Nicht nur in Bayern werden derzeit Luftreiniger für die Klassenzimmer angeschafft. Diese Aufnahme entstand in einem Klassenzimmer am Prenzlauer Berg in Berlin.
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Nicht nur in Bayern werden derzeit Luftreiniger für die Klassenzimmer angeschafft. Diese Aufnahme entstand in einem Klassenzimmer am Prenzlauer Berg in Berlin.

Kosten von bis zu 2,7 Millionen Euro

CSU-Landrätin schimpft über Söder-Regierung: Luftreiniger in Klassenzimmern machen Kinder erst krank

  • Sebastian Tauchnitz
    VonSebastian Tauchnitz
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Das Thema „Luftreiniger in Klassenräumen“ sorgt für reichlich dicke Luft im Kreisausschuss. Selbst die CSU-Kreisräte wehren sich ungewohnt deutlich gegen die Vorschriften aus München.

Landkreis – Es kommt nicht oft vor, dass Landrätin Andrea Jochner-Weiß (CSU) der Kragen platzt. Umso erstaunlicher war ihr Wutausbruch, als im Kreisausschuss das Thema „Fördermöglichkeiten von Luftfilteranlagen“ zur Sprache kam.

Landrätin Jochner-Weiß regt sich über die Bayerische Staatsregierung um Söder auf

Sie ist, daran kam kein Zweifel auf, ausgesprochen unzufrieden damit, dass die (CSU-geführte) Landesregierung großspurig verkünde, bis Ende der Ferien würden alle Klassenzimmer im Freistaat mit einem Luftreiniger ausgestattet. Und wenn das nicht klappe, dann, weil die Landkreise und Gemeinden es nicht auf die Reihe bringen. „Hier soll uns der Schwarze Peter zugeschoben werden, wenn im Herbst wieder Schulen geschlossen werden müssen!“ ereiferte sich Jochner-Weiß. Die von der Staatsregierung als Allheilmittel gepriesenen Geräte „ersetzen kein Lüften und ziehen die – womöglich mit Viren versetzte – Luft einmal quer durch den Raum. An allen Kindern vorbei. Man hat uns in eine Ecke gestellt, aus der wir nicht mehr herauskommen.“

Es sei ja nicht so, dass „durch den Einsatz dieser Luftfilter nie wieder ein Kind krank wird. Aber wenn doch, dann schiebt man uns wieder die Schuld in die Schuhe, dann haben wir die falschen Geräte gekauft.“ Dennoch, sagte sie, „wird der Druck der Eltern überhandnehmen und uns gar nichts anderes übrigbleiben.“

Kämmerer weist zahlreiche Fehler in Entwurf des Förderprogramms nach

Die Tonart war also durchaus schon vorgegeben, als Kreiskämmerer Norbert Merk übernahm, um einen Überblick über die derzeitige Lage zu geben. „Leichter gesagt als getan“, meinte er. Nahezu täglich gebe es neue Entwicklungen in Sachen „Luftreiniger“. Kurz vor Beginn der Sitzung habe das Umweltbundesamt erstmals eine Empfehlung gegeben, welche Geräte geeignet wären. „Die empfehlen einen sechsmaligen Luftaustausch pro Stunde – das bedeutet eine Leistung von 1200 Kubikmetern Luft, die stündlich umgewälzt werden müssen.“

Alles andere, so Merk, sei „zweitklassig“. Dumm nur, dass der Freistaat in seinem eilig herbeigezauberten und immer noch nicht beschlossenen Förderprogramm nur Geräte vorschreibe, die die halbe Menge pro Stunde schaffen. Im Entwurf der Förderrichtlinie stehe, dass sich der Freistaat mit 50 Prozent an den Anschaffungskosten beteilige, allerdings maximal 1750 Euro pro Gerät zuschießen will. Auf der anderen Hälfte der Kosten sowie der jährlichen Wartung und dem Tausch der Filter (Merk: „Der ist entgegen anderer Berichte vorgeschrieben“) blieben der Landkreis und die Gemeinden sitzen. Er rechne mit Gesamtkosten von rund 5000 Euro in vier Jahren pro Filteranlage. Sollten die ebenfalls zugelassenen UV-C-Anlagen zum Einsatz kommen, läge die Belastung bei 3500 Euro, auf vier Jahre gerechnet. Berücksichtige man nun, dass rund 500 Klassenzimmer mit der Technik ausgerüstet werden sollen, stünden am Ende für den Landkreis 1,7 bis 2,7 Millionen Euro im Raum, die aus dem Haushalt finanziert werden müssten.

„Keine Garantie, dass Klassen nicht in Quarantäne müssen“

„Wohlgemerkt: Diese Investition gibt uns keine Garantie, dass Klassen nach einer Corona-Infektion nicht in Quarantäne müssen. Auch auf die Maskenpflicht im Raum kann dadurch wahrscheinlich nicht verzichtet werden“, so Merk. Dazu komme, dass die Anschaffung der Geräte europaweit ausgeschrieben werden müssen. Das dauere. Ob die Geräte dann in den benötigen Mengen kurzfristig lieferbar wären, sei unwahrscheinlich. „Wir könnten bestenfalls im September die ersten Luftreiniger aufstellen. Das würde sich dann bis zum nächsten Frühjahr hinziehen“, so der Kämmerer.

Dann sei die Pandemie vorbei und die teure Technik würde in den Keller wandern, „weil die so laut sind, dass die ersten Schulen die Dinger schon wieder aus den Klassenzimmern verbannt haben“.

„Wenn die Beschaffung von Luftreinigern Schwachsinn ist, stimme ich auch dagegen“

Auch die Kreisräte waren alles andere als glücklich über den „Wahlkampf-Beschluss“ aus München. Einzig Manuela Vanni (Unabhängige/Peißenberg) meinte, der Landkreis habe in den vergangenen Jahren so viel Geld ausgegeben, da seien die 1,7 Millionen Euro auch noch drin. Die meisten anderen sprachen von einem „immensen Druck“, der da gerade aufgebaut und dem man wohl nicht standhalten können werde.

Da platzte Stefan Korpan (CSU/Penzberg) der Kragen: „Dass da Druck aufgebaut wird, ist das eine. Aber wenn die Beschaffung von Luftreinigern Schwachsinn ist, der nichts bringt, dann stimme ich auch dagegen. Dafür bin ich gewählt worden.“ Markus Bader (SPD/Rottenbuch) meinte, „dass es mehr bringen wird, wenn die Kinder im Klassenzimmer weiter FFP2-Masken aufsetzen“. Karl-Heinz Grehl (Grüne/Weilheim) bat darum, dass bei der Sitzung des Kreistags nächste Woche in der Tiefstollenhalle ein paar solche Geräte aufgestellt werden sollen, damit man einen Eindruck bekomme, wie laut sie wirklich seien.

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