Stress in den Arztpraxen

Impffreigabe für jeden - Ärzte entsetzt über Söder: „Möchtegern-Volksberuhiger“

  • Sebastian Tauchnitz
    VonSebastian Tauchnitz
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Seit Anfang April übernehmen auch die niedergelassenen Ärzte Corona-Schutzimpfungen. Zeit für eine Zwischenbilanz. Die Praxen berichten über Stress, Liefermengen und die nach wie vor verbreitete Astrazeneca-Skepsis vieler Patienten.

Landkreis – Die Praxis von Martin Kayser in Schongau ist groß. Sechs Ärzte arbeiten hier, dazu 14 Medizinische Fachangestellte – eine davon wurde nicht nur, aber auch wegen der Zusatzbelastungen durch die Impfkampagne Anfang Mai neu eingestellt.

Corona in Bayern - Es wurde geimpft, was die Spritzen hergaben

Und doch: Wenn Kayser an die vergangene Woche denkt, dann spricht er von einer „Horrorwoche“. Es wurde geimpft, was die Spritzen hergaben. Der Apotheker, der hatte es gut gemeint und etliche Dosen mehr geliefert, als angekündigt waren. Am Ende hatten Kayser und seine Kollegen 330 Impfungen durchgeführt. „Das schaffen wir nicht jede Woche“, sagt der Mediziner klar. 200 Impfungen in der Woche, das sei „schaffbar“, aber 330, das sei „auf Dauer nicht zu leisten“.

Dabei spricht er weniger von der Arbeitsbelastung der Ärzte. „Aber was unsere Medizinischen Fachangestellten Tag für Tag leisten, ist unglaublich“, sagt Kayser. Sie vereinbaren die Termine, planen permanent um, kümmern sich um den ganzen Papierkram. Und das neben ihrer normalen Arbeit.

Corona/Weilheim: Ärzte sind nach wie vor für akute Fälle erreichbar

Denn nur weil geimpft wird, hören die Leute ja nicht einfach auf, krank zu werden. „Wenn ich auf unsere Praxis schaue und höre, was die Kollegen andernorts so sagen, dann kann man aber feststellen, dass es klappt“, sagt Kayser. Man sei nach wie vor für akute Fälle erreichbar, wer zum Arzt müsse, der werde auch behandelt.

Folgerezept kann online beantragt werden

Kayser und seine Kollegen haben aber auch ihre Hausaufgaben gemacht. Weil permanent das Telefon klingelt, die Leitungen aber eigentlich für dringende Anrufe freibleiben sollen, haben sie auf ihrer Homepage eine Seite eingerichtet, auf der man ganz einfach ein Folgerezept beantragen oder sich auf die Impf-Warteliste setzen lassen kann.

Corona-Impfung/Bayern: Ärzte können selbst entscheiden, wie stark sie sich einbringen wollen

„Das Gute ist, dass die Ärzte selbst entscheiden können, wie stark sie sich bei den Impfungen einbringen können und wollen“, sagt Kayser. Will man viel impfen und hat die Kapazitäten, dann bestellt man mehr Impfstoff, dem anderen Arzt, insbesondere, wenn er allein in der Praxis ist, reichen vielleicht auch drei Fläschchen Impfstoff.

Dringender Corona-Appell: Zweitimpfung am selben Ort der Erstimpfung

Probleme gibt es dennoch genug, da macht Kayser keinen Hehl daraus. „Wir brauchen dringend Planungssicherheit“, sagt er. Es müsse eine garantierte Liefermenge geben. Derzeit sei es so, dass er am Donnerstagmittag erfährt, wie viel Impfstoff für die kommende Woche geliefert wird. „Dann können wir erst anfangen, die Termine zu vergeben – eine Wahnsinnsarbeit.“ Auch die Patienten seien gefragt, sagt Kayser. „Ich appelliere an alle, sich dort die Zweitimpfungen abzuholen, wo sie auch ihre Erstimpfung erhalten haben. Auch wenn das bedeutet, dass man die Enkel noch einmal bitten muss, sie nach Peißenberg zu fahren.“

Corona in Bayern: Debatte über Astrazeneca-Impfstoff bleibt zehrend

Die Debatte über die Verwendung des Astrazeneca-Impfstoffs sei zehrend. „Bei Älteren überwiegen die Vorteile dieses Impfstoffs die möglichen Gefahren bei weitem. Deswegen bleibe ich bei meiner Aussage: Wer über 60 ist und Astrazeneca verweigert, der nimmt jüngeren Menschen den Impfstoff weg.“ Dennoch sei es schwierig: „Wir hatten vor einiger Zeit eine Sonderaktion bei unseren Patienten angekündigt: Jeder, der wollte und älter als 60 war, konnte zum Termin kommen und sich mit Astrazeneca impfen lassen. Am Ende hatten wir 100 Dosen parat und 40 Anmeldungen.“ Verschärfend kommt noch dazu, dass analog zum Impfzentrum auch bei den niedergelassenen Ärzten derzeit sehr viele Zweitimpfungen an der Reihe sind. Die dafür benötigten Impfdosen fehlen dann für die Erstimpfungen.

Corona-Impfungen in Bayern: Impfmangel frustriert die Ärzte

Der generelle Impfmangel sei frustrierend, sagt auch Peter Lidzba, Sprecher der niedergelassenen Ärzte im Landkreis. „Durch politische Fehlentscheidungen, Fehleinkäufe und Fehlplanungen haben wir eine extreme Mangelversorgung“, sagt er im Gespräch mit der Heimatzeitung. Umso unverständlicher sei da die Ankündigung von Ministerpräsident Markus Söder, die Impfpriorisierung in den Arztpraxen ab Montag für alle Impfstoffe komplett aufzuheben. „Ich kenne keine Praxis, wo Telefon und E-Mail noch ordnungsgemäß funktionieren“, berichtet Lidzba. Und er wolle sich gar nicht vorstellen, was ab Montag losgeht, wenn jeder – auch diejenigen, die laut Prioritätenliste noch lange nicht dran wären, die Ärzte abtelefonieren, um irgendwo eine Dosis abzustauben.

Corona-Impfstoff für alle: Priorisierung bei Bayerns Hausärzten fällt weg

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Versprechungen lassen sich nicht umsetzen

Er habe großes Verständnis für die Jüngeren, die monatelange auf die vulnerablen Gruppen Rücksicht genommen haben und nun den berechtigten Wunsch äußern, durch eine Impfung endlich wieder ein Stück Normalität zurück zu erhalten. „Aber wenn die Möchtegern-Volksberuhiger aus der Politik solche Versprechungen machen, die sich angesichts der nach wie vor unbefriedigenden Lage bei den Impfstofflieferungen nicht umsetzen lassen, ist das unglaublich ärgerlich“, so Lidzba.

Penzberger Raum: 40 Prozent der Praxen sind „mittel- bis sehr aktiv“ bei der Impfkampagne dabei

Er hatte sich am Dienstagabend mit Vertretern fast aller Praxen im Penzberger Raum über die aktuelle Lage ausgetauscht. Die Bilanz ist durchaus ernüchternd: „40 Prozent der Praxen sind mittel- bis sehr aktiv bei der Impfkampagne dabei, ein kleiner Teil ist zurückhaltend“, berichtete Lidzba. Das bedeute aber auch, dass in einem erheblichen Teil der Praxen niedergelassener Ärzte momentan gar keine Impfungen durchgeführt werden. „Für viele ist das organisatorisch nicht machbar, es wird immer wieder gesagt, dass die Zeit fehlt, die sich nahezu täglich ändernden Vorschriften zu verfolgen und umzusetzen.“

Die Impfkampagne, stellt der Ärztesprecher klar, lasse sich nur erfolgreich umsetzen, wenn die Liefermengen deutlich steigen und die Aufgaben auf möglichst viele Schultern verteilt werden. „Dazu gehören natürlich wir niedergelassenen Ärzte, aber auch die Impfzentren und die Betriebsärzte“, so Lidzba.

Weilheim (Bayern): Unverständnis über fehlenden Anspruch auf steuerfreie Corona-Zulage

Er äußerte zudem auch sein Unverständnis darüber, dass das Personal der Arztpraxen, das momentan besonders stark belastet ist, keinen Anspruch auf eine steuerfreie Corona-Zulage habe. Das sei nicht vermittelbar.

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Rubriklistenbild: © Hans-Helmut Herold

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