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Dolmetscher leisten vor Gericht wertvolle Dienste (hier bei einem Prozess wegen Vergewaltigung 2016 in München). Auch in Weilheim kommen Dolmetscher für viele Sprachen zum Einsatz.  

Sprachbarrieren am Weilheimer Amtsgericht

Wenn der Angeklagte nicht zu verstehen ist

Wegen Sprachbarrieren fallen am Weilheimer Amtsgericht immer mehr Verhandlungen aus. Dolmetscher  werden dort immer wichtiger.

Weilheim– Ein Arbeitstag am Weilheimer Amtsgericht verläuft nicht immer so, wie es geplant ist. Angesetzte Verhandlung fallen aus den unterschiedlichsten Gründen aus. Zu diesen gehören auch Sprachbarrieren. Grundsätzlich verfügt das Gericht aber über eine breite Palette an staatlich vereidigten Dolmetschern – für Polnisch, Türkisch und Kurdisch genauso wie für Paschtu (Afghanistan und Pakistan) und Tigrinisch (Eritrea und Äthiopien).

Zu dem kuriosen Fall, dass man den Angeklagten schlicht und ergreifend sprachlich nicht versteht, kam es bei der Verhandlung gegen einen 63-jährigen Afghanen. Der in München lebende Mann musste sich wegen Diebstahls in Bernried vor dem Weilheimer Amtsgericht verantworten. Die Sprachbarriere stellte aber ein entscheidendes Hindernis dar.

Die Vorsitzende Richterin Katrin Krempl versuchte ihr Bestes, musste aber mitten in der Beweisaufnahme aufgeben. „Es tut mir leid, aber ich verstehe gar nichts“, sagte sie. Der Angeklagte versuchte in sehr gebrochenem Deutsch, die Sachlage zu erklären. Ihm wurde vorgeworfen, im August vergangenen Jahres in der Reha-Klinik Höhenried eine Pinzette, eine Flasche Öl und eine Schere gestohlen zu haben. Er war dort zu einer Nachbehandlung für eine Fußverletzung. Der Wert der gestohlenen Ware belief sichlaut Staatsanwaltschaft auf 60 Euro. Richterin Krempl wunderte sich: „Die Polizei hat damals den Angeklagten auf Deutsch vernommen. Heute versteht man kaum ein Wort“, sagte sie.

Der Verteidiger stellte in den Raum, dass sein Mandant vermutlich nervös sei und daher sein Deutsch schlechter sei als üblich. Außerdem beantragte er eine Einstellung des Verfahrens wegen Geringfügigkeit. Da hatte aber die junge Staatsanwältin Bedenken, denn wie man aus dem Bundeszentralregister entnehmen konnte, ist der Angeklagte schon einschlägig vorbestraft. Für einen weiteren Diebstahl zwei Monate vor der Tat in Höhenried war er schon zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Alleine konnte die Staatsanwältin den Antrag des Verteidigers noch nicht entscheiden, sie musste erst Rücksprache mit München halten. Auch das ist ein häufiger Grund für Unterbrechungen und Verzögerungen während einer Verhandlung.

In diesem Fall lehnte die Staatsanwaltschaft den Antrag des Verteidigers ab. Grund sei die einschlägige Vorstrafe des Angeklagten, so die Staatsanwältin. Es wurde ein neuer Termin angesetzt. Dann wird ein Dolmetscher im Gerichtssaal sein, damit die Beweisaufnahme für alle Beteiligten verständlich abläuft.

„Teilweise haben wir auch Dolmetscher für mehrere Sprachen im Sitzungssaal“, erklärt Richterin Christiane Serini, stellvertretende Direktorin am Amtsgericht in Weilheim, auf Anfrage, „wenn zum Beispiel der Angeklagte und ein Zeuge unterschiedliche Sprachen sprechen.“ Grundsätzlich werde bei der Sitzungsvorbereitung darauf geachtet, welche Angeklagten und Zeugen einen Dolmetscher benötigen. Unterstützung holt sich das Gericht häufig bei der „Übersetzerzentrale München“.

Häufigster Grund dafür, dass eine Verhandlung nicht zum geplanten Termin stattfinden kann, ist allerdings, dass der Angeklagte nicht erscheint. Er muss dann entweder zu einem neuen Termin polizeilich vorgeführt werden, oder er wird gleich an dem Tag noch ausfindig gemacht und dann zum Gericht gebracht. Die anderen Verhandlungen können dann erst deutlich später stattfinden.

Zudem kann es passieren, dass alle Zeugen, der Dolmetscher und eventuell auch noch ein Gutachter pünktlich vor Gericht erscheinen, der Angeklagte aber fünf Minuten vor Verhandlungsbeginn per Fax mitteilt, dass er seinen Einspruch zurückzieht. Die Vorgeladenen sind folglich umsonst gekommen.

Das alles ist mit einem hohen Aufwand an Zeit und auch an Kosten verbunden. Denn bei einem neu angesetzten Termin, zu dem der Angeklagte dann nicht erscheint, müssen alle beteiligten Zeugen, Gutachter und Dolmetscher erneut entschädigt werden.

Regina Wahl-Geiger

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