Nach 48 Jahren hört Anton Kappendobler jetzt bei der Freiwilligen Feuerwehr Weilheim auf.
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Nach 48 Jahren hört Anton Kappendobler jetzt bei der Freiwilligen Feuerwehr auf.

Weilheim

Nach 48 Jahren Feuerwehr: Der „Sprengstofftoni“ geht in Rente

Zigtausende hat der langjährige Kreisbrandinspektor Anton Kappendobler aus Weilheim ausgebildet, er ist international bekannt. Jetzt musste er aufhören – über ein Feuerwehr-Unikum.

Weilheim – Nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit Blaulicht und Lautsprecherdurchsagen wurde Anton Kappendobler nach 48 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Eben so, wie es einem Feuerwehrmann gebührt. Vor allem einem, der nicht nur Zugführer in Weilheim, sondern Jahrzehnte auch als Kreisbrandinspektor bis Anfang des Jahres für zahlreiche Wehren im Landkreis zuständig war und bei unzähligen Großeinsätzen die Leitung hatte.

An seinem 65. Geburtstag vor wenigen Tagen musste der gebürtige Weilheimer auch in seiner Heimat-Feuerwehr vom aktiven in den passiven Dienst wechseln – so wie es das Bayerische Feuerwehrgesetz vorschreibt. Und um Mitternacht ging das letzte Mal sein Funkmelder: Allerdings war es kein Einsatz, sondern Grußworte und Glückwünsche der Leitstelle Oberland, die ihn in den verdienten Ruhestand verabschiedete.

Die Kameraden schauen zu ihm auf

Tagsüber waren seine Kameraden am Haus des ehemaligem Vizechefs der Kreisbrandinspektion mit dem Löschzug vorgefahren und hatten dem Jubilar über den Fahrzeuglautsprecher zum Ruhestand gratuliert: „Chapeau Toni, Danke für Deinen tollen Dienst, das vermeintlich unendliche Fachwissen, die vielen tollen Vorträge... die vielen lustigen Geschichten... wir schauen gerne zu Dir auf und sagen leise Servus“, heißt es auf der Facebook-Seite der Freiwilligen Feuerwehr Weilheim. Und auch eine Entschuldigung bei den Anwohnern „für den nicht unerheblichen Radau“ ist dort zu lesen: „Aber fast 50 Jahre hätten noch viel, viel mehr Rahmen verdient!“

Schöne Überraschung: Zum 65. Geburtstag vor einigen Tagen bekam Anton Kappendobler (4.v.l.) Besuch von seinen Feuerwehr-Kameraden.

Es wäre sicher ein großes Fest geworden in normalen Zeiten, auch wenn Anton Kappendobler es eigentlich gar nicht so hat mit den großen Auftritten und dem im Mittelpunkt stehen. Aber die Pandemie und die steigenden Inzidenzwerte machten allen Planungen einen Strich durch die Rechnung. Wahrscheinlich wären nicht nur Kollegen, Kameraden und Freunde aus dem Oberland, aus Bayern und Deutschland gekommen, sondern auch aus europäischen Nachbarländern.

Denn auf der Karriereleiter ging es für Anton Kappendobler ziemlich schnell nach oben: 1972 im Alter von 17 Jahren Eintritt in die Jugendgruppe der Weilheimer Wehr, 1984 Berufung als Kreisbrandmeister in die Kreisbrandinspektion Weilheim-Schongau und 1990 Beförderung zum Kreisbrandinspektor. Den Sprung ganz an die Spitze hat er vor knapp zwölf Jahren dem heutigen Kreisbrandrat Rüdiger Sobotta überlassen, wie dieser erzählt: „Der Toni hat darauf verzichtet, weil er es zeitlich neben seinem Job bei der Werksfeuerwehr bei Roche nicht geschafft hätte.“

Mit Gefahrengut und Strahlenschutz kennt er sich aus

Dass es so rasant bis auf den Vize-Posten ging, beschreibt Kappendobler im Gespräch bescheiden so: „Die haben halt jemand gebraucht, der sich da auskennt.“ Das, womit er sich auskennt, lässt sich in zwei Worte fassen: Gefahrgut und Strahlenschutz. In den 1970er- und 80er-Jahren des Wirtschaftsbooms – und dem damit zunehmenden Güterverkehr auf den Straßen und Schienen – passierten viele Unfälle mit Gefahrguttransportern aller Art. Zahlreiche Schulungen und Seminare, die er unter anderem bei der damals in Europa führenden Gesellschaft für Strahlenschutz (GSF) im Münchner Norden besuchte, machten den gelernten Elektriker ziemlich schnell zu einem weit über die Landkreisgrenzen hinaus gefragten Experten auf diesem Gebiet.

Diese umfangreiche Ausbildung ermöglichte ihm auch den Aufbau eines großen europäischen Netzwerkes, das sich auch bei so manchen Einsätzen als hilfreich erwies. Seit seinem Eintritt in die Inspektion war der 65-Jährige zuständig für Strahlenschutz und Gefahrgut, später kam noch der Bereich Löschmittel – gerade bei Gefahrgut- und Strahleneinsätzen wichtig – hinzu.

Das ist mal eine Stichflamme: Anton Kappendobler bei einer seiner vielen Vorführungen.

Als 1986 in Tschernobyl das Atomkraftwerk außer Kontrolle geriet und die radioaktive Wolke auch über Teile Westeuropas zog, „ging es richtig los“, erzählt Kappendobler. Die Feuerwehrler wurden umfassender in diesem Bereich geschult: „Ich habe wohl zigtausende Feuerwehrler ausgebildet.“ Als Kreisbrandinspektor war er für den Inspektionsbereich Ost zuständig, also für mehr als 30 Freiwillige Feuerwehren von Hohenpeißenberg bis Penzberg und Pähl bis Huglfing.

Doch nicht nur das Personal wurde fit für die neuen Herausforderungen gemacht, auch die Wehren selbst wurden aufgerüstet, an einigen Innovationen war auch Kappendobler beteiligt: So gibt es seit 1992 den in Penzberg stationierten „Gerätewagen Gefahrgut“, der hauptsächlich zu Einsätzen in den drei Landkreisen Weilheim-Schongau, Bad Tölz-Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen ausrückt.

Auch beruflich bei einer Feuerwehr beschäftigt

Sein Hobby – der Job bei der Freiwilligen Feuerwehr ist ein mit einer Aufwandsentschädigung vergütetes Ehrenamt – machte der zweifache Familienvater 1999 zu seinem Beruf. Er wechselte von den damaligen Isar-Amper-Werken in Weilheim zur Werksfeuerwehr von Roche in Penzberg, wo er im Gefahrenmanagement arbeitet. Auch hier war er mit dem Um- und Ausbau der Wehr und der Ausbildung betraut, auch hier gehen einige Neuerungen auf seine Anregung zurück. Die Bereiche Feuerwehrwesen und Security hat er inzwischen abgegeben. Er kümmert sich derzeit bei seinem Arbeitgeber, bei dem er auch demnächst in Rente gehen wird, um ein neues Alarmierungssystem.

Rückblickend möchte Kappendobler keine Einsätze etwa bei schweren Lkw-Unfällen, beim Kampf gegen Hochwasser oder bei Bombenfunden und Großbränden besonders hervorheben, „es gab einfach zu viele“. Aber eine Zahl nennt er: Etwa 50 000 Stunden dürfte er in den 48 Jahren für seine Weilheimer Feuerwehr und die Kreisbrandinspektion im Dienst gewesen sein. Das sind etwa drei Stunden pro Tag. „Mir war bei meiner Arbeit immer wichtig, dass die Kameraden nach Übungen und Einsätzen gesund nach Hause gekommen sind“, sagt der mit vielen Ehrenzeichen dekorierte Kappendobler, für den bei Einsätzen gilt: „Nur im Team sind wir stark.“

Einer der größten Fälle, die Kappendobler in der jüngeren Vergangenheit mitbetreute, war die Fliegerbombe, die 2018 am Weilheimer Bahnhof gefunden wurde.

Schon seit gut 35 Jahren kennt Kreisbrandrat Sobotta seinen Ex-Vize Kappendobler, der lange vor ihm in der Inspektion tätig war: „Er ist ein ganz feiner Kamerad, mit dem ich immer vertrauensvoll zusammen gearbeitet habe.“ Besonders an ihm schätzt Sobotta einen Wesenszug, der ihm schon aufgefallen war, als Kappendobler noch mehrere Stufen über ihm in der Hierarchie rangierte: „Er begegnet allen Kameraden immer auf Augenhöhe.“

„Des gab an Schepperer“, sagte er oft

Stefan Herbst, stellvertretender Kommandant der Weilheimer Wehr, kennt Kappendobler seit gut 25 Jahren. Auch er lobt dessen Kameradschaft: „Wenn man Unterstützung oder Hilfe brauchte, er war wirklich immer zur Stelle.“ Sein Fachwissen im Bereich Gefahrgut sei schier unerschöpflich: „Es gab fast kein Thema, wo er nicht sofort auf eine Frage konterte: ,Da hab ich schon an Vortrag gmacht, fast fertig. Kann ich gerne mal halten’.“ Gerade wenn es um Explosionen, Gefahrstoffeinsätze oder gar Sprengstoffe gegangen sei, hätte er stundenlang Geschichten und Erlebtes erzählen können. „Des gab an Schepperer“ sei ihm oft, so Herbst, „mit einem Grinsen über die Lippen gekommen“.

Viele der Kameraden, mit denen er zusammengearbeitet hat oder die er auch über die Grenzen des Landkreises hinaus in Seminaren, mit Vorträgen und in praktischen Übungen ausgebildet hat, haben sich auf der Facebook-Seite der Weilheimer Feuerwehr beim „Kappe“ oder „Sprengstofftoni“ etwa für seine „hervorragende Leistung“, sein „wertvolles Engagement“ und seine „super kameradschaftliche und fachlich stets perfekte Zusammenarbeit“ bedankt. Und das wohl schönste Kompliment, das man bekommen kann, kam aus der Oberpfalz im Dialekt: „Bleib wirst bist.“

Ralf Scharnitzky

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