Home-Office im Paradies: Von seiner Terrasse in Seehausen aus arbeitet Ricard Ryssel am Aufbau seiner Online-Plattform „Regional handeln“.
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Home-Office im Paradies: Von seiner Terrasse in Seehausen aus arbeitet Ricard Ryssel am Aufbau seiner Online-Plattform „Regional handeln“.

Bundestags-Kandidaten im Porträt: Ricard Ryssel (parteifrei)

Vom Karriere-Typ zum Regionalförderer und in den Bundestag?

  • Simon Nutzinger
    VonSimon Nutzinger
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Zwölf Direktkandidaten treten am 26. September bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Weilheim an, zu dem auch der Landkreis Garmisch-Partenkirchen gehört. Wir haben die Bewerber an ihrem Arbeitsplatz porträtiert. Heute: Ricard Ryssel (parteifrei) aus Seehausen.

Seehausen – Wäre die Bundestagswahl ein Wettstreit um den schönsten Arbeitsplatz – Ricard Ryssel hätte ihn vermutlich gewonnen. Wenn der 49-Jährige an einem sonnigen Vormittag auf der Terrasse seines Hauses in Seehausen den Laptop aufklappt, sitzt er im Paradies. Im großzügig gehaltenen Garten streiten sich die Blumen, welche am farbenfrohsten blüht. Die Markise spendet angenehmen Schatten. Zwischen den Nachbarhäusern blitzt der kaum 100 Meter entfernte Staffelsee hindurch. Es bedarf keiner weiteren Fragen, wenn Ryssel sagt: „Hier will ich nicht mehr weg.“

Seit 2008 lebt der gebürtige Düsseldorfer, der bei der Bundestagswahl als parteifreier Kandidat im Wahlkreis Weilheim ins Rennen geht, mittlerweile in Seehausen. Sein Plan war ursprünglich aber ein anderer. Nach dem Grundstudium in Karlsruhe legte Ryssel in den USA den Master in Unternehmensberatung und Organisationsentwicklung obendrauf.

In Seehausen fühlt es sich nach Heimat an

„Danach wollte ich eigentlich hinaus in die weite Welt“, sagt er. Doch brachte ihn ein Job bei Siemens nach München, wo er auch seine spätere Ehefrau kennenlernen sollte. „Eine Staffelsee-Liebhaberin.“ Schnell war klar, dass es für die beiden ins Blaue Land gehen sollte. Vor 13 Jahren folgte der Umzug nach Seehausen. Ryssel betont: „Auch wenn ich natürlich kein Einheimischer bin – für mich fühlt es sich hier nach Heimat an.“

Dass er seine Arbeit hauptsächlich von der Seehauser Terrasse aus erledigt, war allerdings nicht immer so. Viele Jahre war Ryssel praktisch die ganze Woche unterwegs, hatte als Führungskraft zeitweise weltweit rund 2000 Angestellte unter sich. „Ich war der klassische Karriere-Typ“, sagt er über sich. Immer weiter, immer schneller, immer mehr. Erst als seine Frau vor vier Jahren aufgrund einer Lungenkrebs-Erkrankung ums Leben kommt, beginnt er seinen Weg zu hinterfragen. „Mir wurde plötzlich klar, dass ich nicht mehr derjenige sein wollte, der Mitarbeiter streicht, um irgendeinem Großkonzern Kosten zu sparen“, sagt er. „Das ist nicht der Sinn dessen, was ich tun möchte.“

Auch an einen Lieferservice ist gedacht

Für Ryssel, der inzwischen mit seiner neuen Partnerin und deren Tochter zusammenlebt, hieß es fortan: Raus aus dem Hamsterrad Großkarriere. Zunächst arbeitete er noch als Berater für einen Finanzdienstleister, inzwischen hat sich der gebürtige Rheinländer selbstständig gemacht. Mit seiner Firma „Regional handeln“ möchte er eine Online-Plattform aufbauen, die es lokalen Anbietern ermöglicht, deren Produkte möglichst unkompliziert und ohne Zwischenhändler an die Kunden zu bringen. „Allein Murnau hat so eine tolle Fußgängerzone mit lauter einzigartigen Geschäften“, sagt er.

„Ich möchte verhindern, dass diese aufgrund von Amazon und Co. irgendwann verschwinden.“ Dafür will er zudem einen eigenen Lieferservice aufbauen, bei dem etwa Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung oder andere Leute, die auf dem Arbeitsmarkt einen schweren Stand haben, als Fahrer oder Büromitarbeiter ins Boot geholt werden sollen. „Jeder soll das einbringen, was er kann.“

Wahlkampf ohne politische Erfahrung

Die Ziele, die Ryssel mit „Regional handeln“ verfolgt, lassen sich ohne Weiteres auf seine politischen Bestrebungen übertragen. „Die Region stärken, Arbeitsplätze für alle Schichten schaffen, die Menschen zusammenbringen.“ So lauten seine drei Grundpfeiler. Für ihn steht fest: „Wenn wir alle gemeinsam agieren, würden wir viele Probleme gar nicht haben.“

Dass er den Wahlkampf ohne politische Erfahrung angeht, sieht er dabei nicht automatisch als Nachteil. „Ich bin zumindest frei von jedem Parteidenken“, sagt er. Ob eine Idee aus dem Lager der CSU, SPD oder von den Grünen kommt, sei ihm egal. „Mir geht es immer und einzig allein um die Sache.“

Er hofft, dass er mit seiner unbekümmerten Art möglichst viele Menschen zum Nachdenken anregen kann. Unabhängig von einer genauen Anzahl an Wählerstimmen. Ryssels Credo: „Wenn nur ein paar hundert Leute erkennen, dass Politik nicht nur für Großkonzerne, sondern auch für die Menschen gemacht werden kann – dann hat sich die Kandidatur schon gelohnt.“

Hier finden Sie die weiteren Kandidaten für den Bundestag im Porträt:

Elisabeth Löwenbourg-Brzezinski (Grüne)
Maiken Winter (ÖDP)
Martin Sielmann (FDP)
Werner Knigge (Volt)

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