„Die Regeln sind brutal eng gefasst, aber auch aus Dank den Zuschauern gegenüber sehen wir uns in der Pflicht zu spielen“: Andreas Arneth, Leiter des Stadttheaters, und Ragnhild Thieler, Kulturreferentin und Vorsitzende des Unterstützervereins, setzen ab Juli auf ein reiches Programm – wenn auch mit Abständen auf der Bühne und mit Publikums-Registrierung.
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„Die Regeln sind brutal eng gefasst, aber auch aus Dank den Zuschauern gegenüber sehen wir uns in der Pflicht zu spielen“: Andreas Arneth, Leiter des Stadttheaters, und Ragnhild Thieler, Kulturreferentin und Vorsitzende des Unterstützervereins, setzen ab Juli auf ein reiches Programm – wenn auch mit Abständen auf der Bühne und mit Publikums-Registrierung.

Programm steht

Stadttheater: Ab Juli „Vollbetrieb“ geplant

Trotz einem dreiviertel Jahr pandemiebedingter Spielpause steckt Andreas Arneth, der Leiter des Weilheimer Stadttheaters, voller Schwung. Noch kann er nicht alle Energie auf das Organisieren neuer Events verwenden. Im Gegenteil: Einen ganzen Ordner hat er mittlerweile zusammengestellt, um alle Corona-Regeln abzuheften.

Weilheim – „Fast wöchentlich kommen neue Bestimmungen dazu“, seufzt er. Auch die Empfehlungen der Berufsverbände blähten den Berg an Vorgaben auf, denn die Verbands-Richtlinien seien für mögliche Haftungsfragen relevant. „Die Vorschriften sind brutal eng gefasst, jetzt braucht es sogar noch CO2-Anzeiger und Partikelmessgeräte.“

Von daher sei er froh, dass die Politik endlich ein Machtwort gesprochen habe, von wo bis wo der Abstand für haushaltsfremde Personen zu messen sei: „Eins fünfzig von Stuhlmitte zu Stuhlmitte, also von der Nase eines Gastes bis zur Nase des nächsten – na endlich!“

„Keiner hat Mitgliedschaft gekündigt“

Arneth ist erleichtert, dass die Distanzmessung zwischen den Sesselkanten vom Tisch ist. „Das erzwang zwei leere Reihen als Abstand, jetzt genügt eine leere Zwischenreih,e und wir bekommen locker 70 Zuschauer in eine Aufführung.“ Damit steht für Arneth fest: Nach der amtlichen Lockerung vom 21. Mai kann nicht nur gespielt werden, es muss sogar.

„Viele Zuschüsse würden sonst verfallen und viele Schauspieler endgültig verzweifeln.“ Ragnhild Thieler ergänzt ein drittes Motiv für den Spielbetrieb: „Das Publikum fordert es, dass wir spielen“, so die Vorsitzende vom Verein der Theaterfreunde. „Keiner hat die Mitgliedschaft gekündigt, obwohl wir außer tröstender Briefe und Mails nichts anbieten konnten.“

Rückenwind gab es auch beim „Weilheimer Theater-Abo“, weiß Arneth. Obwohl die Reihe für 2021 abgesagt wurde, seien viele Abo-Gelder nicht zurückgefordert worden sondern in Spenden gewandelt, teils sogar aufgestockt worden. Rührende Briefe hätten Mut zum Durchhalten gegeben. Von daher sind sich die Theater-Organisatoren einig: Da die Vorschriften ohnehin nur registrierte Zuschauer erlauben, werden die ersten Aufführungen exklusiv für Theaterfreunde oder Spender stattfinden. „Da haben wir alle Kontaktdaten, das Prozedere läuft sich warm und die Unterstützer haben sich wirklich eine Gegenleistung verdient.“

Ab Juli plant Arneth den „Vollbetrieb“: Jede Produktion werde mit einer maximalen Vielzahl an Spielterminen angesetzt. Portionsweise dosiert, mit bis zu zwei Auftritten pro Tag, werde kein Weilheimer aufs Theater verzichten müssen. Zunächst würden zwei Monate „Weilheimer Festspiele“ und „Teatro Coronato“ den Sommer versüßen – soweit als möglich open air, aber stets mit der Möglichkeit zur Verlegung ins Innere, sodass ab jetzt nichts mehr ausfallen werde, außer bei plötzlichem Inzidenzsprung auf über 100.

Hygieneregeln gelten auch für Schauspieler

Drei Dinge seien heuer aber strikt anders: Einmal lasse man extreme Publikumsrenner weg, bei denen das Haus einen Ansturm riskiere – dies gelte mithin für den Silvesterabend, und auch gehypte Kabarettisten seien derzeit nicht das richtige. „Ob Wolfgang Ramadan unter diesen Umständen sein Kulturabo gastieren lässt, weiß ich noch nicht“, sagt Arneth.

Zum Zweiten verzichte man auf Stücke mit großen Darsteller-Ensembles, weil auch für Schauspieler Hygieneregeln und Abstandsgebote gälten. Zum dritten plane man vorerst ohne die Auftritte von Laiengruppen, weil diese bis auf weiteres zwar üben, aber nicht auftreten dürften.

„Es wird kein Normaljahr sein“, unterstreicht Arneth. Dies zeige die Pflicht zur telefonischen Registrierung von Zuschauern, die man nach Reihenfolge entgegennehmen werde. Bei einer längeren Landkreis-Inzidenz von unter 50 entfalle wenigstens die Testpflicht vor dem Aufführungsbesuch. „Eigentlich hätten wir längst höchste Hygienestandards zu bieten, schließlich warten seit Monaten sechs Luftfilter auf ihren Einsatz.“

Zwei der Luftreiniger seien von den Theaterfreunden finanziert worden, manche auch von kulturell engagierten Banken, weiß Ragnhild Thieler. Dass die ölfassgroßen Tonnen derzeit mit Folie abgedeckt sind, hat seinen Grund: Bis zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs laufen noch die letzten Aufhübschungsarbeiten im Theater. Es wird abgeschliffen, gemalert und gewerkelt.

Das Bühnenhaus und die Künstlergarderoben sind technisch und optisch auf Vordermann gebracht worden. „Unter dem Blickwinkel des Einbaus von Aufzug und Feuertreppe hat der Lockdown manches einfacher gemacht“, sagt Arneth, „wir hatten im Haus andauernd was aufzuräumen, aber lieber hätten wir trotzdem gespielt.“

Wenn eines Tages wieder mehr Zeit für die Kreativität bleibt, will Arneth den Wiedereinbau der historischen Illusionsmalerei im Theater prüfen. „Die Schmuckelemente sind noch alle da“, sagt er unter dem zustimmenden Blick der Weilheimer Kulturreferentin. „Jetzt ist das Haus wieder bereit“, sagen beide mit ungespielter Zuversicht.

Andreas Bretting

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