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Auch Echter in Weilheim ist von der Schließung betroffen.

Corona-Krise

Landkreis: Große Geschäfte weiter dicht - „ist eine Tragödie“

Unternehmen mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche bleiben im Landkreis weiter geschlossen. Das sorgt  bei Geschäftsleuten für heftigen Unmut.

Landkreis „Die Vollbremsung macht uns schwer zu schaffen“, stellt Christian Echter vom gleichnamigen Modehaus in Weilheim fest. Dort haben bis Mitte März auf rund 5000 Quadratmetern 80 Beschäftige gearbeitet, deren Kurzarbeitergeld das Unternehmen aufgestockt hat. „Der Handel baut Woche für Woche Schulden auf und ich bin sehr besorgt, wie lange die Betriebe eine so schwierige Phase noch durchhalten können“, so Echter.

Echter in Weilheim

Das Ziel der Regierung, die Kundenfrequenz in den Zentren der bayerischen Großstädte einzuschränken, hält er zwar für nachvollziehbar, „nicht aber, dass man dabei nicht zwischen Großstadt und kleinen Orten unterscheidet“. Da Bau-, Garten- und Lebensmittelmärkte ohnehin uneingeschränkt öffnen dürften, gebe es im gesamten Landkreis nur sehr wenige großflächige Betriebe, für die eine Ausnahme erteilt werden müsste. Anders als in München herrsche in Weilheim kein Gedränge im öffentlichen Nahverkehr und die Zahl der Kunden sei mit der in größeren Städten überhaupt nicht vergleichbar.

„Unser Haus verfügt über sehr breite Eingänge, Laufwege, Kassenzonen und Fluchtwege.“ Obwohl ein Sicherheitskonzept die Bereiche Hygiene, Zutritt und Personaleinsatz im Detail regle, sei nicht absehbar, wann das Modehaus wieder öffnen dürfe und wie es dann weitergehe. Denn die bestellte Frühjahrsware liege seit Wochen in den Regalen. Über die sozialen Medien und einen Newsletter versuchen Echter und sein Team, dass der Kontakt zu den Stammkunden auch in dieser schwierigen Zeit nicht ganz verloren geht.

K&L in Weilheim

Noch deutlichere Worte findet Rüdiger Herrmann, Marketing-Chef und Prokurist von K&L. Das Haus in der Weilheimer Schmiedstraße bleibt mit seinen 3300 Quadratmetern ebenfalls auf unbestimmte Zeit zu. „Das ist eine einzige Tragödie“, sagt Herrmann und kann nicht verstehen, warum Filialen des Unternehmens in anderen Bundesländern geöffnet sein dürfen, in Bayern dagegen nicht. „Dass der Gesamtkonzern in einem Monat 20 Millionen Euro verliert, ist eine Katastrophe.“ Die sehr unterschiedliche Handhabung der Corona-Schutzmaßnahmen innerhalb Deutschlands sei nicht nachvollziehbar.

Wie viele andere Firmen habe auch K&L das Kurzarbeitergeld aufgestockt. Besonders belastend sei, dass es keinerlei Perspektive gebe, wie lange die staatlich verordnete Zwangspause überhaupt noch dauern soll. „Ist den Politikern eigentlich klar, was in den mittelständischen Firmen wirklich los ist?“, fragt Herrmann verärgert. Er fühle sich trotz aller Politiker-Versprechungen im Stich gelassen, „denn bisher haben wir noch keinen einzigen Cent an Unterstützung gesehen“.

Conrad in Penzberg

Auch Hans Conrad ist sauer. Der Chef von vier Sportgeschäften in Penzberg, Wielenbach, Murnau und Garmisch-Partenkirchen musste über 100 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und zahlt die Differenz zum vollen Netto-Gehalt. Für ihn erschließt sich ebenfalls einiges nicht: „Der geforderte Abstand zwischen Kunden wäre doch in einem größeren Geschäft besser zu wahren als in einem kleinen. Warum geht das woanders, bloß in Bayern nicht?“

Mit einem Brief an die bayerische Staatsregierung hat er diese Woche versucht, in Erfahrung zu bringen, ob er in Penzberg ein Stockwerk sperren könnte, um unter die 800-Quadratmeter-Marke zu fallen. „Das wäre besser als nichts“, sagt der Geschäftsführer. Die Antwort: Nein, eine solche Raumaufteilung ist nicht erlaubt. Zumindest die Radsportabteilung darf er in Penzberg und Garmisch-Partenkirchen öffnen, Wielenbach bleibt komplett zu, der kleinere Laden in Murnau darf aufmachen.

MöbelCentrale in Schongau

„Verlassen und verzweifelt“ fühlt sich indes Markus Strommer, Geschäftsführer der MöbelCentrale mit 14 000 Quadratmetern Verkaufsfläche in Schongau und 12 500 Quadratmetern in Penzberg. „Wir könnten die Vorgaben der Regierung viel besser umsetzen als Läden unter 800 Quadratmetern“, sagt er, „denn die Leute strömen ja nicht in Massen ins Möbelgeschäft und würden sich auf unserer riesigen Flächen verteilen.“ Es sei ohne Probleme möglich, den Kundenstrom ins Haus und auf den weiträumigen Parkplätzen so zu regeln, dass es zu keiner Verdichtung von Besuchern komme.

Doch das wolle die Politik offensichtlich nicht sehen. „Deshalb haben wir uns zusammen mit anderen Unternehmen an Ministerpräsident Söder gewandt.“ Er sehe nicht ein, so Strommer, dass er keine Gartenmöbel verkaufen dürfe, Baumärkte mit bis zu 20 000 Quadratmetern dagegen schon. In beiden Filialen hingen derzeit rund 170 Mitarbeiter in der Luft, „wir haben keine Ahnung, wie es in dieser bitteren Situation weitergehen soll“.

Peter Stöbich

Über ein „Danke“ in Zeiten von Corona freuen sich wohl viele Mitarbeiter in systemrelevanten Berufen. In Weilheim haben sie nun besondere Botschaften erhalten.

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