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Hochsensible spüren Reize und Emotionen stärker als andere.

Selbsthilfegruppen

Fluch der Sensibilität

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Sie empfinden mehr als ihre Mitbürger: Eine Hochsensible aus dem Landkreis will die erste Selbsthilfegruppe gründen.

Landkreis – Ingrid leidet seit Jahren darunter. Sie hat feine Antennen für ihre Umwelt. „Ich höre sehr extrem“, sagt die 32-Jährige. Dazu kommt ein stark ausgeprägter Geruchsinn. „Ich kann auch die Emotionen von anderen Menschen nach kurzer Zeit wahrnehmen, ohne sie lange zu kennen.“ 

„Ungerechtigkeit spüre ich sofort“

Die zierliche Frau mit den langen dunklen Haaren registriert in einer Gruppe sofort die sozialen Konflikte und Hierarchien. Nicht genug. „Ungerechtigkeit spüre ich sofort.“ Das wäre an sich nichts Schlechtes, wenn da nicht die negativen Auswirkungen wären. „Das ist eine Riesengabe, kann aber auch ein Fluch sein.“

Begriff Mitte der 90er Jahre eingeführt

Ingrid, die im Landkreis wohnt und in Wirklichkeit nicht so heißt, ist eine Hochsensible. Eine HSP. Das Kürzel steht für das englische Highly Sensitive Person und wurde Mitte der 90er Jahre von der US-Psychologin Elaine Aron geprägt. Mittlerweile hat es Eingang in die deutsche Sprache gefunden. 

Immer mehr Selbsthilfegruppen

Und immer mehr in die Medizin und Wissenschaft. Von Kiel bis Freiburg finden sich Treffs und Selbsthilfegruppen für hochsensible Personen. Ingrid möchte eine solche Gruppe jetzt im Landkreis ins Leben rufen.

Reize überfluten

Ingrid muss in einem Spannungsfeld klar kommen. Als Hochsensible leidet sie unter ihrer Empfindsamkeit und den Reizüberflutungen. „Ich habe häufig starke Konzentrationsprobleme.“ Speziell in Räumen mit vielen Personen oder „in Lebenslagen, wo ich mich nicht wohlfühle“. Die Gefühle anderer Menschen ziehen sie herunter. 

Eigenes Ich drängt in Hintergrund

Ingrid braucht lang, um sich wieder freizuschwimmen. „Das eigene Ich drängt total in den Hintergrund. Ich habe mich dann völlig verloren.“ Die 32-Jährige wird schnell ungeduldig, wenn die Gegenüber nicht ihren rasanten Gedankensprüngen folgen können. Dazu kommt ein „starkes Körperempfinden“, wie bei Krankheiten, die sich anbahnen.

Schon als Kind mehr gespürt

Die 32-Jährige hatte lang gerätselt, warum sie so viel empfindet. Schon als Kind habe sie mehr gespürt als andere. Erst vor circa einem halben Jahr wurde ihr klar, was es mit der Hochsensibilität auf sich hat. Jetzt sucht Ingrid Interessenten für eine Selbsthilfegruppe. Angedacht ist ein Start zum Jahresende hin. „Die Treffen sollen vorerst ein Mal im Monat stattfinden.“

Mehr als 90 Gruppen im Landkreis

Dafür hat sich Ingrid an das Landratsamt gewandt. Dort fiel ihr Ansinnen auf fruchtbaren Boden. Im dortigen Selbsthilfebüro werden derzeit mehr als 90 verschiedene Gruppen betreut. „Für unseren Landkreis ist das viel“, sagt Leiter Ronald Weber. 

Gesundheitsamt: „Sehr belastend“

Gesundheitsamtschef Stefan Günther begrüßt die Gründung einer solchen Gruppe. Regelmäßig Treffen seien sicher außerordentlich hilfreich, sagt der Mediziner mit Blick auf die verschiedenen Ausprägungen bei den HSP. „Für die Betroffenen stellt sich das jeweils als sehr belastend dar.“ Es gehe deshalb, den Alltag damit bewältigen zu können und Wege zu finden, „zumindest stellenweise der oft beschriebenen Reizüberflutung zu entkommen“.

Keine Erkrankung

Eines betont Günther: Bei Hochsensibilität handele es nicht um eine Erkrankung, sondern eher um ein neurophysiologisches Phänomen. „Hochsensibilität beschreibt keine Krankheit oder Makel, sondern einen Wesenszug“, heißt es zum Beispiel beim Verein „Zart besaitet – Gesellschaft zur Förderung und Pflege der Belange hochsensibler Menschen“. 

Verein in Eien

Der Verein (www.zartbesaitet.net) mit Sitz in Wien befasst sich seit 2003 im deutschsprachigen Raum eingehend mit dem Phänomen. Dort bekräftigt man: „Hochsensibilität ist eine normale Spielart innerhalb der Verschiedenheit menschlicher Anlagen.“ Die allerdings auch ein Fluch sein kann – wie bei Ingrid.

Interessenten gesucht

Interessenten können sich beim Selbsthilfebüro am Landratsamt melden (Tel. 0881/6811616) oder E-Mail selbsthilfebuero@lra-wm.bayern.de). Infos zu den Gruppen auf www.sozial-atlas.de.

Lesen Sie auch: Darüber reden hilft beim „Burn-out“.

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