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Demo für stabilen Zugverkehr: „Tendenz geht seit Jahren Richtung Notstand“

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Norbert Moy von Pro Bahn bei einer Demonstration in Weilheim
„Das ganze Konstrukt DB Netz schafft Fehlanreize“: Norbert Moy von Pro Bahn bei der Demonstration. © Ralf Ruder

Mehr Geld für die Schiene statt für die Straße und ein stabiler Zugverkehr vor allem auf der Werdenfelsbahn München-Mittenwald waren Forderungen, die zusammen mit heftiger Kritik an der Deutschen Bahn bei einer Demonstration am Samstag in Weilheim mit rund 200 Teilnehmern zu hören waren.

Weilheim – Bereits im April keimte im Ortsverband der Grünen von Garmisch-Partenkirchen unter Irmi Gallmeier die Idee, für den Ausbau der Werdenfelsbahn eine überregionale Initiative zu gründen. Inzwischen stießen weitere Ortsverbände entlang der Strecke hinzu, ebenso weitere Organisationen mit gleichem Anliegen. Durch den erbärmlichen Schienenersatzverkehr zuletzt an vielen Bahnstrecken entstand zusätzliche Dringlichkeit für das „Aktionsbündnis Werdenfelsbahn“, sodass am Samstag knapp 200 Menschen in Weilheim zusammenkamen.

Vom Bahnhof ging‘s in die Innenstadt

Der harte Kern der Demonstranten traf sich bereits am Bahnhof, wohin stilgerecht eine „Sternfahrt“ führte – per Bahn, oder, im Falle von Wielenbachs Bürgermeister Harald Mansi, per Rad. Unter dem Ruf „Mehr Geld für die Bahn, dafür an der Straße spar’n!“ zog die rund 90-köpfige Startgruppe in die Stadt, jedoch ließ sich der Bandwurm durch eine rote Ampel zerreißen. „Dafür wären wir früher nicht stehengeblieben“, schmunzelte Werner Bommersbach unter Reminiszenz an die wilden 70er Jahre. Er war – als Eisenbahnerkind und mit Erinnerung an eine kontinuierlich gewartete Schiene – mitgezogen, obwohl er als CSU-Mitglied definitiv der Exot im Teilnehmerkreis war.

Am Marienplatz stießen rund 80 weitere ÖPNV-Befürworter hinzu, bald verstärkt um 30 Zuhörer, die sich mit den Reden solidarisierten. Der erste Beitrag kam vom Weilheimer Norbert Moy, der als Oberbayern-Vorsitzender von „Pro Bahn“ dem Zugverkehr attestierte: „Die Tendenz geht schon seit Jahren zunehmend Richtung Notstand: immer längere Baustellen, mehr Streckensperrungen, mehr Zugausfälle.“ Jetzt, mit dem „Riesen-Notstand“ im Werdenfelsnetz, würde auch beim geduldigsten Fahrgast die Stimmung kippen.

„Wiederaufbaufonds“ für das Werdenfels-Netz gefordert

Das ganze Konstrukt „DB Netz AG“ schaffe Fehlanreize, die Instandhaltung zu vernachlässigen. Stattdessen fordere „Pro Bahn“ einen Wiederaufbaufonds für das Werdenfels-Netz – mit den 170 Millionen Euro vom Projekt Auerbergtunnel der B 2. Daneben forderte Moy die Reaktivierung der Fuchstalbahn und der Bahnhalte von Polling und Wilzhofen, sowie die Neubetrachtung vom Halt Weilheim-Süd. „Den Stadträten sei gesagt: Es sind wir Fahrgäste, die Weilheim täglich vor dem Verkehrsinfarkt bewahren“, was donnernden Applaus gab.

Der B 2-Ausbau bekam ebenso eine klare Absage durch Wielenbachs Bürgermeister Harald Mansi, der vorrechnete, ein dreistreifiger Ausbau plus beidseitiger Beschleunigungsstreifen plus Landwirtschaftsweg ergäbe eine stellenweise sechsstreifige Straße. Zur Schiene sagte das Kreisverbands-Mitglied der SPD: „Ich bin Bauingenieur und kannte noch den Stolz auf die deutsche Ingenieurskunst, aber jetzt schäme ich mich, wie’s hier mit den Gleisen aussieht.“

Vorschlag: Stadtbus bis in jedes Dorf

Mansis Idee: Alle Bahnhöfe wieder öffnen und Stadtbus bis in die Dörfer – das wäre durch den Verzicht auf B 2-Ausbau und Weilheimer Umfahrung finanzierbar auf 80 oder 100 Jahre hinaus. Die Vernetzung von Landwirten in Mansis Ablehnungsfront wurde wiederum als „gelungene Graswurzelbewegung“ von Vertretern den Grünen gelobt.

Regentropfen erschreckten die Versammelten nicht, die inzwischen die Fassungslosigkeit von Jutta Steinbrecher erlebten. Die Grünen-Kreisvorstandssprecherin aus Garmisch-Partenkirchen berichtete von Schulkindern, die mit Ersatzbussen morgens und mittags je eine Stunde länger unterwegs sind, und von orientierungslosen amerikanischen Touristen, die im Ersatzverkehr-Chaos verzweifelten: „So haben wir Deutschland nicht erwartet.“ Sie forderte attraktive Bahnhöfe und eine Bahn, die auf der ganzen Strecke zuverlässig und angstfrei den Halbstundentakt bewältigt, zudem mit Platz für Fahrräder für Einheimische und Touristen.

Grüne fordern Sondervermögen Schienen-Infrastruktur von 100 Milliarden Euro

Ludwig Hartmann entwarf die Vision „eines Jahrzehnts der Investitionen in die Bahn“. Staatliche Bauämter sollten in „Mobilitätsämter“ umgewandelt werden, um gerade eben nicht vorrangig für Autos zu planen. „Wir können dieser Verkehrslawine nicht mehr hinterherbauen“, so der Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen. Schwachstellen im Schienennetz müssten in ganz Bayern beseitigt werden, nicht bloß in München. Mehr Strecken sollten elektrisch werden, auch die Ammerseebahn. Mit Angeboten wie „Bus on demand“ sollten Vernetzungen bis in die Dörfer sichergestellt werden, um in den Familien das Zweitauto überflüssig zu machen. „Aber im Grunde bräuchten wir erst einmal ein Sondervermögen Schienen-Infrastruktur in Höhe von 100 Milliarden Euro im Bundeshaushalt.“

Nach 70 Minuten endete die intensiv beklatschte Veranstaltung, zu der auch Garmischer Kreisvertreter des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub), Mitglieder der „Initiative Fuchstalbahn“, der Weilheimer Anti-Umgehungs-Initiative „Heimat 2030“ und des Bund Naturschutz gekommen waren.

Andreas Bretting

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