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So sah die Greitherstraße um die Jahrhundertwendet 1890 / 1900 in der Altstadt aus, gleich vorne  das Haus, in dem   seit 35 Jahren die Polsterei war und wo  jetzt Räumungsverkauf ist. 

Schon wieder macht ein Geschäft zu 

Jetzt schließt auch die Polsterei

35 Jahre lang gab es die „Polsterei Michael Andrä“ an der Greitherstraße in Weilheim. Jetzt schließt sie. Sie ist nicht der erste Betrieb, der in dem Haus aufhört.

Weilheim – „Gegründet worden ist das Unternehmen von Josef Schallenkammer“, so Petra Andrä, „wir haben es in der fünften Generation betrieben.“ Jetzt verkauft die 72-Jährige die Ladeneinrichtung, das Werkzeug und das verbliebene Material in ihrem Laden an der Greitherstraße 3 in Weilheim. Sie schließt das Geschäft, „weil man das allein nicht machen kann“. Nachdem ihr Mann Michael Andrä im Februar verstorben war, sah sie keine Zukunft mehr für die Polsterei, die sie 1982 eröffnet und dann gemeinsam betrieben haben.

„Die Anfangszeit ist immer hart“, erinnert sich Andrä, die das Schneiderhandwerk gelernt hatte. Als ihre Mutter Geld fürs Geschäft gebraucht habe, habe sie gerade einmal 500 Mark von der Bank als Darlehen bekommen. „Haste nix, kriegste nix“, so laute der Grundsatz, der auch heute noch gelte. Es wundere sie daher nicht, dass sich immer weniger junge Leute selbstständig machen. Und noch ein Problem komme hinzu. „Das Internet macht das Handwerk nieder“, so ihre Beurteilung der aktuellen Entwicklung. Der einst goldene Boden gehe verloren, deshalb würden so viele kleine Geschäfte und Handwerksbetriebe zusperren.

Dass sie überhaupt in Weilheim ist, ist ein Zufall. „Überall gehe ich hin, aber nicht hierher“, habe ihre Mutter beim Anblick des Weilheimer Bahnhofs gesagt, als sie mit ihrer Tochter nach dem Krieg, mit dem Zug aus dem Erzgebirge kommend, nach Garmisch fuhr.

Jahre später kam die Familie doch nach Weilheim, weil sie hier ein geeignetes Haus fanden. „Ich wollte Wohnung und Geschäft in einem Haus haben“, so die Begründung für den Kauf des Hauses, in dem die Familie über dem Laden und der Werkstatt wohnte. Der Vorteil sei, „dass man sich weite Weg spart und die Arbeitszeit flexibel gestalten kann“.

Es habe aber auch den Nachteil, dass man Arbeit und Freizeit schlecht trennen könne. So hätten sie schon einmal „in der Nacht ein Sofa fertiggemacht“, weil sie am nächsten Tag in den Urlaub fahren wollten. „Aber es hat auch Spaß gemacht“, fügt sie an, „es ist ein schöner Beruf.“ Besonders gerne hat Petra Andrä alte Möbel restauriert: „Aus alt mach neu – das war immer schon mein Ding.“

Ihr Betrieb ist nicht der erste, der in diesem Haus aufhört. Im Gegenteil: Der Wechsel sei das einzig Beständige, wie Andrä feststellt. Sie hat die Geschichte des Hauses erforscht, das ihre Familie für das Geschäft gekauft hatte. Ein Trödler und Gebrauchtwarenhändler hatte hier seinen Laden, auch ein Schneider und ein Friseur arbeiteten schon in dem Haus. Und bis 1955 gab es hier sogar ein ganz innovatives Angebot: In den Raum, in dem die Polsterei-Werkstatt war, befand sich die erste Weilheimer Fernsehstube. Für 50 Pfennige konnte man hier einen Blick in die – damals noch neue – Röhre werfen.

Wie es mit den Räumlichkeiten weitergeht, ist noch offen. Andrä sucht einen Nachmieter, „am besten einen Handwerker“. Am liebsten wäre ihr „ein Raumausstatter, ein Schneider oder ein Schuster“. Einen Bewirtungsbetrieb kann sie sich hier nicht vorstellen, da es in der Umgebung schon sehr viel Gastronomie gebe.

Auch wenn das Geschäft an der Greitherstraße in Weilheim bald Vergangenheit ist, der Familienbetrieb geht an seinem Ursprungsort in der sechsten Generation weiter. Ein Sohn von Andrä führt in Seeshaupt einen Betrieb und bildet auch Lehrlinge aus.

Alfred Schubert

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