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Himmlische Konferenz: (v.l.) Jesus, Gottvater, Heiliger Geist, Satan und Maria in „Krach im Hause Gott“. 

Theaterkritik

Umjubelter Auftritt im Stadttheater Weilheim: Die Männer können’s nicht allein

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Gleich zweimal war das Stadttheater Weilheim am Wochenende ausverkauft, als „Krach im Hause Gott“ aufgeführt wurde. 

Weilheim – Was Gott über das Treiben auf Erden in der Zeitung liest, kann er nicht mehr lustig finden. Gut 2000 Jahre nach Christi Geburt hat der alte Herr im Himmel die Nase voll vom Menschen, will sein Geschöpf, das seine Schöpfung ruiniert, aus der Welt schaffen. Also ruft er den engsten Stab zum jüngsten Gericht zusammen: Neben der Dreifaltigkeit von Gottvater, Jesus und dem Heiligen Geist ist auch der Teufel zur Konferenz geladen – der kennt sich schließlich aus mit dem Menschen. Nur die Gottesmutter bleibt außen vor: „Die brauchen wir nicht“, meint die Männerrunde in trauter Überheblichkeit.

Die Versuchsanordnung im auch schon wieder 25 Jahre alten Theaterstück „Krach im Hause Gott“ ist weder neu noch besonders originell. Aber vielleicht ist sie mal wieder an der Zeit. Weilheims Stadttheater war am Wochenende jedenfalls zweimal ausverkauft, als das Theater Regensburg im Rahmen des städtischen Kulturprogramms dieses „moderne Mysterienspiel“ (so der Untertitel) des Tiroler Autors Felix Mitterer zeigte. Der nimmt sein göttliches Personal durchaus ernst und schlägt doch komödiantische Funken aus der von Volker Schmalöer munter inszenierten Familienkonferenz. Einen Skandal löst heutzutage nicht mal mehr aus, dass der Teufel darin kurz mal mit Maria kopuliert. Gleichwohl hätte man sich diese Szene sparen können: Sie provoziert, nein, eigentlich ekelt sie nur an – ohne tieferen Erkenntnisgewinn.

Der Heilige Geist ist persönlich beleidigt

Dabei stellt Mitterer, Jahrgang 1948, ansonsten ja durchaus wichtige Fragen mit seinem Stück, bringt in erstaunlicher Leichtigkeit große Themen aufs Tableau. Jesus (Sebastian M. Winkler) hadert mit seinem furchtbaren Leiden am Kreuz, das völlig umsonst gewesen zu sein scheint; und doch glaubt er immer noch an das Gute im Menschen. Der Heilige Geist (Daniel Gawlowski) ist persönlich beleidigt vom menschlichen Versagen – konnte er doch offensichtlich nicht genügend begeistern. Und Gottvater (Gerhard Hermann) sieht ein, dass er nicht unschuldig ist am Schlamassel auf Erden. Ausgerechnet Luzifer (Gunnar Blume), sein teuflisch schlauer, tief gefallener Ex-Lieblingsengel, benennt, was da alles schief läuft.

Final eingreifen brauche Gott trotzdem nicht, da ist sich der Satan sicher: Die Menschen vernichten sich schon selber. Und während er über den endlosen Kaffeekapselmüll auf dem Bühnenboden – wohl ein Sinnbild für den Zustand der Welt – tänzelt, erteilt der Versucher so manchem Mächtigen auf Erden Ratschläge am Smartphone: „Obergrenze. Schießbefehl. Mauer bauen...“, hört man ihn rufen. Wem der Teufel da gerade einflüstert, wird nicht gesagt. Das ist auch gar nicht nötig.

Wirklich weiter kommt die göttliche Männerrunde nicht

Bei aller Wortgewandtheit und Bibelfestigkeit, und so schön es ist, wenn der Heilige Geist hingebungsvoll Paulus’ Lobpreis auf die Liebe rezitiert („Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht...“): Wirklich weiter kommt die göttliche Männerrunde nicht. Gottvater ist allem so müde, dass ihn nur regelmäßige Espresso-Zufuhr vor dem Umkippen bewahrt. Knoten lösen muss dann doch die Muttergottes (Franziska Sörensen), die nicht länger rosenbekränzt, aber ruhiggestellt in der Seitennische stehen will: Nachdem sie ihren blauen Mantel längst hinschmiss, platzt sie irgendwann in die Konferenz, entlarvt die überkommenen Machtstrukturen in Kirche und Welt, lässt den Heiligen Geist seine weibliche Seite wiederentdecken – und das Ende fast noch gut werden. Gott vertagt die Entscheidung, und Maria stimmt mit einem Gedicht von Inger Christensen eine Ode an das Leben in seinen vielen, oft auch widersprüchlichen Facetten an.

Nach 80 kurzweiligen Minuten gab es für die Darsteller viel Beifall im Stadttheater. Und dass die Weilheimer dabei – zumindest am Sonntagabend – für Satan noch lauter klatschten als für die göttlichen Personen, das wollen wir jetzt einfach mal nicht überbewerten. 

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