David-Wolfgang Ebener/dpa
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In Handschellen kam der Täter in den Gerichtssaal und verließ ihn als freie Mann.

Aus dem Gerichtssaal

Von Reue keine Spur: Angeklagter in Missbrauchsprozess arbeitet mittlerweile in Kambodscha

Wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen wurde kürzlich ein 68-Jähriger vom Amtsgericht Weilheim zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Außerdem erhielt der Diplom-Psychologe ein dreijähriges Berufsverbot, beschränkt auf männliche Kinder und Jugendliche.

Landkreis – Der Mann wurde in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Seit fünf Wochen saß er in Untersuchungshaft, denn zur Last gelegt wurde ihm nicht nur der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen, sondern auch der von Kindern.

In der Anklage hieß es, dass der Diplom-Psychologe, der vor zwei Jahren im Landkreis Weilheim-Schongau in einer sozialen Einrichtung für Kinder und Jugendliche arbeitete, einem damals 13- oder 14- jährigen Heranwachsenden pornografische Videos gezeigt hatte und ihn auch mehrfach unsittlich berührt haben soll.

Die umstrittene Frage vor Gericht war, ob sich diese Vorfälle schon vor dem 14. Geburtstag des Jungen ereignet haben, denn dann hätte der Mann auch wegen sexuellem Missbrauch von Kindern verurteilt werden müssen.

Über seine beiden Anwälte hatte der Angeklagte im Vorfeld schon seine Taten eingeräumt, die immer bei den „Therapiestunden“ des Diplom-Psychologen stattfanden. Schon gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in der sozialen Einrichtung hatte der Mann sexuelle Themen in den Vordergrund gestellt.

Zu dem Jungen baute er eine „besondere“ Beziehung auf, bei der Pornovideos und sexuelle Übergriffe zur Tagesordnung gehörten. Aber der Mann bestritt, vor dem 14. Geburtstag des Jungen irgendwelche sexuellen Handlungen ausgeführt zu haben und zweifelsfrei konnte der genaue Zeitpunkt des Beginns der Übergriffe nicht mehr festgestellt werden.

So fiel der Anklagepunkt des sexuellen Missbrauchs von Kindern weg, da die Altersgrenze gesetzlich vorgeschrieben bei 14 Jahren liegt. „Im Grunde kommt es darauf aber nicht an“, sagte Jugendschutzrichterin Claudia von Hirschfeld.

Sie und ihre beiden Schöffen waren entsetzt, dass ein studierter Psychologe sein Vertrauensverhältnis zu einem heranwachsenden Jungen so ausgenutzt hatte. „Der Junge begann gerade erst seine Sexualität zu entdecken, sie haben sein Vertrauen schamlos ausgenutzt“, sagte von Hirschfeld bei ihrer Urteilsbegründung.

Das Geständnis des Angeklagten wertete das Gericht nur in einem Punkt zu seinen Gunsten. „Damit wurde zum Glück dem Jungen geglaubt“, sagte sie. Denn bei so einer Konstellation von einem berufserfahrenen Psychologen und einem Jungen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, hätte man die Aussagen des Opfers auch in Zweifel ziehen können, wenn der Mann seine Taten geleugnet hätte. „Aber wir vermissen bei Ihnen deutlich die Reue“, sagte von Hirschfeld.

Der Mann habe den Jungen in einen massiven Gewissenskonflikt gebracht, denn der Jugendliche hatte lange gezögert, ob er von den sexuellen Übergriffe erzählen sollte, da er wusste, dass das Konsequenzen für den eigentlich „netten“ Psychologen haben würde. „Das Gericht hätte sich mehr gewünscht, dass Sie verbalisiert hätten, was sie dem Jungen angetan haben“, sagte von Hirschfeld.

Der Angeklagte selbst hatte sich während der Verhandlung nicht zu den Vorfällen geäußert. Er war zwar schon im Vorfeld mit einem Täter-Opfer-Ausgleich einverstanden und muss auch 300 Euro zu Gunsten des Jungen bezahlen, aber Reue zeigte er zu keinem Zeitpunkt.

Eher berichtete er ausschweifend über seine langjährigen beruflichen Tätigkeiten im Ausland. Derzeit arbeitet er Kambodscha, wo er unter anderem auch junge Menschen ausbildet. Das dreijährige Berufsverbot, beschränkt auf männliche Kinder und Jugendliche, soll seine beruflichen Tätigkeiten einschränken. Der Haftbefehl wurde aufgehoben. Von Regina Wahl-Geiger

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