin Kathrin Grabmaier. Die Gesprächsteilnehmer rückten nur fürs Foto kurzzeitig näher zusammen.

Interview mit der Agentur für Arbeit in Weilheim

„Es stürmt viel auf die Jugendlichen ein“

  • Stephanie Uehlein
    vonStephanie Uehlein
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Jugendliche, die vor dem Schulabschluss stehen und auf der Suche nach dem richtigen Beruf sind, sehen sich in Corona-Zeiten diversen Erschwernissen gegenüber. Ihre Sorge um diese jungen Menschen brachte die – für fünf Landkreise zuständige – Agentur für Arbeit Weilheim in einem ihrer Arbeitsmarktberichte zum Ausdruck.

Im Interview stellen Oliver Wackenhut, Vorsitzender der Agentur-Geschäftsführung, und Berufsberater Michael Bertram die Lage genauer dar und geben Tipps für Jugendliche und ihre Familien, aber auch für Arbeitgeber. Mehr als 7000 junge Menschen werden heuer im Agenturbezirk laut Prognosen aus den allgemeinbildenden Schulen (also ohne FOS und BOS) entlassen.

Wie dramatisch ist die Situation für Jugendliche, die gerade vor der Berufswahl stehen?

Oliver Wackenhut: Den Medien kann man ja entnehmen, dass die Arbeitgeber derzeit bundesweit weniger Ausbildungsmöglichkeiten bieten. Im Agenturbereich Weilheim sieht der Ausbildungsstellenmarkt aber besser aus. Im Januar hatten wir mit 2570 freien Ausbildungsplätzen nur 1,5 Prozent weniger als vor einem Jahr, also ein Minus von etwa 40 Stellen. Die Arbeitgeber bei uns haben erkannt, dass sie, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, in die Ausbildung investieren müssen. Sorge bereiten uns aber die Jugendlichen. Unsere Kontakte zu ihnen sind um etwa 30 Prozent zurückgegangen, das betrifft vor allem die Mittel- und Realschüler. Und wir wissen nicht, welche Perspektiven die Jugendlichen im Sommer haben.

Schüler weniger weit in der beruflichen Orientierung, weil Berufspraktika ausgefallen sind

Michael Bertram: Wir nutzen auch Videotelefonate und sind mit sehr vielen Schülern in Einzelgesprächen in Kontakt. Schwierig ist, dass die jungen Menschen oft nicht wissen, was sie in Zukunft machen wollen. Sie sind weniger weit in der beruflichen Orientierung als vorhergehende Jahrgänge. Das liegt auch daran, dass Schulpraktika ausgefallen sind. Es stürmt viel auf die Jugendlichen ein. Sie möchten dann oft erst einmal den Schulabschluss gut hinbekommen und sind mit anderem überfordert.

Welche Hilfestellungen kann die Arbeitsagentur in dieser Situation den jungen Menschen bieten?

Bertram: Wie bieten zum Beispiel virtuelle Veranstaltungen für Eltern. Für Schüler gibt es digitale Berufsorientierungs-Veranstaltungen: in der Regel pro Klasse – und zwar meist für Vorabgangsklassen – und am Gymnasium oft pro Jahrgangsstufe. Diese Angebote werden jeweils individuell mit den Schulen abgestimmt. Auch Ausbildungsmessen und das Hochschulforum finden virtuell statt. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Jugendlichen häufig des Digitalen müde sind. Bei Präsenzveranstaltungen bleibt wohl auch mehr an Informationen hängen.


Wackenhut: Die Bundesagentur für Arbeit bietet Apps, Livestreams und das Tool „Check U“ zur Berufsorientierung an. „Check U“, mit dem man seine beruflichen Neigungen prüfen kann, gibt es seit etwas mehr als einem Jahr. Es wurde schon von zahlreichen Jugendlichen genutzt. Das Ergebnis dieses Tests kann man dann zum Anlass nehmen, mit der Berufsberatung Kontakt aufzunehmen.

Jugendliche sollten das Gespräch suchen - mit den Eltern sowie mit Berufsberatern und Lehrern

Was können die Arbeitgeber in der schwierigen Phase tun, um Lehrlinge zu bekommen?

Wackenhut: Da bietet sich ganz klassisch die Meldung der Ausbildungsstelle bei der Agentur an. Von Vorteil ist es auch, wenn ein Arbeitgeber einen guten Ruf hat, aber den baut man natürlich nicht von heute auf morgen auf. Wer für 1. September noch einen Auszubildenden sucht, sollte unbedingt Kontakt mit uns aufnehmen.

Und was empfehlen Sie betroffenen Jugendlichen?

Bertram: Manche wissen noch gar nicht, wie sie das Schuljahr abschließen werden, ob sie die Klasse wiederholen müssen. Verzögerungen durch die Corona-Krise machen es den Jugendlichen schwer. Was diese tun können, ist, das Gespräch zu suchen: mit den Eltern – den wichtigsten Ansprechpartner bei der Berufswahl – genauso wie mit Berufsberatern und Lehrern.

Wackenhut: Mein Appell an betroffene Eltern und Schüler: Wenn ein Jugendlicher noch nicht weiß, was er nach der Schule ab Herbst machen soll, schnellstmöglich mit uns Kontakt aufnehmen! Und wer gedanklich schon auf einen Beruf fixiert ist, der sollte nochmals nachdenken, auch ob für ihn artverwandte Berufe in Frage kommen, da es mit dem Traumberuf nicht immer klappt. Berufsberater sind auch in solchen Fällen die richtigen Ansprechpartner.

„Würde von einem Jahr Pause abraten“

Ist es eigentlich im Hinblick auf die Karriere von Nachteil, wenn jemand nach der Schule nicht gleich etwas in Sachen „Beruf“ unternimmt und eine Pause einlegt – vorausgesetzt die finanziellen Verhältnisse erlauben das?

Wackenhut: Eine allgemeine Antwort kann man auf die Frage nicht geben. Wenn zum Beispiel jemand nach dem Abitur ein Jahr „Work and Travel“ macht, dann finde ich das okay. Aber das ist ja derzeit nicht möglich. Und was wäre eine Alternative? Als Vater würde ich von einem Jahr abraten, in dem man einfach nur Pause macht.

Gibt es etwas in Bezug auf die Berufswahl, mit dem man Hoffnung machen kann – neben der bereits erwähnten relativ hohen Zahl an Lehrstellen in der Region?

Wackenhut: Dass wir in der Region einen bunten Strauß an Ausbildungsberufen haben ist von großem Vorteil. Wenn man in einem Landkreis eine bestimmte Stelle nicht findet, dann oft in einem Nachbarlandkreis. Ein wesentlicher Ausfluss der Pandemie und der Digitalisierung wird sein, dass neue Ausbildungsberufe entstehen. Eine Studie ergab, dass bis 2030 rund 60 Prozent der Ausbildungsberufe verschwinden werden und in gleichem Maße neue entstehen. Eine gute Nachricht für die Berufsstarter ist auch: Wer am 1. September noch keine Ausbildungsstelle hat, kann auch einige Zeit danach noch eine Lehre aufnehmen. Unsere Erfahrung vom vergangenen Jahr zeigt: Das ist noch bis Weihnachten möglich.

Bertram: Da sich aktuell vieles verschoben hat, ist auch noch Zeit, Lösungen bis zum Herbst zu finden. Es besteht zudem die Hoffnung, dass nach dem Lockdown wieder Praktika möglich sind.

Orientierung vor dem Einstieg in Beruf oder Studium

Das „Hochschulforum“ und die „Jobmesse“ im Landkreis Weilheim-Schongau finden coronabedingt vom Montag, 15., bis Freitag, 19. März, als Online-Ausgabe statt. Diese nennt sich „Berufsbildungsforum Ausbildung – Studium“ Es präsentieren sich Universitäten und andere Hochschulen sowie Unternehmen und Institutionen. Angebote zu Ausbildung, Praktikum, Studium und dualem Studium werden vorgestellt. Auch Vorträge sind vorgesehen. Zu finden ist das alles ab 15. März unter www.berufsbildungsforum.de.

Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Weilheim steht jungen Menschen aber auch laufend als Ansprechpartner zur Verfügung – egal, ob sie Infos zur weiteren schulischen Ausbildung, zu Lehrberufen oder zum Studium benötigen. Zur Einzelberatung – auch per Video – kann man sich telefonisch unter 0881/991-125 sowie per E-Mail an weilheim.berufsberatung@arbeitsagentur.de anmelden. Mehr Infos zur Videoberatung unter https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/weilheim/videoberatung/berufsberatung.

Zudem gibt es Online-Angebote rund um die Berufswahl. Bei dieser helfen soll etwa das Tool „Check U“ der Bundesagentur für Arbeit: https://www.arbeitsagentur.de/bildung/welche-ausbildung-welches-studium-passt. Informationen für „Bald-Azubis“ und „Noch-nicht-Azubis“ gibt auf folgender Internetseite der Bundesagentur: https://www.dasbringtmichweiter.de/ausbildungklarmachen/.

(Stephanie Uehlein)

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