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Legalisierung von Cannabis: Die Pros und Contras zur großen Ampel-Streitfrage

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Von: Sebastian Tauchnitz

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Auch in Deutschland wird mittlerweile legal Marihuana angebaut – zur Behandlung von Patienten. Eine solche Farm ist auch im benachbarten Herrsching in Betrieb.
Auch in Deutschland wird mittlerweile legal Marihuana angebaut – zur Behandlung von Patienten. Eine solche Farm ist auch im benachbarten Herrsching in Betrieb. © dpa

In Berlin laufen die Ampel-Koalitionsverhandlungen. Großes Thema dabei: die Legalisierung von Cannabis. Was spricht dafür, was dagegen? Und was sagen Apotheker dazu?

Landkreis – Dr. Philipp Kircher, Sprecher der Apotheker im Landkreis, seufzt hörbar, als er auf das Thema angesprochen wird. „Da sind Sie aber früh dran“, meint er. Die Debatte unter den Apothekern im Landkreis über die Legalisierung von Cannabis, sie läuft gerade auf Hochtouren. Wie sie ausgeht, kann noch keiner absehen. Kircher selbst verfolgt sie neutral: „Ich weiß selbst nicht, wie ich mich entscheide, wenn die Sache tatsächlich beschlossen werden sollte.“

Insbesondere die FDP und die Grünen machen sich im Rahmen der Koalitionsverhandlungen dafür stark, Cannabiskonsum zu legalisieren und kontrolliert an Erwachsene abzugeben. Zuletzt war immer wieder darüber gesprochen worden, dass die Apotheken diese Aufgabe übernehmen sollen. Das sorgt bei denen für heftige Diskussionen.

Legalisierung von Cannabis: Apotheker gehen auf Abstand

Denn wie immer bei so kontroversen Themen gibt es zwei Seiten. Auf der einen die Apotheker, die betonen, dass sie in einem Heilberuf arbeiten. Was bedeute, dass sie nichts mit dem Verkauf an „Freizeitkonsumenten“ zu tun haben wollen. Zigaretten und Schnaps werden ja auch nicht in der Apotheke feilgeboten, argumentieren sie.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die in einem möglichen Cannabis-Verkauf in ihrer Apotheke eine Möglichkeit sehen, das Rauschmittel wenigstens kontrolliert abzugeben, beratend und aufklärend tätig zu sein. Ihr Argument: Sie kennen in der Regel ihre Kunden, können auf möglicherweise gefährliche Wechselwirkungen der Präparate hinweisen. Wer zum Beispiel Antidepressiva einnimmt, sollte tunlichst die Finger von Marihuana lassen, sagt Kircher.

Video: Pro und Contra zum Thema legalisieren

Cannabis in der Apotheke kaufen: THC-haltige Blüten für die meisten Apotheker nichts Neues

Der Umgang mit den THC-haltigen Blüten selbst ist für die meisten Apotheker nichts Neues, sagt er. Schon seit einiger Zeit werden sie an Patienten vergeben, die von ihrem Arzt ein entsprechendes Rezept bekommen haben. Das betrifft zum Beispiel Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind und bei denen Cannabis die damit verbundenen Spastiken lindern kann. Auch bei Krebspatienten, die an starker Übelkeit leiden, kann Cannabis verordnet werden. Gleiches gilt für Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, oder deren Migräne als „austherapiert“ gilt.

Sie alle können von ihrem Arzt medizinisches Cannabis verordnet bekommen. Das werde in den Apotheken auf verschiedene Arten ausgegeben, erklärt Kircher weiter. In der Regel wird zuerst versucht, die Betroffenen mit Kapseln oder Tropfen, die den Cannabis-Wirkstoff THC (steht für Tetrahydrocannabinol) enthalten.

Cannabis bei Schmerzlinderung: Wenn Kapseln und Tropfen nicht wirken, werden Blüten ausgegeben

Sollten diese Präparate nicht wirken, können auch Cannabis-Blüten ausgegeben werden. Kircher verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die reinen Blüten neben besagtem THC noch 400 bis 500 weitere Inhaltsstoffe haben, deren Wirkung noch lange nicht vollumfänglich erforscht ist.

Nun darf man sich das aber nicht vorstellen, dass einem der Apotheker dann einfach einen Joint dreht. „Die Krankenkassen legen großen Wert darauf, dass die Blüten nicht geraucht werden“, sagt Kircher.

Verdampfer statt Joint: So funktioniert die medizinische Cannabis-Vergabe

Stattdessen erhalten die Patienten einen Verdampfer. Dieser erhitzt die Blüten auf 180 Grad. Dann werden die Inhaltsstoffe aktiviert, die dabei entstehenden Dämpfe steigen auf und werden in einem Ballon aufgefangen. Diesen Ballon inhaliere der Patient anschließend leer, erklärt der Apotheker-Sprecher. Das sei nicht nur schonender, auch die Ausbeute sei deutlich größer als bei der illegalen Art, das Rauschmittel einfach wie eine Zigarette zu rauchen.

Für medizinische Zwecke geben die Apotheken heute schon Cannabisblüten aus. 
Für medizinische Zwecke geben die Apotheken heute schon Cannabisblüten aus.  © dpa

Kircher widerspricht aber auch im Gespräch mit der Heimatzeitung der landläufigen Meinung, bei Cannabis handele es sich um ein „Wundermittel“, das den genannten Patientengruppen garantiert helfe. „Es gibt derzeit nur wenige gesicherte medizinische Erkenntnisse über die Wirksamkeit von Cannabis“, sagt er. Im kommenden Jahr sollen die ersten Ergebnisse einer großen Studie vorgestellt werden, dann wisse man mehr. Seiner Beobachtung nach wirke die Therapie bei einigen Patienten sehr gut, bei anderen hingegen gar nicht.

Cannabis-Blüten im Tresor: Aufwand ist für die Apotheken sehr hoch

Der Aufwand für die Apotheken sei momentan sehr hoch, wenn sie Cannabis an Patienten abgeben. „Die Blüten liegen bei uns im Tresor. Bevor wir sie herausgeben dürfen, prüfen wir den THC-Gehalt jeder einzelnen Blüte“, berichtet der Apotheker. Bislang kam das Cannabis vor allem aus Kanada und den Niederlanden, heuer wird die erste deutsche Ernte erwartet. Denn für medizinische Zwecke darf Cannabis nun auch in Deutschland angebaut werden. Bei streng kontrollierten und zertifizierten Unternehmen. In Herrsching am Ammersee habe „Bavarian Weed“ die Produktion in einem alten Bunker aufgenommen, berichtet Kircher.

Das alles gelte aber nur für die Ausgabe von Cannabis zu medizinischen Zwecken. Ob und wie die Sache wirklich laufen soll, wenn sich Grüne und FDP in den Koalitionsverhandlungen durchsetzen, kann er nicht abschätzen. Der Chefarzt von Bayerns größter Suchtklinik nennt eine Cannabis-Legalisierung „fatal“ für Jugendliche*.

Wer nun aber denkt, dass das einzige Gras im Oberland das auf den den sattgrünen Wiesen ist, der sieht sich getäuscht, wie ein Anruf beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd schnell klarmacht.

Cannabis-Legalisierung: Hunderte Straftaten jährlich wegen Rauschmittel

Im vergangenen Jahr wurden allein im Landkreis Weilheim-Schongau insgesamt 300 „Straftaten im Zusammenhang mit/von Cannabis und Zubereitungen“ registriert. Die Aufklärungsquote lag laut Polizeihauptkommissar Martin Emig bei 92,7 Prozent. Der größte Teil der registrierten Straftaten bezog sich auf Erwerb oder Besitz von Cannabis und Zubereitungen – 208 Fälle insgesamt, aufgeklärt davon wurden 194. Das ist auch wenig verwunderlich, weil in der Regel die Täter im Rahmen von Kontrollen erwischt werden. Und dann haben sie den Joint in der Regel entweder in der Hand oder in der Hosentasche.

Straftaten im Zusammenhang mit Cannabis: Die Aufklärungsquote ist hoch

Dadurch, dass Cannabis derzeit nicht auf legalem Wege erworben oder konsumiert werden kann, läuft der illegale Vertrieb momentan ausschließlich über Dealer. 75 Fälle von illegalem Handel und Schmuggel registrierte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd im vergangenen Jahr im Landkreis. Hier lang die Aufklärungsquote bei 89,3 Prozent. Noch höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter überführt wird, bei illegaler Abgabe, Handel und Besitz in „nicht geringer Menge“. Die Aufklärungsquote hier liegt bei 100 Prozent.

Angesichts der derzeitigen Lage wird oft die Sorge geäußert, dass gerade junge Konsumenten über ihre Dealer nicht nur mit Cannabis, sondern auch mit härteren Drogen wie Amphetamin oder Kokain in Berührung kommen. Wie viele der im vergangenen Jahr erwischten Drogenhändler neben Cannabis auch weitere illegale Drogen im Angebot hatten, lässt sich laut Polizeihauptkommissar Emig allerdings nicht statistisch auswerten.

Er hatte allerdings eine Erklärung dafür parat, dass die Zahl der Drogenvergehen im Landkreis Weilheim-Schongau höher liegt als beispielsweise im Nachbarlandkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. „Durch den Landkreis Weilheim-Schongau geht die Autobahn und eine wichtige Bahnstrecke. Deswegen ist hier die Grenzpolizei oft im Einsatz und stellt im Rahmen ihrer Kontrollen hier häufig Drogenvergehen fest“, sagte Emig im Gespräch mit der Heimatzeitung.

Pro und Contra Cannabis-Legalisierung: „Keiner weiß, was er da kauft“ - „Verbrechen an der Jugend“

Katharina von Platen, Grünen-Politikerin aus Penzberg: „Ich arbeite in einer Kanzlei – es ist einfach unglaublich, wie viel Arbeit und Geld die unzähligen Strafverfahren wegen des Besitzes von Kleinstmengen Marihuana kosten. Cannabis ist eine Droge wie Alkohol oder Tabak. Und genau wie die beiden Letztgenannten muss auch der Genuss von Cannabis reguliert werden.

Es ist wichtig, dass man weiß, was man kauft, sich sicher sein kann, dass das Cannabis in einer kontrollierten Qualität abgegeben wird. Das ist derzeit nicht möglich. Keiner weiß, wie stark das Cannabis beim Dealer ist, ob es verschnitten wurde oder andere Inhaltsstoffe enthält.

Ich plädiere daher für die kontrollierte Abgabe an Erwachsene. Kinder und Jugendliche müssen – genau wie bei Tabak oder Alkohol – geschützt werden.

Die Idee, Cannabis in Zukunft über die Apotheken abzugeben, finde ich charmant, da es sich um eine bewährte Infrastruktur handelt, die flächendeckend vorhanden ist. Es müsste halt geklärt werden, ob diese Aufgabe für die Apotheker leistbar wäre. Wichtig in diesem Zusammenhang wäre auch, dass der Konsum von Cannabis entkriminalisiert würde. Es ist doch keinem verständlich zu machen, dass beispielsweise Pädagogen oder Pflegekräfte, die beim Konsum eines Joints erwischt werden, ihren Job verlieren, es aber kein Problem ist, wenn sie sich im gleichen Zeitraum einen Kasten Bier in den Kopf stellen. Die mit der Legalisierung verbundenen Steuereinnahmen wären sicher die Kirsche auf dem Sahnehäubchen für den Bundeshaushalt – das darf aber nicht der Grund sein, warum diese Debatte endlich geführt werden muss.

Thomas Loy, Kriminalbeamter aus Weilheim: „Ich arbeite seit 34 Jahren als Polizist in der Rauschgiftbekämpfung, bin Leiter des Kommissariats 4 bei der Kripo in Weilheim, das sich mit der Drogenbekämpfung beschäftigt. Die Legalisierung von Cannabis wäre eine Katastrophe für Jugend und Gesellschaft. Wenn Erwachsene alle kiffen dürfen, ist es vollkommen klar, dass die Kinder das über kurz oder lang auch ausprobieren wollen. Das war früher auch so: Wenn die Eltern geraucht und abends ein Bier getrunken haben, wollte man das als Jugendlicher auch machen.

Schon die Debatte über die Freigabe von Cannabis ist sehr schädlich. Weil dadurch der Eindruck erweckt wird, der Konsum sei vollkommen harmlos. Das ist ein Verbrechen an unserer Jugend. Die Milliarden an Steuereinnahmen, die sich Grüne und FDP durch die Legalisierung von Cannabis erträumen, werden mitnichten für den Klimaschutz eingesetzt werden können.

Stattdessen wird das Geld für die Kosten draufgehen, die für die Behandlung eines bekifften und verblödeten Volkes ausgegeben werden müssen. Man kann das Cannabis-Problem nicht nur mit Repression in den Griff bekommen.

Es ist auch deutlich mehr Präventionsarbeit nötig als heute. Aber nur zu sagen, weil wir Alkohol- und Tabakmissbrauch nie in den Griff bekommen haben, soll das Volk noch eine weitere legale Droge bekommen, ist dreist.

Auch das Argument, Polizei und Staatsanwaltschaft würden durch die Legalisierung von Besitz und Verkauf von Cannabis entlastet, greift nicht. Mit dieser Begründung könnten wir auch Mord und Totschlag, Raub und Diebstahl erlauben – dann hätten wir Polizeibeamten noch mehr Freiräume. Das ist einfach Blödsinn.“

Hintergrund zum Thema Cannabis-Legalisierung:

Cannabis ist eigentlich nichts weiter als das lateinische Wort für Hanf. In Deutschland und vielen anderen Ländern wird der Begriff Cannabis allerdings oft umfassend für Hanfpflanzen und THC-haltige Produkte der Pflanze genutzt. Als Marihuana oder Gras bezeichnet man die getrockneten Blüten der weiblichen Hanfpflanze. An Drüsenhaaren auf diesen Blüten sitzt das „Harz“ der Pflanze, mit seinen hohen Konzentrationen von THC, CBD und anderen Cannabinoiden. Haschisch ist das gesammelte und meist gepresste „Harz“ der Hanfpflanze. Es kann nicht nur aus den Blüten, sondern auch aus mit Harzen besetzten Blättern gewonnen werden. In Deutschland ist Abgabe und Konsum von Cannabis bislang nur zu medizinischen Zwecken erlaubt.
QUELLE: DEUTSCHER HANFVERBAND

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