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Über die Deko lässt sich streiten, über den Erfolg nicht. Mit kreativen Aktionen wie dem „Halloween-Bewerbertag“ im vergangenen Spätherbst hat die Krankenhaus GmbH bereits 80 neue Pflegekräfte angelockt.

Pflegekräftemangel

Krankenhaus GmbH Weilheim-Schongau: Erfolgreiche Pflege-Offensive, aber andere Klinikbetreiber sind stinksauer

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Mit einer Bewerber-Party und einer ungewöhnlichen Werbe-Offensive in Ostdeutschland kämpft die Krankenhaus GmbH Weilheim-Schongau in Zeiten des Pflegekräftemangels um mehr examiniertes Personal. Mit Erfolg: Alleine 80 neue Mitarbeiter konnten auf diesem unkonventionellen Weg gewonnen werden.

Landkreis – „Sicher dir deinen Traumjob im Traumland Bayern bei den Kliniken Weilheim und Schongau“, schwärmt die sonore Männerstimme. Diese Radiowerbung wurde in Sachsen-Anhalt viele Tage ausgestrahlt. Sie richtet sich an examinierte Pflegekräfte.

Der Spot preist weiter „traumhafte Aussichten“ sowie „einen sicheren Arbeitsplatz mit Wohnmöglichkeiten“ an, um schließlich zu (froh)locken: „Werde Teil des Teams und gehe mit uns zum Dinner auf die Zugspitze!“ Lockerer Treffpunkt für alle Willigen: Ein Tag im Cityhotel in Aschersleben.

Das ist der Höhepunkt einer ungewöhnlichen Werbekampagne, die die Krankenhaus GmbH seit einem Jahr im Kampf um mehr Pflegepersonal fährt. Eine ganze Serie lockerer Bewerbungs-Partys hat es in den eigenen Häusern schon gegeben. „Pflege-Bewerber-Nacht“, „First Monday for jobs“, „Halloween Bewerber Party“ – 80 neue Pflegekräfte haben sich die Kreiskliniken so ins Boot geholt.

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Und warum jetzt Aschersleben? Dazu möchte man sich bei der Krankenhaus GmbH nicht äußern. Doch Tatsache ist: Bei den AMEOS-Kliniken brennt seit kurz vor Weihnachten richtig die Hütte. Das Unternehmen mit 18 Einrichtungen an zehn Standorten in Sachsen-Anhalt hatte 20 Mitarbeitern fristlos gekündigt. Die Weilheim-Schongauer Werbung mit tariflicher Bezahlung scheint sich ausgezahlt zu haben. Das Fazit nach dem Termin in Aschersleben: An die 14 Bewerber haben sich informiert. Acht bis neun möchten laut Pflegedienstdirektorin Anne Ertel einen Vertrag unterschreiben. „Das muss aber erst alles organisiert werden. Die Interessenten möchten teilweise mit der ganzen Familie umziehen. Da müssen wir erst Wohnungen herbekommen.“

Mittlerweile mehr als 1000 Mitarbeiter bei der Krankenhaus GmbH

Derzeit sind bei der Krankenhaus GmbH an beiden Häusern in Weilheim und Schongau insgesamt 1000 Mitarbeiter angestellt. Und es werden wöchentlich mehr –und zwar drei bis fünf, für alle Stationen. Die zusätzlichen Einstellungen haben dazu geführt, dass alle Stationen der beiden Kreishäuser geöffnet sind, freut sich Thomas Lippmann, Geschäftsführer der Krankenhaus GmbH. Das war auch schon mal anders. „Wir haben von 2018 bis heute 100 neue Krankenpflegestellen geschaffen.“ Er führt das auch auf die unkonventionelle Werbung zurück.

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Oder liegt es am Geld? „Wir geben mehr, als Bezahlung nach TvÖD“: Mit diesem Spruch wirbt man seitens der GmbH auf der eigenen Facebook-Seite „Mia san Krankenpflege – Kliniken Weilheim-Schongau“ um Personal. Bezahlung über Tarif: Nein, nein, winkt Lippmann ab. Das Ganze sei nur ein wenig „frech“ formuliert gewesen. Tatsächlich dürfte man bei der Krankenhaus GmbH gar nicht über Tarif zahlen: Die Kreiskliniken sind Mitglied im kommunalen Arbeitgeberverband, der eine solche Überzahlung verbietet.

Auch arbeitet man im Landkreis Weilheim-Schongau nicht nicht mit Geld-Prämien, die andere Häuser für das Anwerben neuer Pflegekräfte ausloben. Bis zu 10 000 Euro Kopfgeld werden in Kliniken in Berlin oder Hamburg teilweise bezahlt. „Das ist kurzfristig, das verpufft“, ist sich Lippmann sicher.

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Er setzt konsequent auf andere Themen. Modernste Infrastruktur mit Robotics, Kommunalität und sinnvolle Kooperationen mit Maximalversorgern – im Falle der Kreiskliniken mit dem Klinikum rechts der Isar in München: Das sind für Lippmann die Softskills, die Bewerber anziehen. Und natürlich Aus- und Weiterbildung. „Hier haben wir das Budget vervierfacht.“ Zum ersten Mal gibt es an der eigenen Krankenpflegeschule in diesem Jahr nicht nur eine, sondern zwei Klassen mit je 24 Schülern. Neu sind auch freigestellte Praxis-Anleiter in jedem Haus, erklärt Anne Ertel.

Für die Pflege-Schüler hat der Landkreis jüngst tief in die Tasche gegriffen: Der Neubau von Appartementhäusern für Schüler wurde vom Kreistag abgesegnet. Kostenfaktor: rund 13 Millionen Euro.

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Neue Mitarbeiter in der Pflege profitieren laut Lippmann auf Anfrage nicht von dieser Investition. Die Appartements seien explizit für Schüler. Für neue Mitarbeiter ist die Krankenhaus GmbH seit einem Jahr eine Kooperation mit Maklern eingegangen. 25 Wohnungen sind in Weilheim bereits dauerhaft gemietet und werden untervermietet. Auch in Schongau stehe man laut Ertel mit der Wohnungs-Vermietung in den Startlöchern. Dem Mehrkosten-Faktor übrigens steht Lippmann gelassen gegenüber: „Unsere Rendite ist die Patientenzufriedenheit.“

Andere Kliniken kritisieren Mitarbeiterwerbung scharf

Mit ihrer Werbe-Aktion auf dem Gelände der Nachbar-Kliniken hat die Krankenhaus GmbH für mächtig Ärger gesorgt. Auf Mitarbeiterparkplätzen und in Mitarbeiter-Wohnblocks wurde mit Flyern versucht, Pflegepersonal abzuwerben. „Ich weiß, die Mitbewerber sehen das kritisch“, räumt Thomas Lippmann, Geschäftsführer der Krankenhaus GmbH Weilheim-Schongau, ein. Aber: Jeder müsse sich um sein eigenes Unternehmen kümmern.

Die Werbe-Aktion der Krankenhaus GmbH dürfte seiner Einschätzung zufolge keine Auswirkung auf die Pflegepersonal-Situation in den anderen Häusern haben. Lippmann: „Wer glaubt, sein Mitarbeiter verlässt das Haus, nur weil wir eine Bewerber-Party anbieten, der irrt.“ Ein solcher Mitarbeiter habe seine Entscheidung zu gehen schon lange vorher gefällt. „Entscheidend ist, was ein Mitarbeiter auf lange Zeit im eigenen Haus erlebt.“ Von einer aggressiven Vorgehensweise will Lippmann nichts wissen. „Es muss fair zugehen, mit ordentlichen Mitteln. Der Aufsichtsrat hat uns hier stark unterstützt.“ Mit dem Ziel, „aktiv in den Wettbewerb zu gehen, nicht nur im Landkreis“.

Beschwerde beim Aufsichtsrat: Betriebsgelände ab sofort tabu

Ein Vorgehen, das man seitens der betroffenen Unfallklinik Murnau nicht nachvollziehen kann. Dass Flyer zur Halloween-Bewerber-Nacht nicht nur auf Mitarbeiterparkplätzen, sondern auch flächendeckend in den Briefkästen der Betriebswohnungen verteilt worden sind, „das hat bei uns zu großem Unmut geführt“, erklärt Sarah Heinze, Geschäftsführerin der Unfallklinik Murnau, auf Anfrage. „Dieses Vorgehen entspricht nicht unserem Verständnis eines fairen Wettbewerbs und Kolleginnen und Kollegen waren – gleichermaßen wie die Klinikleitung – von diesem Vorgehen schockiert.“ Eine solche Maßnahme zur Gewinnung von neuem Pflegepersonal habe man „als äußerst unangemessen“ befunden.  „Wir haben daraufhin das persönliche Gespräch gesucht. Wir haben eine offizielle Entschuldigung erhalten und die Zusicherung, dass es zukünftig zu keinen direkten Abwerbungsmaßnahmen mehr kommen wird“, so Heinze. 

Noch deutlichere Worte findet die Geschäftsführung einer anderen betroffenen Klinik in Richtung Krankenhaus GmbH: Die Flyer-Aktion auf firmeneigenem Gelände sieht man dort gar als „Hausfriedensbruch“. Lippmann räumt auf Anfrage „Ärger und Irritationen“ ein. Verschiedene Anfragen habe er nach der Flyer-Aktion bekommen. „Das reichte von maximalem Unverständnis bis hin zu Augenzwinkern.“ Nach einigen persönlichen Gesprächen in dieser Sache, rudert man bei der Krankenhaus GmbH und wohl auch im Aufsichtsrat ein klein wenig zurück: Das Thema fremdes Betriebsgelände sei jetzt bei Personal-Werbung ausgeschlossen. 

Riesenplakate vor den Klinik-Eingängen aufgehängt

Auf großflächige Personal-Werbung im Bereich anderer Kliniken, so wird es der Heimatzeitung berichtet, will die Krankenhaus GmbH trotzdem nicht verzichten. Jetzt wird nicht mehr geflyert, sondern plakatiert. Vor anderen Häusern. Aber auf öffentlichem Grund. „Auch wir hatten vor zwei Jahren in Schongau die Werbung eines privaten Betreibers, der quasi vor unserer Haustür Großplakate aufgehängt hat, und mussten das hinnehmen.“ Lippmann zeigt sich gelassen: „Die Bundesregierung hat uns den Auftrag gegeben, uns sichtbar zu machen. Da kann ich nicht in meinem Landkreis bleiben.“

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