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Auf der Höhe der Zeit präsentiert sich Jazzmusiker Johannes Enders (53) mit seinem  neuen Doppel-Album.

Neues Album

Enders’ jazziger Kommentar zur Weltlage

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Mal akustisch, mal elektrisch: Der Weilheimer Jazz-Star Johannes Enders wechselt gern mal die Welten. Das neue Album seines Projekts „Enders Room“ frönt nun beiden Welt – und verbindet sie perfekt. Es umfasst gleich zwei Platten. Eine führt in den „Electric Room“, eine in den „Acoustic Room“.

Weilheim – Der „Enders Room“ existiert ganz real, im Keller einer Doppelhaushälfte mitten in Weilheim. Er ist der Rückzugsort und Experimentier-Raum des Musikers im Wohnhaus seiner Familie: ein Soundlabor, in dem Johannes Enders nach Herzenslust und ohne jeden Zeitdruck an seinem Klang-Universum bastelt – manchmal mit Freunden, doch meistens und gern auch alleine.

Aber natürlich ist der „Enders Room“ nicht einfach nur ein Weilheimer Kellerraum. Er wurde vor mittlerweile 18 Jahren Titel und Programm jenes Projekts, das am allermeisten das ist, was man „Enders pur“ nennen könnte, wenn dieser Begriff nur nicht so abgedroschen wäre. Hier fließt all das zusammen, was diesen Jazz-Hünen, der am 12. Mai seinen 53. Geburtstag feierte, beschäftigt und beseelt. Und da kommt einiges zusammen bei einem Musiker, der mit so unterschiedlichen, inspirierenden Künstlern wie Hank Jones, „The Notwist“, Rebekka Bakken oder Nana Mouskouri zusammengearbeitet hat; der zwischen Familienleben in Weilheim, Jazz-Professur in Leipzig und Auftritten weltweit pendelt; der das Brodeln von New York ebenso liebt wie die Ruhe an der Ammer.

Beats pochen und hypnotische Klänge wabern

Zweifelsohne: Die fünf Alben, die seit 2002 unter dem Namen „Enders Room“ erschienen sind, haben einen besonderen Stellenwert unter den insgesamt bald drei Dutzend Platten, die der Saxofonist und Komponist bis heute mit eigenen Stücken gefüllt hat. Im „Enders Room“ bastelt er an elektronischer Musik, lässt programmierte Beats pochen und hypnotische Klänge wabern, die gewohnte Jazz-Ästhetik großzügig erweitern. Während Jazz sonst vom Austausch lebt, frickelte Enders hier meist für sich.

Das allerdings hat sich über die Jahre verändert. „Enders Room“ ist inzwischen – auch – eine feste Band, eine akustische Besetzung, die elektronische Klänge perfekt integriert. Mit im Raum sind alte und neue Weggefährten. Er habe da „eine Traumbesetzung“ gefunden, schwärmt der Chef: mit dem aus Norwegen stammenden „Notwist“-Vibraphonisten Karl Ivar Refseth, mit Bastian Stein, der für Enders derzeit „Deutschlands aufregendster Trompeter“ ist, und mit drei groovenden Schweizer Ausnahme-Jazzern: Pianist Jean-Paul Brodbeck, Bassist Wolfgang Zwiauer und Schlagzeuger Gregor Hilbe, der überdies als „Elektroniker“ glänzt.

Ob im Alleingang oder im Bandgefüge: Stilsicher bewegt sich „Enders Room“ an der Schnittstelle von realer und virtueller Welt, mal pulsierend, mal entspannt – und mit so viel Schöpfer- und Spielfreude, dass eine Plattenlänge nicht gereicht hätte, den aktuellen Stand der Dinge wiederzugeben. Teil eins des Doppel-Albums heißt „Dear World“ und spielt im „Electric Room“: Hier ist vieles elektronisch und fast alles Enders. Diesen Teil hat der Namensgeber im Kern allein produziert, die Bandmusiker (zu denen sich noch der alte Weilheimer Freund Micha Acher an Trompete und Sousaphon gesellte) spielen nur Gastrollen.

Flucht in einen Kokon des Selbstbezug

Der „Acoustic Room“ aber, in dem Teil zwei des Werks spielt, ist Sache des Kollektivs. Die Band nimmt Motive auf, führt sie weiter, löst Synthetisches im Analogen auf. „Hikikomori“ hat Enders diesen zweiten Teil überschrieben – so werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich in ihre Wohnung zurückziehen und den Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum reduzieren. Einerseits „Dear World“, also offenkundig eine Botschaft an die Welt; andererseits „Hikikomori“, also Flucht in einen Kokon des Selbstbezugs: Könnte es für ein Kunstwerk im Jahr 2020 einen aktuelleren, beziehungsreicheren Titel geben?

„Enders Room“, so erklärte Johannes Enders kürzlich in einem Interview zum neuen Album, sei „immer auch so ein bisschen eine Parabel zu unserer Zeit, wo künstliche Intelligenz der Menschlichkeit gegenübergestellt wird“ – und es Grund zur Befürchtung gibt, die künstliche Intelligenz könnte irgendwann die Oberhand gewinnen. „Da fand ich irgendwie die Idee lustig“, so Enders weiter, „dass sich die Elektronik am Ende auflöst und der Mensch doch gewinnt“.

Das Album

„Dear World / Hikikomori“ von „Enders Room“ ist als CD und Vinyl erschienen bei Yellowbird/Enja. Erhältlich ist es in Weilheim in den Buchhandlungen „Lesbar“ und „Zauberberg“ sowie direkt bei Johannes Enders über info@enders-room.de.

Lesen Sie hier mehr über die Weilheimer Kulturszene.

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