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Betriebsseelsorger Andreas Kohl (stehend, an der Tafel) sieht in ausufernder Leiharbeit ein Problem für die Zukunft der Gesellschaft. 

Betriesbrätetreffen

Leiharbeiter sind „Sachkosten“

„Die Leiharbeit boomt.“ Mit dieser Feststellung eröffnete Andreas Kohl am Dienstagabend im Regionalzentrum St. Anna die Versammlung von Betriebsräten, zu der die Betriebsseelsorge eingeladen hatte.

Weilheim – Acht Räte waren der Einladung gefolgt. Sie berichteten von der Situation, mit der sie konfrontiert sind, wollten die Probleme aber nicht an einzelnen Unternehmen festmachen (deshalb auch keine Namensnennungen), sondern eine gesellschaftliche Fehlentwicklung beschreiben.

Eines der großen Probleme ist laut Kohl derzeit die Zunahme der Leiharbeit. Was ursprünglich ein sinnvolles Instrument gewesen sei, um Auftragsspitzen abzuarbeiten, werde immer mehr zum Dauerzustand. Dies hat nach Einstätzung mehrerer Räte langfristig Nachteile für die Gesellschaft. Jungen Arbeitnehmern wird die Zukunftsplanung, auch die Familienplanung, unmöglich gemacht, da sie nie wissen, wie es nach einem Arbeitseinsatz bei der entleihenden Firma weiter geht. Zudem seien sie häufig bei den Leiharbeitsfirmen nur befristet angestellt und hätten so überhaupt keine Zukunftssicherheit mehr.

Hinzu komme, dass sie in der Regel nicht an innerbetrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen könnten, weil sie dem Unternehmen, in dem sie arbeiten, nicht angehören, und dem Unternehmen, in dem sie angehören, nicht arbeiten. Dies blockiere die berufliche Weiterentwicklung.

Auch die Wortwahl stößt einigen sauer auf. Die Ausgaben für Leiharbeiter würden in den Unternehmen in der Regel als „Sachkosten“ verbucht. Dies drücke eine geringe Wertschätzung der Leihkollegen aus. Kohl berichtete, dass ihm ein Leiharbeiter gesagt habe: „Mich kann man bestellen wie einen Sack Schrauben.“ Nach übereinstimmender Feststellung der Betriebsräte sei die Wortwahl der Unternehmen Absicht, um Personalkosten abzubauen. Sachkosten seien eben keine Personalkosten. Ein weiteres Problem stellen die Arbeitsmigranten dar. Seit der Öffnung der Grenzen würden immer mehr Wanderarbeiter kommen, die von der Stamm-Manschaft angelernt werden müssen – was bei mangelnden Deutschkenntnissen schwierig sei. Hinzu komme, dass sie für ein Entgelt arbeiten würden, von dem man in Deutschland nicht leben kann.

Für nicht ganz ehrlich hält ein Betriebsrat das häufig gehörte Gejammer der Unternehmer, sie könnten keine Fachkräfte bekommen. Fachkräfte gebe es, die Unternehmen könnten sie auch bekommen, wenn sie sie unbefristet einstellen würden. Dies sei aber immer seltener der Fall.

Im Vergleich dazu geht es den Beschäftigten im öffentlichen Dienst noch richtig gut, wie ein Personalvertreter feststellte. Zwar sei die Bezahlung schlechter als in der freien Wirtschaft, dafür habe man aber mehr Sicherheit. Beamte mit ihrer maximalen Absicherung seien allerdings ein Auslaufmodell. Die Betriebsräte sehen eine gefährliche Entwicklung darin, dass der bestehende Arbeitnehmerschutz immer weiter ausgehöhlt werde – und das rechtlich einwandfrei. Wenn etwa ein Leiharbeiter projektbezogen ausgeliehen werde, könnten sich überschneidende Projekte dazu verwendet werden, die Leihdauer zu verlängern.

Die Betriebsräte sehen aber auch, dass sie es nicht mit einer repräsentativen Auswahl an Fällen zu tun bekommen. An den Betriebsrat wende sich in der Regel nur einer, der „den Mist schon an der Backe hat,“ wie ein Teilnehmer der Gespächsrunde feststellte.

Alfred Schubert

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