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Will regionalen Geschäften eine Plattform bieten: Informatik-Spezialist Valentin Sauer aus Weilheim hat mit Kollegen aus Deutschland und Österreich ein sp ezielles Online-Bestellsystem entwickelt.

Neues System wird in Weilheim getestet

Online-Handel soll kleine Läden stärken

  • Paul Hopp
    vonPaul Hopp
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Der Online-Handel macht kleine Läden in den Innenstädten kaputt, so lautet die gängige Meinung. Der Weilheimer Valentin Sauer will mittels E-Commerce gerade solche Geschäfte unterstützen. Er hat mit Kollegen ein System entwickelt – Testgebiet soll auch die Kreisstadt sein.

WeilheimMit seinem 36 Jahren sei er eigentlich nicht mehr in dem Alter, in dem jemand ein Start-Up initiiert, sagt Valentin Sauer mit einem Lächeln. Doch Erfahrung ist eben ein Pfund, mit dem sich auch in der IT-Branche wuchern lässt. Seit zehn Jahren hat der gebürtige Stuttgarter, der in Weilheim lebt, beruflich mit dem elektronischen Handel (E-Commerce) zu tun. Dabei hat er viele Konzepte kennengelernt. E-Commerce, sagt Sauer, „ist mehr als Online-Shops“. So kam er auf die Idee, dass Bestellungen auch einfach über Messenger-Dienste (Beispiel Whats-App, Telegram und Facebook) zwischen Kunden und Händler laufen können. Das könnte vor allem für kleinere Geschäfte eine weitere Verkaufsmöglichkeit ergeben.

Kommunikation zwischen Kunde und Händler läuft über Messenger-Dienste

Als zu Beginn des Corona-Lockdowns im März die Bundesregierung Informatik-Spezialisten zum „Hackathon“ einlud, um dort digitale Lösungen für die Herausforderungen durch Covid-19 zu entwickeln, nahm auch Sauer daran teil. „Es war eine mega-faszinierende Geschichte“, sagt er. Rund 40 000 Interessierte waren verbunden. Sein Konzept wurde von den Organisatoren als lohnenswerte Idee akzeptiert. Schließlich fand eine Gruppe von acht Leuten aus Deutschland und Österreich zusammen, die Sauers Idee weiter verfolgten. Dazu gehörten Informatiker, eine Gastronomin, ein BWL-Fachmann und ein Experte für Marketing. Sauer hatte im Vorfeld einen Screenshot erstellt, wie er sich sein Handelssystem vorstellt. Das habe beim „Hackathon“ viel Aufmerksamkeit erzeugt. Und dann „haben wir 48 Stunden lang programmiert“, sagt er lächelnd. Ziel war, einen Prototypen zu entwickeln und damit zu zeigen, dass es funktionieren kann“.

Vor allem kleine Läden sollen profitieren

Unter der Online-Adresse www.localivery.org ist das System zu bestaunen, mit dem es speziell kleineren Läden ermöglicht werden soll, Waren möglichst einfach über eine digitale Bestellung zu verkaufen. Sauer hat dabei sowohl die Händler als auch die Kunden im Blick. Als Leiter des Online-Auftritts der Firma „Zarges“ weiß er, wie viel Aufwand hinter einer Firmen-Website und einem Online-Shop mit Produktpalette, Suchfunktion, Bestellformularen, Angaben zur Verfügbarkeit, Versand etc. steckt und wie groß der finanzielle Einsatz sein muss, damit alles funktioniert. Bei „Localivery“ – darin stecken die Wörter local (hiesig, regional), live (in Echtzeit) und delivery (Auslieferung) – kommunizieren Kunde und Händler über gewöhnliche Messenger-Dienste. „Es ist kein Online-Marktplatz und auch kein Online-Shop“, sagt er. Das Ganze ähnelt einem digitalen Verkaufsgespräch. Der Anbieter, der sich bei „Localivery“ registriert, muss nicht einen Online-Shop mit der nötigen Infrastruktur einrichten. Und der Käufer, der Leistungen recht problemlos per Suchfunktion finden kann, muss sich für seine Bestellung nicht erst extra ein Kundenkonto einrichten.

An drei Orten wird getestet

Noch steht das Projekt ganz am Anfang. Wie es bei Händlern ankommt, wird an drei Orten erkundet: in Weilheim, in Quickborn (Schleswig-Holstein) und im Mostviertel in Niederösterreich. Ganz bewusst wurden keine Großstädte ins Visier genommen, denn dort gibt es schon etablierte Liefer-Dienste. Sauer will in diesen Tagen mit Geschäften in Weilheim in Kontakt treten, um deren Interesse an dem System zu eruieren. Dabei benutzt er auch herkömmliche Flyer – ein ganzer Schwung kam jüngst bei ihm an. „Es geht vor allem um ein Feedback“, sagt der 36-Jährige, der in der Freizeit gern in den Bergen unterwegs ist und zudem einen Abschluss als Gartenbau-Ingenieur vorweisen kann. Das Projekt bietet auch lediglich die Plattform „zur Suche nach Produkten, zur Kommunikation zwischen Anbietern und Bestellern und zum Vertragsabschluss über Produkte unter Einbindung externer Messenger-Dienste“, wie es auf der Homepage heißt. Wie die Ware letztlich zum Besteller kommt (ob per Auslieferung oder Abholung), dafür sind die Händler selbst verantwortlich.

System wurde beim „Hackathon“ entwickelt

Da das System auf dem „Hackathon“ entwickelt wurde, der Lösungen für Probleme in der Corona-Krise liefern sollte, stand das Geldverdienen bei der Idee nicht an erster Stelle. Alle, die an „Localivery“ mitarbeiten, „haben reguläre Jobs“, sagt Sauer. Irgendwann wird aber auch der finanzielle Aspekt ein Thema werden. Dafür, dass das Team sozusagen als Unternehmen Programmierstellen bei Whats-App nutzt, wird pro Nutzung eine Gebühr von 0,5 Cent fällig. Ein Einkauf mit mehreren Botschaften hin und her summiert sich laut Sauer im Schnitt auf zehn Cent.

Von der Gründer-Beratung „Social Impact“ gab es für das Projekt 1000 Euro Unterstützung. Das hilft fürs Erste für die weitere Testphase. Ob und in welchem Umfang Händler für die Teilnahme an „Localivery“ zahlen müssen, steht noch in den Sternen. Noch geht es darum, möglichst viele für das System zu begeistern.

Lesen Sie auch: Ein Weilheimer erzählt über die Not der Veranstalter-Branche

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