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Im Gespräch: (v.l.) Redaktionsleiter Boris Forstner mit Bauamts-Chef Uwe Fritsch und dessen Mitarbeiter Andreas Lenker.

Interview mit dem Chef des Staatlichen Bauamtes Weilheim

„Auch Pendler sollten immer ihr Navi anschalten“

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Gefühlt wurde auf den Straßen im Landkreis noch nie so viel gebaut wie in diesem Jahr, zahlreiche Verkehrsteilnehmer von Schongau bis Penzberg ärgerten sich über zum Teil wochenlange Behinderungen. Dazu noch die Planungen für die Umfahrung Weilheim – da bietet sich ein Interview mit Uwe Fritsch, seit knapp eineinhalb Jahren Leiter des Staatlichen Bauamts Weilheim, geradezu an.

Herr Fritsch, sind Sie froh, wenn das Jahr vorbei ist?

Nein, weil ich dann wieder ein Jahr älter geworden bin (lacht).

Aber dieses Jahr wurde doch außerordentlich viel gebaut auf den Straßen, mit viel Ärger, oder täuscht das Gefühl?

Kann ich eigentlich nicht sagen. Natürlich haben wir einen großen Amtsbezirk, da kann es schon sein, dass es in einzelnen Landkreisen so gesehen wird. Was Weilheim-Schongau angeht, lag der Schwerpunkt bei den Bundesstraßen dieses Jahr in der Deckensanierung. Die wird natürlich anders wahrgenommen als etwa Baustellen wie in Hohenpeißenberg oder Habach, wo viel neben der Straße passiert. Ansonsten war es bei Staats- und Kreisstraßen ein normales Jahr.

Aber warum die vielen Sanierungen: Waren die alle notwendig? Verstehen Sie Bürger, die wie etwa bei der Straße nach Wessobrunn sagen: Die war doch noch in Ordnung?

Man muss natürlich genauer hinschauen. Beim Blick aus dem Autofenster sieht man die Schäden nicht, selbst Fachleute sehen Probleme zum Teil erst beim genauen Hinsehen. Jede Maßnahme hat eine andere Begründung, da kann es vorkommen, dass es Häufungen gibt. Da muss man natürlich schauen, dass sich die Bauarbeiten nicht gegenseitig blockieren.

Das ist genau der Punkt: Wenn etwa in Schongau die Kanalbrücke gesperrt ist und gleichzeitig mögliche Umleitungsstrecken bei Apfeldorf und Bernbeuren auch wegen Bauarbeiten dicht sind, ist der Autofahrer zurecht verärgert.

Bei der Schongauer Mühlkanalbrücke hat es zeitliche Verschiebungen gegeben, da gibt es dann leider zeitliche Überlagerungen, die man so nicht eingeplant hatte.

Im Rückblick hätten Sie die Brücke vermutlich doch in einem Rutsch weggerissen, dann wären Sie jetzt bereits fertig.

Die Frage ist müßig. Die Entscheidung, den Verkehr aufrechtzuerhalten, ist auf Wunsch der Kommunen so getroffen worden. Dass da Fehler bei den Beteiligten passiert sind, ist leider so, aber es sind auch ständig Dinge passiert, die nicht passieren sollten.

Sie sprechen die Kampfmittel an.

Ja. Wenn wir eine Bestätigung haben, dass der Kanal frei ist, und dann kommen ständig Unterbrechungen, weil etwas gefunden wurde, stimmt etwas nicht. Oder der geplatzte Stützpfeiler, wo falsches Material eingebaut wurde: Das sind Sachen, die wir natürlich nicht planen, sondern spontan auf der Baustelle entstehen.

Wobei das erste Planungsdesaster gleich zu Beginn die zu enge Zufahrt über die Behelfsbrücke war.

Wir haben im Haus leider nicht die Kapazitäten, alles selbst zu planen, deshalb wurden diese Arbeiten ausgelagert. Natürlich tragen wir die Gesamtverantwortung, aber müssen uns natürlich auf die beauftragten Firmen und Ingenieurbüros verlassen können. Sonst könnten wir es gleich selber machen.

Aber an Ihnen bleibt es hängen, der zuständige Mitarbeiter Christoph Prause konnte einem zeitweise leid tun.

Ja, der musste sich einiges anhören als Bauherrenvertreter und erster Ansprechpartner. Da kann man nur an die Leute appellieren, dass Fehler passieren, und das nicht nur bei uns im Bauamt.

Wäre nicht eine bessere Informationspolitik eine Möglichkeit, den Ärger bei kurzfristigen Sperrungen zu lindern?

Wir schicken die Informationen an eine Datenbank, die mit Betreibern von Navigationsgeräten verbunden ist, das läuft minutengenau...

...bringt aber wenig, weil der Pendler von Schongau nach Peiting natürlich nicht sein Navi anstellt.

Genau. Deshalb können wir nur empfehlen, immer das Navi anzustellen, auch wenn man die Strecke schon 1000 Mal gefahren ist.

Wären nicht die sozialen Medien eine bessere Möglichkeit?

Darüber haben wir auch schon nachgedacht. Doch wer bekommt das, wenn wir es auf Facebook oder Twitter mitteilen?

Wir könnten als Multiplikatoren dienen. Jede Stau-Nachricht verbreitet sich in Windeseile, wir erreichen Zehntausende.

Ja, die Welt ist immer enger getaktet, das war vor einigen Jahren anders. Die Leute haben mittlerweile höhere Ansprüche. Aber nochmal zur Mühlkanalbrücke: Das war eine von rund 20 Großbaustellen dieses Jahr im Landkreis, und von den anderen hat man außer Beginn und Ende kaum etwas wahrgenommen in den Medien.

Wobei: In Paterzell ist auch nicht alles glatt gelaufen, da gab es deutliche Kritik vom Landkreis.

Da haperte es von unserer Seite tatsächlich nur an der Kommunikation mit Anwohnern und Bürgermeister, ansonsten ist die Baustelle trotz größerer Umplanung nur drei Wochen später als geplant fertiggeworden. Wir wollen uns dort nicht von Fehlern freisprechen, aber es waren auch nicht die idealen Voraussetzungen von der Gemeinde beim Thema Bürgerinformation. Aber wir haben auch gemerkt, dass es manchmal nicht reicht, wenn der Bauaufseher vor Ort den Anwohnern die Maßnahme erklärt, sondern dass man eine Versammlung einberufen muss, wo alle die Möglichkeit haben, sich zu informieren. Was nicht heißt, dass wir das jetzt immer machen werden. Das hängt eben stark von der Baumaßnahme ab.

Sind die Autofahrer in den vergangenen Jahren rücksichtsloser geworden? Wir haben viele Berichte bekommen, dass Verbotsschilder oder sogar rote Ampeln ignoriert werden.

Gefühlt schon. Es passiert immer wieder, dass Leute bis zur Baugrube vorfahren, dort nicht mehr weiterkommen und dann schimpfen, warum da jetzt ein Loch ist, nachdem er vorher an zahlreichen Sperrschildern und -blöcken vorbeigefahren ist. Wir hatten zuletzt einen extremen Fall in Bichl an der B 472...

...dort hat die Baustelle entgegen der Befürchtungen mit der Umleitung über Penzberg recht ordentlich geklappt...

...wo ständig die gesperrte Straße befahren wurde. Da steht ein Sperrbaum mitten auf der Straße, aber viele interessiert das nicht. Genauso in Bernbeuren, wo viele es gar nicht eingesehen haben und bis zur Baustelle vorgefahren sind. Natürlich sind das Einzelfälle, aber der Respekt vor Regeln scheint immer geringer zu werden. Das sieht man an der Echelsbacher Brücke, wo Tempo 30 gilt, weil die Ersatzbrücke eng und unübersichtlich ist. Da fahren die Leute viel zu schnell – die Top-Geschwindigkeit war dort 130 km/h! Das muss man sich mal vorstellen. Wir haben die Polizei informiert und gebeten, dass dort verstärkt kontrolliert wird. Denn auch die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt dort bei 50 km/h.

Ein Thema, das Sie und die Weilheimer die nächste Zeit beschäftigen wird, ist die geplante Umfahrung. War die Stadtratssitzung mit 750 Besuchern für Sie eine Besonderheit?

Ja, so viele habe ich noch nie bei einer Sitzung gesehen. Ich kam aus München mit dem Zug und habe meinen Augen nicht getraut, dass wirklich der Saal komplett voll war. Aber es lief verhältnismäßig ruhig ab, die Resonanz war positiv, dass es sehr informativ war, was wir vorgestellt haben. Ich bin gespannt, wie die Diskussion weitergeht, denn die Meinungen gehen deutlich auseinander.

Wird die Vorstellung der möglichen Präferenz-Trasse kommendes Frühjahr in ähnlicher Form über die Bühne gehen?

Ich nehme es an, aber das überlassen wir dem Bürgermeister. Nur müssen wir uns schon überlegen, wie wir das präsentieren, denn im Vergleich zu dem, was wir dann vorstellen, war das Kleinkram.

Werden Sie die verschiedenen Trassen nach Schulnoten bewertet vorstellen?

Wir überlegen noch, wie wir die qualitative Bewertung darstellen, da haben wir noch keine abschließende Meinung. Wir wissen auch noch nicht, ob wir eine Vorzugsvariante benennen oder nicht. Das hängt natürlich von der Prüfung der fünf Trassen ab. Wenn es einen eindeutigen Favoriten gibt, ist das klar. Aber wenn man eine gewisse Bandbreite hat, es Deutungsspielräume bei den Trassen gibt, wo der eine oder andere Belang gewertet werden kann, würden wir das gerne offenhalten und in der Diskussion klären. Uns wäre es am liebsten, wenn mehrere Trassen etwa gleichauf liegen und am Schluss die Stadt entscheiden kann, was ihr lieber wäre.

Wie wird bei der Untersuchung das Verhältnis von Kosten, Umweltverträglichkeit, Machbarkeit etc. gewertet?

Es spielt alles eine Rolle. Es gibt manche K.o-Kriterien, wie etwa mit der offenen Bauweise eines Tunnels unter der B 2, wo es eine jahrelange Sperrung gegeben hätte und die Wahl, das Rathaus oder das Landratsamt abzureißen. Da kann man sagen, das geht nicht. Oder bei der offenen west-Variante, wo auch Häuser abgerissen werden müssten. Kosten sind bei einer gewissen Grenze auch ein K.o-Kriterium. Aber bis auf die ortsferne West-Variante haben alle einen mehr oder weniger langen Tunnel. Man wird erst in der Gesamtabwägung sehen, wie lang die einzelnen Tunnel gebaut werden müssten.

Das Kosten-Nutzen-Verhältnis spielt also keine Hauptrolle?

Darauf werden wir immer wieder angesprochen. Aber das ist bereits vor der Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan geprüft worden, das ist vorbei. Es wurde festgestellt: Die Ortsumfahrung Weilheim ist bauwürdig. Dort ist die Ostvariante angemeldet worden. Sollte eine andere Variante als Vorzugstrasse ausgewählt werden, wird das Bundesverkehrsministerium für diese eine erneute Nutzen-Kostenberechnung durchführen und über die Bauwürdigkeit entscheiden. Denn zwischen den Varianten gibt es ja nicht nur Unterschiede bei den Kosten, sondern auch beim Nutzen. Deshalb kann man jetzt nicht sagen, dass eine reine Tunnel-Lösung zu teuer wäre.

Ein Überblick über die Straßenbautätigkeiten des Staatlichen Bauamts im abgelaufenen Jahr.

Wie ist der zeitliche Ablauf: Trassenvorstellung, danach muss der Stadtrat entscheiden?

Nicht ganz. Wir werden sicher einen moderierten Prozess erarbeiten, bei dem Beteiligte mitdiskutieren können. Zum Beispiel eine kleine Runde, die vorbereitend tätig ist, und danach eine große Bürgerversammlung, bei der sich alle zu Wort melden können.

Ich frage nur nach, weil in etwas mehr als einem Jahr Kommunalwahl ist und es natürlich das bestimmende Thema in Weilheim sein wird. Viele sagen, dass es ein Bürger- oder Ratsbegehren für oder gegen die eine oder andere Trasse geben wird, und vorher muss ein Beschluss gefallen sein.

Das muss die Stadt entscheiden. Wir können nur Diskussionsprozesse begleiten. Absolut notwendig ist natürlich, dass sich die Stadt eine Meinung bildet zu den Untersuchungsergebnissen, die wir vorlegen. Die Frage ist: Kann sich die Stadt auf eine Variante verständigen, oder braucht sie dafür noch Zwischenschritte? Wir haben auf jeden Fall keinen Zeitdruck. Ich vermute aber, dass die Entscheidungsfindung über die Kommunalwahl hinausgehen wird.
Wir haben den Auftrag, eine Umfahrung zu bauen. Welche Variante aus städtischer Sicht favorisiert wird, das muss der Stadtrat entscheiden, das sind die gewählten Vertreter. Oder eben direkt der Bürger. Das bindet zwar nicht unmittelbar den Bund als Vorhabensträger, hat aber dennoch großen Einfluss auf die weiteren Schritte in diesem Projekt. Nur darf man sich nach den Untersuchungen auch nicht zu lange Zeit lassen, denn durch ständige Neuerungen bei den Genehmigungsverfahren, vor allem beim Naturschutz, können Sie in der Regel alle Untersuchungen nach fünf Jahren wegwerfen und müssen neu anfangen. Und fünf Jahre sind bei so einem Projekt schnell vorbei.

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