+
Im Trio wurde die Geschichte von Andrea Mangfall erzählt: (v.l.) Harry Kämmerer, Nina Krause und Reinhard Soll.

„Weilheimer Lesepause“

Krimi mit zwei Ermittlerinnen 

Im Veranstaltungsreigen der „Weilheimer Lesepause“ konnte der Freitag getrost das Fernsehprogramm ersetzen, denn am Kirchplatz war Krimitag – mit gleich zwei Ermittlerinnen.

Weilheim – Nachmittags fahndete Kriminal-Seniorin „Barbara Wensch“ (gelesen von der Peißenberger Autorin Patricia Christner), abends übernahm „Andrea Mangfall“, gelesen von Harry Kämmerer.

Obwohl es bereits ein zweites Mangfall-Buch gibt, präsentierte Kämmerer das Auftaktwerk. Dessen „Lesung“ ist eher eine Bühneninszenierung, die teils in Fünferbesetzung daherkommt. In Weilheim war das Krimi-Team immerhin zu dritt. Sphärische Blues- und Funk-Töne von Reinhard Soll zauberten Andeutungen, dazu las neben dem Autor noch Nina Krause. Ihre bis hin zum genervten Seufzen und zum angestrengten Aufstöhnen authentische Stimme zeigte, dass sich „Jungkommissarin Mangfall“ einer sehr zehrenden Freizeitbeschäftigung hingibt: dem ausgiebigen Feiern, zunächst gleich einmal auf der Wies’n.

Nicht eine im Fitness-Club gestählte, dauereuphorische Polizistin lernt man hier kennen, sondern einen Menschen, der auch mit sich selbst noch mehr als genug zu tun hat. Und mit ihrem Bruder „Paul“, der bei Andrea Mangfall eingezogen ist, weil er aufs Hippie-Leben steht und grandios verarmt ist.

Im schnellen Sprachduktus gehen die Unterhaltungen hin und her, und Kämmerer trifft auch hierbei die Menschen sehr lebendig. Schon in halbvollendeten Sätzen übernimmt der Dialogpartner, und nicht selten schwingt deftige Stichelei mit. Schließlich will Andrea Mangfall nicht nur cool feiern, sondern auch noch ihre große Liebe finden – und nebenbei ihren Bruder von dessen Faulheit kurieren.

Man staunt, dass einer Polizistin solche Sätze entfahren, wie: „Sie prüfte, ob der Boden noch schwankte. Er tat es nicht. Sie duschte und fuhr ins Präsidium.“ Immerhin auf dem Fahrrad. Nach der Party, von der sie sich mehr schlecht als recht erholt, hat es einen Mord gegeben. Der Hauptverdächtige ist jetzt ausgerechnet der Hippie-Bruder der Kommissarin.

„Es ist schön, nicht immer nur den rotweintrinkenden, depressiven Ermittler mit geschiedener Frau vor sich zu haben“, sagt Kämmerer in der Pause. Und man muss den Hut ziehen, wie hervorragend differenziert er auch die Zerrissenheit seiner Polizistin trifft, deren Zielkonflikt zwischen „privat unbeschwert und wild“ und „beruflich professionell und seriös“ wohl weite Leserkreise kennen.

Jugendliche Formulierungen muss man freilich abkönnen. Ein Motorrad als „fettes Teil“, Pillen als „Designerscheiße“ und als Krönung brennt die Sonne „eine Schneise in ihren Alkschädel.“ Umgekehrt gibt es im Buch auch wunderbare Kurz-Poesie: „Abendhimmel. Giftige Farbe. Schwefel. Es wird ein Gewitter geben. Ihr bricht der Schweiß aus. Kaum Sound, als würde die Stadt die Luft anhalten...“ Das Publikum hing jedenfalls an den Gitarrensaiten und an den Lippen des Trios und hatte, im Gegensatz zur aufkommenden Panik der Ermittlerin, kein ungutes Gefühl.

Andreas Bretting

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Lkw-Anhänger stößt in Schongau mit Zug zusammen - Mehrere Verletzte
In Schongau hat sich am Dienstagnachmittag ein Unfall zwischen einem Zug und einem Lastwagen ereignet. Nach ersten Informationen gibt es mehrere Verletzte. 
Lkw-Anhänger stößt in Schongau mit Zug zusammen - Mehrere Verletzte
A95-Ausfahrt: Hoher Schaden bei Kollision
Penzberg - Hoher Sachschaden entstand am Dienstag in der Früh bei einem Unfall an der Autobahn-Ausfahrt bei Penzberg. Für die Fahrer ging es glimpflich aus, so die …
A95-Ausfahrt: Hoher Schaden bei Kollision
Ein zweites Martinsried im Penzberger Nonnenwald?
Entsteht in Penzberg ein Forschungs- und Gründerzentrum ähnlich dem viel gelobten Campus in Martinsried? Diese Gedankenspiele laufen derzeit beim Biotech-Konzern …
Ein zweites Martinsried im Penzberger Nonnenwald?
Steht Tanzgarde „Wild Angels“ vor dem Aus?
Gemeinsam mit dem Faschingsverein „Narrhalla“ versucht sie seit Jahren den Fasching in der Innenstadt attraktiver zu machen: die Tanzgarde der „Wild Angels“. Nun steht …
Steht Tanzgarde „Wild Angels“ vor dem Aus?

Kommentare