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Zwischen Flüchtlingszelt und Palast: 29 Weilheimer Künstler und ihr Blick auf „Zuhause“

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Vor dem Stadtmuseum auf dem Marienplatz trafen sich am Samstagvormittag Künstler und Besucher zur Eröffnung der Ausstellung „Home Sweet Home“. Der neue Kunstforum-Vorsitzende Stefan König hielt dort eine Einführung, beklatscht von Museumsleiter Tobias Güthner und Weilheims Kulturreferentin Ragnhild Thieler. 
Vor dem Stadtmuseum auf dem Marienplatz trafen sich am Samstagvormittag Künstler und Besucher zur Eröffnung der Ausstellung „Home Sweet Home“. Der neue Kunstforum-Vorsitzende Stefan König hielt dort eine Einführung, beklatscht von Museumsleiter Tobias Güthner und Weilheims Kulturreferentin Ragnhild Thieler.  © Gronau

29 Künstler blicken aus verschiedensten Perspektiven auf „Zuhause“: „Home Sweet Home“ heißt die neue Gemeinschaftsausstellung des Kunstforums Weilheim, die am Samstag eröffnet wurde – und trotz aller Einschränkungen unbedingt einen Besuch im Stadtmuseum lohnt.

Weilheim – Eine warmherzig beklatschte Vernissage in kalter Frischluft gab es zur Eröffnung der Ausstellung „Home Sweet Home“. Wegen der Umstände, „deren Namen ich gar nicht mehr aussprechen mag“ (so Kulturreferentin Ragnhild Thieler), versammelten sich rund 15 Künstler nebst 25 Interessierten am Samstag auf dem Marienplatz, um der Einführung des neuen Kunstforums-Vorsitzenden zu lauschen. „Präsenz, Wahrnehmung und Wertschätzung der Kunst stärker in die Gesellschaft reinzutragen“, nannte der Penzberger Stefan König als Ziel und bezeichnete sich mit fester Open-Air-Stimme als „provokativer Mensch mit dem Blick von außen“.

Das Ideal der Behausung wird relativiert

Ins Stadtmuseum durften dann je immer nur fünf Personen mit 2G-Plus-Kriterium, um die 29 Kunstwerke von 29 Künstlern in Augenschein zu nehmen. Schon der bröckelnde „Palast der Medusa“ von Jos Huber relativiert das Ideal der Behausung. Umso mehr tun es die unperfekten und unbeständigen Papphäuser von Thorsten Fuhrmann oder der mehrteilige Hausaltar von Marinus Wirtl, worin das Objekt „Home is where the heart is“ durch ein Herz auf einer Sackkarre symbolisiert wird: Das Zuhause als Ergebnis von Anstrengung.

Erster offizieller Gast der Schau im Stadtmuseum war Landrätin Andrea Jochner-Weiß. 
Erster offizieller Gast der Schau im Stadtmuseum war Landrätin Andrea Jochner-Weiß.  © Gronau

Das „Home“ – ein von Christian S. Bolley vorgeschlagenes Motto – als Traum zeigen meisterlich auch die zwei Kupferdrahthäuschen von Max Mirlach. Deren Position erscheint – je nach optischem Betrachtungswinkel des Acrylglas-Sockels – mal wie auf schwankendem Papier, mal auf solidem Grund. Ein Schutzgeist fürs Haus, wie die Umriss-Ritzung in der Stele „Hüterin“ von Gisela Drescher, oder gute Lebensmotti wie in Re-Nata Hirtls Zuckergussschrift können daher nicht schaden.

Thema „Zweisamkeit“

Viele Künstler greifen auch die Zweisamkeit als Idee eines „Zuhauses“ auf. Während vor Wojciech Bielawskis fantasievoll tanzender Schlossfassade harmonievoll ein zweites Weinglas ins Bild gereicht wird, treffen sich die Blicke der zwei ethnisch diversen Figuren von Michaela Gräper nicht. Noch komplexer sind die zwei hausförmigen Köpfe von Katrin Bach: Mit einem Spiegel hinterlegt sieht man, dass jedes Mal ein Gesicht die Augen schließt – und wohl nicht „auf Empfang“ für den anderen ist. Heide Karin Konwalinka hingegen thematisiert den eigenen Körper als Behausung, indem sie 15 Kleinbilder, angelehnt an Niki de Saint Phalle, zusammenstellt.

Zitate vermag man auch bei Ulissa herauszuspüren, deren Gemälde eines gelb-blauen Stuhls einer van Gogh-Sehnsucht entsprungen scheint, oder bei Renata Nemitz, deren pinkfarbene und lakritzbesetzte Urne kühn die Pop-Art-Ästhetik mit dem Topos der letzten Wegzehrung verbindet.

Bilder vom Schiffbruch 

Überhaupt erst ein Heim zu finden, das thematisieren die Bilder vom Schiffbruch  (farbkräftig: Wolf Schindler) und vom Flüchtlingszelt (düster: Hans März). Besonders die Kunst von Reinhard Giebelhausen – ein Objekt mit Papierschiffchen und EU-Flagge – ist nur äußerlich ein stilles Werk. Auf den zweiten Blick nämlich gibt es eine Pistole, die das Boot ins Visier nimmt.

Ganz ohne Ironie bleiben die sensiblen Foto-Arbeiten. Monika Propach-Voeste zeigt die behauste Schnecke am Rande eines grün lockenden Abgrunds, Christian Bolley konfrontiert einen Jüngling vor farbigem Palast-Interieur mit einem Text, der die Wohnkosten für sozial Schwache hinterfragt. Einen Höhepunkt an Nachdenklichkeit erreicht Susanne Kohler, deren dokumentarisches Foto von antiker Einrichtung mit schlichtem Bügelbrett genauso im Kopf haften bleibt wie der beigesellte Text über eine Seniorin, die zunehmend in der Vergangenheit lebt.

Ab Februar Kunst im „Zwischenraum“

Sie wolle jetzt das „Gestalten vors Verwalten“ stellen, sagte Kohler, die ehemalige Kunstforums-Vorständin. In die Stille der Dunkelkammer zieht sich die Fotografin indes nicht zurück: Gemeinsam mit Christian Bolley wird sie die Nutzung vom „Zwischenraum“ organisieren. In der ehemaligen Buchhandlung „Stöppel“ finden das Kunstforum, der Verein Lichtkunst und das Stadtmuseum einen Ausstellungsort, der voraussichtlich ab Februar immer Mittwoch bis Samstag von 10 bis 15 Uhr geöffnet sein wird. Ein Fernsehbeitrag über die Zwischennutzung ist im Bayerischen Rundfunk im TV-Magazin „Mehrwert“ für kommenden Donnerstag, 20. Januar, ab 19 Uhr geplant.

Andreas Bretting

Die Ausstellung

„Home Sweet Home“ im Weilheimer Stadtmuseum ist zu sehen bis zum 26. Februar, geöffnet Dienstag mit Samstag von 10 bis 17 Uhr. Es gilt 2G plus Test oder 2G plus Booster.

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