Das Interesse daran, sich gegen das Covid-19-Virus impfen zu lassen, ist nach wie vor groß. Das zeigen die Schlangen vor dem Impfzentrum in Peißenberg.
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Das Interesse daran, sich gegen das Covid-19-Virus impfen zu lassen, ist nach wie vor groß. Das zeigen die Schlangen vor dem Impfzentrum in Peißenberg.

Priorisierung teils aufgehoben

Im Landkreis gehen viele leer aus: Impffreiheit für alle – aber nur ein bisschen

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  • Katrin Kleinschmidt
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  • Elke Robert
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Nun kann sich jeder gegen Corona impfen lassen, der möchte. Die Priorisierung wurde aufgehoben. Zumindest in der Theorie. Impfstoff ist im Landkreis weiter Mangelware.

Landkreis – Der Leiter des Impfzentrums in Peißenberg, Christian Achmüller, hat keine Glaskugel. Wie viel Impfstoff er geliefert bekommt, erfährt er nach wie vor nur eine knappe Woche im Voraus. Dennoch wagt er schon eine vorsichtige Prognose: „Wir werden Erstimpfungen für die Angehörigen der Prioritätsgruppen 3 oder 4 frühestens Mitte/Ende des Monats anbieten können. Wenn überhaupt.“

Grund sind die nach wie vor viel zu geringen Impfstofflieferungen an das Impfzentrum in Peißenberg. „Auch in dieser Woche werden wir den größten Teil der knapp 3000 Impfdosen, die geliefert werden, benötigen, um die anstehenden Zweitimpfungen abzusichern“, so Achmüller. Dadurch, dass die Impf-Priorisierung in den bayerischen Impfzentren nach wie vor weiterbesteht, blieb der ganz große Anruferansturm bislang beim Impfzentrum zwar aus, „aber dennoch melden sich bei uns immer noch zahlreiche Menschen aus Gruppe 1 oder 2, die sich für eine Impfung registrieren“.

Die Liefermengen reichen nach wie vor bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Ansonsten rätseln Achmüller und seine Kollegen immer noch darüber, warum es hin und wieder zu solchen Besucherstaus im Impfzentrum kommt wie vergangene Woche Mittwoch und Donnerstag. „Da staute es sich einen halben Tag lang wie verrückt. Ich habe mir den Ablauf im Anschluss genau angesehen, um vielleicht etwas zu ändern. Aber wir haben nichts anders gemacht als sonst. Heute haben wir exakt so viele Impftermine wie an den kritischen Tagen. Aber alles läuft absolut reibungslos.“

Aufhebung der Priorisierung kam zu früh, sagen Ärzte

Sehr kritisch sieht Dr. Peter Lidzba, ärztliche Koordinator im Landkreis, die Aufhebung der Priorisierung. Sie gilt für niedergelassene Haus- und Fachärzte in Bayern schon seit Mitte Mai nicht mehr. Wie Lidzba berichtet, wird in den Praxen aber trotzdem weiter nach medizinischem Bedarf entschieden – nicht immer zur Begeisterung der Impfwilligen. Dass Patienten auf den Pieks drängen, kann er gut verstehen – immerhin bringt der einige Erleichterungen mit sich. „Die Leute mussten lange zurückstecken.“ Auch er wünsche es sich, mal wieder zu verreisen, in Konzerte zu gehen und einen Grillabend mit vielen Freunden zu machen. „Wir Ärzte sind ja auch Menschen.“ Aber solche individuellen Bedürfnisse dürften bei der Entscheidung, wer zuerst geimpft wird, nicht über medizinischen Belangen stehen. „Wir versuchen, gerecht zu sein.“ Die Aufhebung der Priorisierung habe den Praxen daher einen Bärendienst erwiesen. Innerhalb kurzer Zeit prasselten zahlreiche Anfragen von Patienten ein, berichtet Khadla Steinhoff, die als Praxismanagerin und Medizinische Fachangestellte in Lidzbas Praxis arbeitet. „Da ist der Druck riesig geworden, es gab viele Diskussionen und viele Auseinandersetzungen“, beschreibt Steinhoff. Vorher seien die Gespräche einfacher gewesen, weil die Priorisierung die Impfreihenfolge regelte. Nun aber drängen viel mehr Menschen auf einen schnellen Termin – Lidzba ließ eine Datenbank einrichten, in die sich Impfwillige nun online eintragen lassen können.

Viele müssen geduldig sein. Denn der Impfstoff ist knapp. Dass deutlich weniger Dosen als bestellt geliefert werden, hört Lidzba sowohl aus den Praxen als auch von Betriebsärzten, die seit diesem Montag impfen dürften.

Betriebsärzte bekommen kaum Impfstoff

„Bei aller Liebe, aber das ist doch nur ein politisches Schaulaufen.“ Richtig sauer ist Dr. Yvonne Gerstlauer. Die Schongauer Betriebsärztin hat von mehr als 400 bestellten Impfdosen nur 100 bekommen.

Gemeinsam mit einer Kollegin hat sie Betriebe aus dem Umkreis von Schongau bis Marktoberdorf und Kempten regional zusammengeführt und Betriebsimpfungen organisiert. Die Planungen laufen seit Wochen, nun musste ein Großteil der Termine abgesagt werden. „Es sind auch Schichtbetriebe dabei, das war schwierig von der Organisation her, damit die Maschinen auf keinen Fall stillstehen“, ärgert sich Dr. Gerstlauer über den immensen Aufwand, der nun – fast – umsonst ist.

„Das ist unglaublich, da vergeht es einem, das wird von der Politik nach außen immer nur toll beschönigt.“ Dabei habe es erst geheißen, dass Betriebsärzte ab April, spätestens Mai impfen sollen, und jetzt dränge sich alles vor der Sommerpause. Nicht besser mache das Dilemma, dass nun die Priorisierung aufgehoben ist und seit Montag zusätzlich Jugendliche geimpft werden können – „das kommt auch noch dazu, dabei ist doch kein Impfstoff da“.

Nachholen lasse sich das in jedem Fall alles nicht, auch wenn sich das mancher so einfach vorstelle. „Ich bin in der Urlaubs- und Jahresplanung abhängig von sechs Kollegen. Da kann man die Termine nicht einfach mal kurz verschieben.“

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