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Wenn sich Erben nicht einig sind: Altstadthaus in Oberbayern wird zwangsversteigert

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Von: Andreas Mayr

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Um die Zukunft dieses Hauses in der Ledererstraße ging es kürzlich vor dem Amtsgericht Weilheim. Bieterstunde wird eröffnet
Um die Zukunft dieses Hauses in der Ledererstraße ging es kürzlich vor dem Amtsgericht Weilheim. Bieterstunde wird eröffnet © Andi Mayr

Weil sich die Mitglieder der Erbengemeinschaft nicht einig werden, kam es nun zum Zwangsversteigerungstermin vor dem Amtsgericht Weilheim. Ein weiterer Termin folgt.

Weilheim – Das Haus, das sie alle hierhergeführt hat, steht vermutlich seit 500 Jahren. Natürlich hat man es viele Male modernisiert, zuletzt 2012. Derzeit schmiegt sich die orange Fassade unscheinbar an die Häuserreihe der Ledererstraße. Wer nicht auf das kleine Häuschen mit den zehn Fenstern achtet, sieht es gar nicht auf seinem Weg in die Stadt.

Zwangsversteigerung von Altstadthaus: Nach Dreiviertelstunde wird Verfahren eingestellt

291,37 Quadratmeter Wohnfläche umfasst das Heim laut Zeitungsannonce. Wahrscheinlich würde sich niemand dieses Haus genauer ansehen, wenn es nicht für jeden zu ersteigern wäre. Ganz öffentlich, an einem Mittwoch um 8.30 Uhr morgens in Peißenberg, Tiefstollenhalle. Das Amtsgericht Weilheim, genauer die Abteilung für Zwangsversteigerungssachen, führt die Verhandlung. An diesem Morgen wird nichts versteigert. Nach exakt 46 Minuten stellt Frau Willberger das Verfahren ein. Auf Wunsch des Mannes, der die öffentliche Auktion angestoßen hatte.

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Frau Willberger möchte ihren Vornamen nicht nennen. Tatsächlich kam es schon vor, dass ein äußerst aufgebrachter Mann sie zuhause aufgesucht hat. Solche Dinge will sie nicht ein zweites Mal erleben. Mit Mitte 50 zählt sie zu den „Fossilien bei Gericht“, sagt sie. Frau Willburger ist eine freundliche Frau, die ihre Gesprächspartner gerne anlächelt.

Wahrscheinlich braucht es eine gewisse Lockerheit in solch ernsten Angelegenheiten. Denn meistens, wenn die Leute zu Frau Willberger kommen, geht es um zerstrittene Erbengemeinschaften, um getrennte Ehepaare, um gescheiterte Existenzen. Nun, es gibt noch ein paar exotische Verfahrenstypen wie die Zwangsversteigerung von Schiffen und Luftfahrzeugen. Aber die kommen so selten vor, dass sie auf dem Informationsportal „Reguvis“ nicht einmal näher ausgeführt werden. Etwa 120 Verfahren behandelt Frau Willberger mit ihrer Kollegin im Jahr.

Zwangsversteigerung von Altstadthaus: Nur fünf Gäste anwesend

Pünktlich um 8.30 Uhr eröffnet die Rechtspflegerin diese Versteigerung. Vor ihr sitzen eine Frau und ein Mann, die denselben Nachnamen tragen und eine Erbengemeinschaft bilden. Sie werden sich in den nächsten 46 Minuten nicht in die Augen schauen.

Zwischen ihnen haben sich ihre Anwälte niedergelassen, ein menschlicher Schutzwall. Man weiß ja nie, was passiert. Die Frau, blonde Haare, mittleres Alter, trägt ein Hemd mit viel Farbe, lehnt sich zurück. Der Mann, graues Haar, Vollbart, ähnliches Alter, faltet die Hände auf dem Tisch. Er hat das Verfahren beantragt und kann es deswegen jederzeit auch wieder einstellen. „Ziel ist die Aufhebung der Gemeinschaft“, sagt Frau Willberger in ihr Mikrofon hinein. Die Lautsprecher verstärken ihre Worte im ganzen Raum. In den ersten vier Stuhlreihen sitzt niemand.

Fünf Gäste verteilen sich auf den großen Saal der Tiefstollenhalle. Sie tragen Maske, das ist hier bis zum Sitzplatz so vorgeschrieben. Ein jüngerer Mann mit Brille schlägt die Beine übereinander. Dahinter beschäftigt ein Vater sein kleines Kind. Daneben bedient die Mutter gelegentlich ihr Smartphone. In der letzten Reihe stützt sich eine Frau auf ihre Beine, nicht weit vom Sicherheitsbeamten, einem Polizisten, der zuvor am Eingang alle durchleuchtet hat. „Im Normalfall“, sagt Frau Willberger, „ist die Nachfrage sehr hoch“.

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Zwangsversteigerung von Altstadthaus: Geschätzt eine Million Euro Marktwert hat die Immobilie

Seit die Immobilienpreise schwindelerregende Höhen erreichen, steigt auch das Interesse an den Versteigerungen. Manchmal bildet sich vor Willbergers Tisch eine lange Schlange. Jeder, der mitbieten will, muss sich zuerst mit einem Dokument anmelden. Danach reicht es, seine Hand zu heben. Das sind spannende Momente, wie man sie aus Auktionshäusern kennt, nur dass niemand mit allerlei Pathos in der Stimme schreit: „Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten. Verkauft.“ Bei einem Termin zählte Frau Willberger über 100 Gebote. Sie alle wurden notiert. Das ist ihr Rekord.

Nach 25 Minuten eröffnet sie die Bieterstunde, die jedoch nur eine halbe Stunde dauert. 2007 hat man das Verfahren reformiert. Als man noch eine Stunde bieten durfte, haben sich die Verhandlungszeiten „ewig gezogen“, sagt die Rechtspflegerin. Es dauert stets ein paar Minuten, bis sich der Erste nach vorne traut. Interessenten dürfen sich Unterlagen anschauen. Ein Gutachter hat den Marktwert der Weilheimer Immobilie auf 980 000 Euro taxiert. Mindestens die Hälfte muss die Versteigerung erlösen – ansonsten versagt der Rechtspfleger den Zuschlag und setzt einen weiteren Termin an, bei dem keine Wertgrenzen mehr gelten.

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Zwangsversteigerung von Altstadthaus: Es wird einen neuen Termin geben

Um 9.10 Uhr zieht sich die Frau aus der Erbengemeinschaft, die in dem Haus wohnt, die Maske auf und spricht das erste Gebot: 350 000 Euro, 7000 Euro mehr als das geringste Gebot, das das Gericht vorher festgelegt hat. Wer eine Immobilie ersteht, muss auch die Hypotheken und Grundschulden übernehmen, die im Grundbuch eingetragen sind. Im Fall der Ledererstraße sind das mehrere hunderttausend Euro bei zwei Banken. Nach zehn Minuten verlassen die Anwälte der beiden den Raum, sprechen vor der Türe. Was sie reden, hört man nicht.

Als sie wieder sitzen, ist der Termin beendet. Der Mandant, der den Antrag gestellt hat, beantragt die einstweilige Einstellung, so heißt das im Gerichtsdeutsch. „Ich lege das Verfahren auf Eis“, sagt Frau Willberger. Nichts Ungewöhnliches, erklärt die Rechtspflegerin später im Gespräch. Gerade wenn die Preisvorstellung nicht erreicht wird. Sechs Monate bleiben dem Mann nun, um das Verfahren fortzusetzen. Bis dahin wird Frau Willberger noch einige Immobilien ausrufen. Drei Landkreise – Weilheim-Schongau, Garmisch-Partenkirchen und Starnberg – deckt das Amtsgericht ab. Da kommen einige Häuser zusammen. Das teuerste versteigerte sie vor Jahren für fünf Millionen Euro. Verglichen mit heute dürfte das ein Schnäppchen sein.

Um 9.19 Uhr reichen sich die Anwälte die Hand. Auch wenn sich ihre Mandanten nicht anschauen, werden sie sich wieder sehen. Die Geschichte dieses uralten Hauses ist noch nicht fertig geschrieben.

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