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Schülerin und Lehrer: Katharina von Harsdorf alias Eliza und Stephan Lewetz als Professor Higgins. 

„Pygmalion“ im Weilheimer Stadttheater

Fesselnde Charaktere, spannendes Spiel

George Bernard Shaws „Pygmalion“ feierte Premiere bei den „Weilheimer Festspielen“. Das Publikum war begeistert.

WeilheimDie meisten Theaterbesucher dürften den Stoff aus dem Erfolgsmusical „My Fair Lady“ kennen, auch wenn der Hype um dieses schon einige Zeit zurückliegt. Damals gehörten die kryptischen Worte „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blüh’n“ zum Standardrepertoire jedes kulturell Interessierten. Doch auf diesen Übungssatz, mit dem der Sprachwissenschaftler Professor Higgins dem Blumenmädchen Eliza die gehobene, hoftaugliche Sprache beibringen will, wartete man im fast ausverkauften Stadttheater natürlich vergebens. Denn Yvonne Brosch hatte ja das dem Musical zugrundeliegende, 1913 in Wien uraufgeführte Bühnenstück George Bernard Shaws ausgewählt, um die diesjährigen „Weilheimer Festspiele“ zu beschließen.

Die Befürchtung, man könne die vertraute Musik Frederick Loewes vielleicht doch ein wenig vermissen, stellte sich schon nach wenigen Minuten als völlig unbegründet heraus. Denn da standen fesselnde Charaktere auf der Bühne, von deren spannendem Spiel man sofort vereinnahmt war. Katharina von Harsdorf gab eine wunderbar ordinär-kratzbürstige Eliza, die gleich mehrere Wandlungen durchleben darf. Erst die zum Papagei des Professors, der gezähmt und total emotionslos nur noch „Guten Tag! Wie geht es Ihnen?“ echot. Dann ist sie auf dem Weg zur Selbstfindung, kämpft mit den widerstreitenden Rollenbildern, die man ihr angetragen hat. Und schließlich wird sie zu einer selbstbewussten, in sich ruhenden jungen Frau, die dem Professor nicht nur auf Augenhöhe gegenübertreten kann, sondern ihn in seiner befangenen, klischeehaften Denkweise sogar überflügelt und zurücklässt, denn Higgins entwickelt sich nicht: Er ist der arrogante, selbstgefällige Macho und Wissenschaftler, der Eliza als Gegenstand für sein Experiment benutzt.

Stephan Lewetz füllt die Rolle beeindruckend aus. Und als er kurz davor steht, über seinen Schatten zu springen, indem er der ihm Widerworte gebenden Eliza den Vorzug einräumt gegenüber der, die ihm die Pantoffeln sucht, als der Zuschauer glaubt, nun finde dank Higgins Wandlung das Paar doch noch zueinander, da fällt er in seine Rollenklischees zurück. Schön, wenn sich das „Mädchen aus der Gosse“ weiter entwickelt, aber bitte sehr nur in den von ihm vorgegebenen Richtlinien! Darüber hinaus gehende Eigenständigkeit ist unerwünscht...

Winfried Hübner darf als Elizas Vater in einer Paraderolle glänzen: als ein überaus gewitzter Proletarier mit dem Hang zum Philosophieren, der nicht davor zurückschreckt, seine Tochter zu verkaufen, dann aber doch eine verletzliche Seele offenbart, als er Higgins Mutter gesteht, seine Lebensgefährtin wolle ihn, den ollen Müllkutscher, doch gar nicht heiraten.

Für die Rolle der Mrs. Higgins war Monika Goll vorgesehen, die kurzfristig krankheitsbedingt ausfiel. Welch ein Glück, wenn man da eine Regisseurin zur Verfügung hat, die ebenfalls Schauspielerin ist – und so übernahm Yvonne Brosch diesen Part und füllte ihn mit der gewohnten Präsenz aus.

Die Mutter des Professors ist eine besonnene, lebenskluge Frau, die anders als der Sohn unvoreingenommen urteilt. So findet Eliza in ihr die Verbündete, die sie dringend braucht in dieser Welt durchgeknallter Männer. Diesen nur bedingt zuzurechnen ist Oberst Pickering (Christian Buse), der einen eher vermittelnden Part zwischen der Männer- und Frauenwelt einnimmt: Zwar ist er wie der Professor an Sprachexperimenten wissenschaftlich interessiert, aber er verliert die Empathie darüber nicht aus den Augen und verhält sich, jedenfalls meist, gentleman-like. Die klug gewordene Eliza bedenkt ihn mit dem schönen Kompliment, er habe zu ihrer Verwandlung dadurch wesentlich beigetragen, dass er in dem Blumenmädchen die Lady gesehen – und sie entsprechend behandelt habe.

Auch die Nebenrollen (Roswitha Dierck als energische Haushälterin Higgins’, Heinz Fink als Butler, Anita Kurzrock als Mrs. Eynsford Hill sowie Anna-Lena Lagalante und Lukas Wörle als ihre Kinder Clara und Freddy) sind passend besetzt. Überzeugend auch die Ausstattung Andreas Arneths, der vor einem minimalistischen Hintergrund mit wenigen Requisiten atmosphärische Räume entstehen lässt. Einmal mehr verdankt das Weilheimer Theaterpublikum dem Duo Brosch-Arneth einen in jeder Hinsicht gelungenen Abend.

Weitere Aufführungen

von „Pygmalion“ im Stadttheater: • Freitag, 22. Dezember, 20 Uhr.

• Dienstag, 26. Dezember, 18 Uhr. • Freitag, 29. Dezember, 20 Uhr.

• Samstag, 30. Dezember, 20 Uhr. Die Silvestervorstellung am Sonntag, 31. Dezember, ist bereits ausverkauft.

Karten: Medienhaus-Ticketservice in der Sparkasse am Marienplatz (Telefon 0881/686-11 oder -12) sowie Veranstaltungsbüro der Stadt im Rathaus. Außerhalb der Geschäftszeiten und während der Feiertage gibt es Karten unter Telefon 0152-565 70 359.

Sabine Näher

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