„Man kann lange weg sein, aber wenn man zurückkommt nach Weilheim, ist man sofort wieder drin“: Die „Notwist“-Kernbesetzung (von re.) Micha Acher, Markus Acher und Cico Beck. F
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„Man kann lange weg sein, aber wenn man zurückkommt nach Weilheim, ist man sofort wieder drin“: Die „Notwist“-Kernbesetzung (von re.) Micha Acher, Markus Acher und Cico Beck.

Neues Album ist fertig und erscheint bald

Interview mit „The Notwist“: „Wir hatten Lust, was ganz anderes zu bringen“

  • Magnus Reitinger
    vonMagnus Reitinger
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Neugier und Offenheit waren schon immer charakteristisch für die Musik der Band „The Notwist“, die sich vor über 30 Jahren in Weilheim gegründet hat und seit langem eine der maßgeblichen Indie-Bands Deutschlands ist – mit begeisterten Fans rund um den Globus.

Weilheim – Doch auf dem neuen Album „Vertigo Days“ pflegen die „Notwist“-Gründer Micha und Markus Acher sowie Cico Beck – der vor ein paar Jahren für „Elektroniker“ Martin Gretschmann in die Kernbesetzung rückte – das Prinzip Offenheit konsequenter denn je. Man habe „das gängige Konzept einer Band in Frage stellen, aber auch die Idee von nationalen Identitäten aufweichen“ wollen, sagt Markus Acher. Deshalb gab man anderen Stimmen und Sprachen Raum und holte als Gastmusiker die japanische Sängerin Saya („Tenniscoats“), aus den USA den Multiinstrumentalisten Ben LaMar Gay und die Jazzerin Angel Bat Dawid sowie die argentinische Sängerin und Produzentin Juana Molina mit ins Boot. Wie sehr sie diese Zusammenarbeit bereichert hat und weshalb bis zu einer neuen „Notwist“-Platte immer Jahre vergehen, erklären die Brüder Acher und Cico Beck im Interview.

Nach über sechs Jahren ist mal wieder ein neues „Notwist“-Album auf die Welt gebracht – wie fühlt sich das an?

Micha Acher: Sehr gut! Ich bin froh, dass die Platte jetzt fertig ist...

Und wie zufrieden seid Ihr mit dem Ergebnis?

Markus Acher: In dieser komischen Zeit sind wir erst mal glücklich, das überhaupt geschafft zu haben. Am Anfang der Corona-Zeit haben wir versucht, das per Computer hinzukriegen, aber das ging nicht gut. Es ist schon wichtig, dafür zusammen in einem Raum zu sein. Auf der anderen Seite: Die Konzentration der letzten Monate hat dem Ganzen sehr gut getan. Das wird definitiv eine sehr spezielle Platte für uns bleiben.

Seid Ihr vor dem Veröffentlichungstermin eines neuen Albums nervös?

Micha Acher: Da eigentlich nicht mehr. Bevor die Platte fertig ist, da ist man angespannt. Wenn sie dann fertig ist und uns selber gefällt, sind wir nicht wirklich nervös – aber natürlich gespannt auf die Reaktionen.

Macht Ihr Euch Gedanken, wie das Ganze wohl ankommen wird?

Markus Acher: Wie jeder, der was macht und damit in die Öffentlichkeit geht, ist man natürlich neugierig. Und manchmal hofft man auch auf überraschte Reaktionen. Wir haben absichtlich vorab schon den Song „Ship“ veröffentlicht, der anders klingt als ein typisches „Notwist“-Stück. Wir hatten einfach Lust, etwas zu bringen, das ganz anders ist, und haben dabei auch die Möglichkeit einbezogen, manche vielleicht ein bisschen vor den Kopf zu stoßen. Bei diesem Album ging es uns viel darum, zu zeigen, was „Notwist“ noch alles ist, und darum, dass die ganzen Einflüsse vorkommen, die so um uns sind. Alles das ist auch „Notwist“ – das war bloß bis jetzt noch nicht in der Form zu hören.

Bekommt Ihr viele Rückmeldungen von Fans?

Cico Beck: Übers Internet kriegt man das heute sehr direkt mit – etwa über Kommentare unter den YouTube-Videos oder auf Plattenforen, in denen heftig diskutiert wird über falsche Töne...

Interessiert Euch das in jedem Falle?

Cico Beck: Wir verfolgen es auf jeden Fall mit Spannung. Aber wenn man mit dem, was man getan hat, im Reinen ist, ist man da sehr resistent.

Wie darf man sich die Zusammenarbeit mit den internationalen Gastmusikern vorstellen, die auf „Vertigo Days“ vertreten sind? Lief da viel virtuell, oder habt Ihr Euch tatsächlich zum Musikmachen getroffen?

Micha Acher: Das lief eigentlich alles virtuell ab, weil da schon die Corona-Zeit begonnen hatte. Wir haben Dateien verschickt und gefragt, ob sie was dazu machen könnten –ohne jegliche Vorgaben. Was wir zurück bekamen, haben wir teilweise bearbeitet, teilweise haben wir auch gar nichts mehr verändert. Der argentinischen Sängerin und Produzentin Juana Molina hatten wir zum Beispiel nur einen kleinen Loop geschickt – und wir haben praktisch ein fertiges Stück bekommen.

War diese Öffnung nach außen für Euch selber eine Bereicherung?

Micha Acher: Auf alle Fälle. Man wird auf diese Weise auch selber überrascht. Wir können die Stücke dieser Platte auf eine ganz andere Art anhören, darüber sind wir echt glücklich.

Im Grunde ist „Notwist“ für Euch ja nur ein Projekt unter vielen – und zugleich die Band, mit der alles angefangen hat. Was bedeutet „Notwist“ für Euch selber?

Markus Acher: Es gibt diese Band einfach am längsten, wir haben sehr viel gemacht, sind viel rumgekommen damit – dadurch ist es schon irgendwie der Mittelpunkt. Zugleich ist es die Band, mit der es für uns am schwierigsten ist, eine neue Platte zu machen: Wir wollen uns nicht wiederholen und eine Platte, die wir schon gemacht haben, noch mal machen...Deshalb ist es immer ein langer Anlauf, bis es so weit ist und wir das Gefühl haben, etwas zu machen, was von innen heraus gemacht werden muss. Da helfen uns die ganzen anderen Bands, in denen wir spielen, wiederum extrem, und auf diesem Album ist das jetzt hörbar: Dass der „Notwist“-Kosmos nicht nur aus uns besteht, sondern auch aus vielen anderen – dem Label „Alien Transistor“, all den Musikern, die wir toll finden, und vielen mehr.

Eure Widerständigkeit gegen die Popmarktmechanismen ist legendär: etwa vor Jahren das Nein, einen Song für einen Mobilfunkwerbespot freizugeben – was auch ein Nein zu einer hübschen Summe Geld war. Gab es in letzter Zeit noch mal solch verlockende Angebote?

Micha Acher: Nein, es gab keine Millionen-Angebote, nichts, das wir ablehnen mussten – oder vielleicht in der momentanen Situation nicht abgelehnt hätten... Im übrigen hat sich der ganze Musikmarkt ja sehr verändert.

Wenn Ihr an Eure Anfänge, die Proben im Weilheimer Pfadiheim oder die ersten Konzerte im Peißenberger Juze, zurückdenkt – stellen sich da manchmal nostalgische Gefühle ein?

Micha Acher: Nostalgie eigentlich nicht. Das würde ja auch bedeuten, dass man sich zurücksehnt. Das war eine Zeit, in der viele tolle Sachen entstanden sind und wir viele tolle Leute kennengelernt haben, definitiv – und das läuft ja zum Teil auch weiter. Aber wir sind keine sehr retrospektive Band. Wir blicken nicht viel zurück, weil immer so viele neue, spannende Sache anstehen.

Markus Acher: Woran ich gerne zurückdenke, das sind die Konzerte im Juze Peißenberg – das war schon sehr speziell. Dass in diesem kleinen Jugendzentrum Bands wie „Smog“ aus den USA oder „Motorpsycho“ aus Norwegen aufgetreten sind, das kann man heute gar nicht mehr glauben. Und da waren oft mehr Leute als bei Konzerten solcher Bands in Berlin... Das ist eigentlich schon toll, dass das geklappt hat und dass man das lange so durchziehen konnte.

Wie sieht aktuell Eure Beziehung zu Weilheim aus?

Micha Acher: Bei mir ist es konkret die Beziehung zu meinen Eltern, die in Weilheim wohnen. Ansonsten gibt es noch den Studio-Raum im Trifthof, aber da sind wir in letzter Zeit nicht so oft. Seit Beginn der Corona-Zeit ist eigentlich alles in München passiert.

Vermisst Ihr Weilheim schon ein bisschen?

Micha Acher: Ich freu’ mich, wenn ich meine Eltern sehe. Ansonsten ist es nicht so schlimm, muss ich gestehen...

Markus Acher: Auf eine bestimmte Art geht man ja auch nie wirklich fort. Man kann lange weg sein, aber wenn man wieder zurückkommt nach Weilheim, ist man sofort wieder drin.

Das Album

„Vertigo Days“ von „The Notwist“ erscheint am 29. Januar bei Morr Music – als CD, Doppel-LP und digital.

Info: www.notwist.com.

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