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Spionage-Nest Weilheim? – Geheimdienstexperte erzählt von BND-Agenten und Bespitzelung

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Von: Johannes Thoma

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Das IT-Zentrum auf dem BND-Gelände in Pullach. Es blieb auch nach Umzug des BND nach Berlin in dem Münchner Vorort. Dort arbeiteten der enttarnte Russland-Spion Carsten L. und vermutlich weitere Weilheimer.
Das IT-Zentrum auf dem BND-Gelände in Pullach. Es blieb auch nach Umzug des BND nach Berlin in dem Münchner Vorort. Dort arbeiteten der enttarnte Russland-Spion Carsten L. und vermutlich weitere Weilheimer. © Martin Schlüter

Weilheim, ein Nest von BND-Agenten? Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom weiß um einige aktive und ehemalige BND-Agenten, die in der Kreisstadt leben – und dort des Öfteren tätig wurden.

Weilheim – Der Weilheimer Erich Schmidt-Eenboom (69) wurde selbst Opfer einer illegalen Bespitzelung durch den Bundesnachrichtendienst (BND). Zwischen 1994 und 1996 observierten insgesamt rund 15 Mitarbeiter den Leiter des Forschungsinstituts für Friedenspolitik – zuerst nur in seinem Büro an der Lohgasse, später auch abends und in der Nacht. Die BND-Agenten nutzten dazu ein Lagergebäude der Firma „K&L Ruppert“.

Angeblich ging es um „organisierte Kriminalität“. Ziel der Aktion indes war es, heraus zu bekommen, von wem der Weilheimer seine wenig schmeichelhaften Informationen über den BND für sein Buch „Schnüffler ohne Nase: Der BND – Die unheimliche Macht im Staate“ bekommen hatte.

BND-Agenten in Weilheim aktiv: Geheimdienstexperte wurde illegal bespitzelt

Dazu wurden auch Schmidt-Eenbooms Altpapiersäcke durchsucht. Eine Nachbarin beobachtete, wie nachts zwei Männer um die Wohnung der Familie von Schmidt-Eenboom schlichen. Der Aufwand für diesen Einsatz – wohl mehrere hunderttausend Euro – war groß, die Ergebnisse mehr als dürftig. Schmidt-Eenbooms Quellen blieben geheim.

Allerdings lieferte die Operation dem BND einen – wenn auch falschen – Verdächtigen: Der Hausmeister von Schloss Hirschberg am Haarsee – in den 80er Jahren ein BND-Schulungszentrum – arbeitete nebenbei als Trainer im Fitness-Studio „Rondo“ in Weilheim, und dorthin ging auch Schmidt-Eenboom in die Sauna und wurde dabei offensichtlich bespitzelt. Doch die Spur mit dem Hausmeister war falsch, beteuert der Geheimdienst-Experte noch heute. Aber der BND zog seinerseits die Konsequenzen, der Hausmeister wurde nach Wien strafversetzt.

Erich Schmidt-Eenboom
Geheimdienstexperte, Autor und Institutsleiter Erich Schmidt-Eenboom © Privat

Jahre später nahm Schmidt-Eenboom Kontakt zum Hausmeister auf und bot ihm an, eine eidesstattliche Versicherung abzugeben, dass er niemals von ihm Informationen bekommen habe. Eine Antwort blieb aus. Wiederum Jahre später las Schmidt-Eenboom von seinem Angebot in seiner BND-Akte.

Der Geheimdienst-Experte geriet selbst einmal in den Ruch, ein Mitarbeiter des BND zu sein. Nach seinen zahlreichen, stets wenig schmeichelhaften Veröffentlichungen über den BND kam eines Tages ein leitender Mitarbeiter der Behörde auf ihn zu mit der Bitte, sich doch gelegentlich mal zu treffen, um sich in Hintergrundgesprächen auszutauschen und das gegenseitige Verhältnis zu verbessern. Das geschah auch, allerdings ohne dass große Geheimnisse ausgetauscht wurden, so Schmidt-Eenboom.

Schmidt-Eenboom geriet selbst unter Verdacht, für den BND zu arbeiten

Im sogenannten Schäfer-Bericht taucht der Name Schmidt-Eenboom dann mehrfach auf. Er solle dem Geheimdienst wichtige Informationen geliefert haben, unter den Decknamen „März“ und „Gladiator“ sei er beim BND erfasst, was Schmidt-Eeenboom vehement bestreitet. Gegen entsprechende Zeitungsberichte ging er gerichtlich vor und siegte auf ganzer Linie, wie er im Gespräch sagte.

Beim „Schäfer-Bericht“ handelt es sich um eine Dokumentation für den Bundestag über die illegale Bespitzelung von Journalisten durch den Bundesnachrichtendienst. Im Untersuchungsausschuss des Bundestags traten dann einige offensichtliche Fehleinschätzungen des Schäfer-Berichts zutage. Schmidt-Eenboom glaubt, dass der BND versuchte habe, ihn durch Diskreditierung mundtot zu machen und bei seinen Kollegen in ein schlechtes Licht zu rücken. Hängengeblieben sei davon nichts, das Verhältnis zu Kollegen sei absolut intakt.

Erich Schmidt-Eenboom: Autor, Institutsleiter, Geheimdienstexperte und Gast in der „heute show“

Erich Schmidt-Eenboom ist Autor zahlreicher Bücher und Beiträge zu Themen wie „Sicherheitspolitik“ und „Nachrichtendienste“ und gilt dazu auch als gefragter Interviewpartner für aus- und inländische Medien im Print sowie in Rundfunk und Fernsehen. Mit den Honoraren dafür und für seine Arbeit als Berater bei Fernsehproduktionen finanziert er auch das Forschungsinstituts für Friedenspolitik in Weilheim mit.

In den nächsten Wochen ist der 69-Jährige gleich zweimal im ZDF zu sehen. Zunächst wird er voraussichtlich am Freitag, 27. Januar, in der satirischen „heute show“ einen Auftritt haben (Beginn 22.30 Uhr). Voraussichtlich eine Woche später ist er im Magazin „Aspekte“(23.30 Uhr) zu sehen. Dabei spricht der Weilheimer über Geheimdienste, Dating-Apps und was letztere mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine zu tun haben.

Was es allerdings gab, waren Angebote des BND zur Mitarbeit. Einmal wurde Schmidt-Eenboom eine Einbauküche für bestimmte Informationen versprochen, ein anderes mal ein Kopierer. „Was soll der Unsinn?“, lautete stets die Antwort Schmidt-Eenbooms, so ist es in einem Interview mit dem Weilheimer Tagblatt im Jahre 2006 festgehalten.

Günstigere Immobilien als in Pullach: Weilheim als beliebter Wohnort für BND-Mitarbeiter

Eine Erklärung, warum so viele BND-Mitarbeiter in Weilheim und Umgebung leben, hat er: Die günstigeren Immobilien- und Mietpreise von Weilheim gegenüber Pullach – vor allem in früheren Jahren. Allerdings relativiert sich die vermeintlich hohe Zahl, wenn man weiß, dass in Pullach bis zum Teilumzug nach Berlin bis zu 4000 BND-Mitarbeiter tätig gewesen sind. Heute sind es immerhin noch über 1000 – vorwiegend in der technischen Aufklärung, dem Bereich, in dem auch Carsten L. gearbeitet hat.

Zu Carsten L. ist Schmidt-Eenboom häufig befragt worden: 16 Interviews für Fernsehsender und Tageszeitungen gab er dazu in den vergangenen Tagen. Den enttarnten Spion Russlands hat Schmidt-Eenboom nicht gekannt, aber viele seiner Kollegen kennt er. Das liegt auch daran, dass viele BND-Mitarbeiter heute nicht mehr zwangsläufig ihren Arbeitgeber verschweigen müssen. Aus der Nachbarschaft erfuhr der Geheimdienstexperte zum Beispiel, dass sich ein Wohnungssuchender ganz unbefangen als Oberstleutnant des BND vorgestellt hatte.

BND-Mitarbeiter lieferten Schmidt-Eenboom Material für neues Buch

Bisweilen sind BND-Mitarbeiter auch auf Schmidt-Eenboom zugegangen. Während eines Fußballspiels seines Sohnes in Unterhausen vor vielen Jahren habe ein Mann ihn im Vorbeigehen angesprochen und ihm gesagt, was in seinem neuen Buch zutreffe und was nicht so ganz korrekt sei. Ein andermal sprach ihn ein Mitarbeiter beim Einkaufen an und lud ihn zu einem konspirativen Treffen in eine Dorfgaststätte nahe Weilheim ein.

Am Bankschalter erfuhr Schmid-Eenboom einst – sein Buch „Schnüffler ohne Nase“ war soeben erschienen – wer so alles sein Gehalt vom BND bezieht und welche beiden BND-Mitarbeiter ihr Gehalt nach Taiwan umleiten ließen. So hatte erste Informationen für sein nächstes Buch.

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Schongau-Newsletter. Und in unserem Weilheim-Penzberg-Newsletter.

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