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Bei einer Veranstaltung am Sonntag in Istanbul zog Präsident Erdogan den Nazi-Vergleich. 

Türkei - Deutschland

Ein schwieriges Verhältnis

Derzeit ist die Verbindung Deutschland-Türkei gelinde gesagt unterkühlt. Wie reagieren türkischstämmige Landkreisbürger auf ihren Präsidenten? Wir haben nachgefragt.

Weilheim/Penzberg – Das deutsch-türkische Verhältnis ist derzeit stark angespannt, weil türkische Politiker in Deutschland keine Wahlkampfveranstaltungen abhalten durften. Und der Nazi-Vergleich von Präsident Recep Erdogan hat die Stimmung noch angeheizt. Wie sehen türkische und türkischstämmige Mitbürger die Entwicklung in ihrer Heimat? Was sagen sie zur Verschlechterung des deutsch-türkischen Verhältnisses? „Ich bin ein absoluter Erdogan-Gegner“, sagt zum Beispiel Serkan Yapi vom „Autohaus Yapi“ in Weilheim.

Der 35-Jährige ist in Deutschland geboren und besitzt einen deutschen Pass. Sein Vater, der Eigentümer des Autohauses, und seine Mutter sind Türken. Viele Verwandte der Familie leben in der Türkei. Serkan Yapi beobachtet die Entwicklung im Heimatland seiner Vorfahren fahren kritisch. „Die Demokratie, die ganzen Werte für die Staatsgründer Kemal Atatürk gestanden ist, werden in der Türkei mit Füßen getreten“, sagt Yapi. Seiner Meinung nach wird die Religion nur vorgeschoben, um die Menschen einzulullen, damit einzelne Politiker ihre Interessen durchsetzen können. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, die Wahrheit – all diese Werte seien in Gefahr. Alle, die nicht die Regierungsmeinung vertreten würden, hätten ein Problem.

Dass die Kommunen und Städte die Auftritte türkischer Politiker verhindert haben, findet Yapi richtig: „Das ist reine Propaganda und hat mit Demokratie nichts zu tun.“ Mit solchen Methoden sei Hitler in Deutschland an die Macht gekommen. Seiner Meinung nach beeinträchtigt das Gebaren der türkischen Regierung auch die Beziehungen der Deutschen und Türken in Deutschland. Er selber hat in seinem vorwiegend deutschen Freundeskreis aber keine Probleme. „Meine deutschen Freunde kennen meine Meinung und befürworten sie“, sagt der Weilheimer.

Die Diskussionen rund um das Gebaren des türkischen Präsidenten bezeichnet Gönül Yerli als „sehr, sehr kompliziert“. Es sei in Fragen zu dieser diffizilen Thematik nahezu unmöglich, einfache Antworten zu geben. Die Vize-Direktorin des Islamischen Forums in Penzberg stört, dass die Türkei in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit fast ausschließlich an der Person Erdogans festgemacht wird. „Das tut mir weh“, sagt die Türkin mit deutschem Pass, die seit 38 Jahren in der Bundesrepublik lebt. „Die Türkei hat deutlich mehr zu bieten als die derzeitigen Aussagen von Präsident Erdogan.“

Dass viele Türken, die in Deutschland leben auf der Seite des umstrittenen Politikers stehen, kann sie sich durch eine starke emotionale Bindung zu derer Heimat erklären. „Viele haben das Gefühl, sie verraten ihr Herkunftsland, wenn sie gegen Erdogan stimmen. Sie wollen zeigen, dass sie die Türkei nicht im Stich gelassen haben.“ Die Maßnahmen, um öffentliche Auftritte von türkischen Regierungsmitgliedern in Deutschland zu verhindern, hält Yerli für falsch. „Es kann nicht sein, dass Ausreden wie etwa Probleme mit dem Brandschutz vorgeschoben werden oder der Bund die Zuständigkeiten bis an die Kommunen hinunterdelegiert, um letztlich die Veranstaltungen platzen zu lassen.“ Es sei die Stärke einer Demokratie, dass sie verschiedene Meinungen aushalte. Selbst hält Yerli nichts von derartigen Kundgebungen. „Ich war noch nie auf einer und habe es auch nicht vor.“ Um sich eine Meinung zu bilden, seien solche Propaganda-Veranstaltungen nicht geeignet. „Das ist mir alles zu polemisch und einseitig.“

Mit dem Thema, dass türkische Politiker in der Weilheimer Stadthalle sprechen möchten, hat sich das Ordnungsamt im Rathaus bereits befasst. Bislang, so Amtsleiter Andreas Wunder, sei aber noch keine Anfrage eingegangen. Und wenn, dann stehe einer Genehmigung in der Stadthalle allein schon die Tatsache im Wege, dass diese für dieses Jahr „fast ausgebucht ist“. Wunder glaubt aber auch, dass die 600 bis 800 Besucher fassende Stadthalle für eine solche Versammlung zu klein sei.

Nach Einschätzung von Alfred Honisch, Integrationsbeauftragter der Stadt Weilheim, ist das deutsch-türkische Verhältnis schon seit längerem belastet, auch vor Ort. Seit Herbst 2016 versuche er, mit der türkischen Gemeinde in Weilheim darüber ins Gespräch zu kommen. Seit dem Wechsel in der Vorstandschaft des Kulturvereins herrsche aber Sendepause. „Dabei könnte die offene Auseinandersetzung über die aktuellen Entwicklungen helfen, bei den gut 500 Weilheimer Bürgern mit türkischen Pass falsche Eindrücke zu vermeiden“, so Honisch. Zum Beispiel den, „dass ein Verbot einer Wahlkampfveranstaltung keine Willkür dastellt, sondern eine Entscheidung der Vernunft ist“. 

 kh/gre/nutz

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