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Warum ein MVV-Beitritt für den Landkreis Weilheim-Schongau sinnvoll wäre

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Von: Sebastian Tauchnitz, Veronika Ahn-Tauchnitz

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S-Bahn München
Symbolbild © dpa / Sven Hoppe

Billigere Tickets, einheitliche Tarife, mehr Linien, die häufiger verkehren: Die Mitgliedschaft im Münchner Verkehrsverbund (MVV) ist nicht billig, wäre aber für die Bürger eine echte Verbesserung. Dennoch sträubt sich der Landkreis Weilheim-Schongau, dem Verbund beizutreten.

Landkreis – Die „Verkehrswende“ ist in aller Munde. Will meinen: Die Leute sollen ihr Auto stehen lassen und lieber mit Bussen und Bahnen fahren. Der Umwelt zuliebe, aber auch, um die vollkommen verstopften Straßen, Parkplätze und Innenstädte zu entlasten.

Damit das eintritt, braucht es aber auch einen ÖPNV, der sich am Bedarf der Landkreisbürger orientiert. Und daran hapert es im Landkreis Weilheim-Schongau. Sicher, die Zuganbindung in Richtung München ist gut: Im Schnitt jede halbe Stunde fährt ein Zug vom Hauptbahnhof in Weilheim aus in Richtung Landeshauptstadt.

Aber die Zugfahrt ist eine teure Angelegenheit. Und so setzen sich viele Pendler aus dem Raum Weilheim morgens zunächst ins Auto und fahren bis nach Tutzing. Von dort aus können sie dann mit der S-Bahn mit dem deutlich günstigeren MVV-Tarif zur Arbeit nach München fahren.

Den Tutzingern schmeckt das freilich gar nicht. Sie überlegen bereits seit längerem, Parkgebühren am Bahnhof zu erheben, um den Zustrom der Weilheimer Pendler zu begrenzen.

Wenig besser sieht die Lage bei den Buslinien im Landkreis Weilheim-Schongau aus. Hier betreibt der Regionalverkehr Oberbayern die Buslinien größtenteils eigenwirtschaftlich. Das bedeutet, er bietet Buslinien vor allem dort an, wo davon auszugehen ist, dass sie gut angenommen werden. Und kalkuliert die Fahrpreise so, dass sie kostendeckend sind. Das bedeutet allerdings auch, dass ein wirklich flächendeckendes Busnetz mit attraktiven Fahrpreisen, das die Menschen dazu motivieren würde, das Auto stehen zu lassen und den Bus zu nehmen, kaum vorhanden ist.

Landkreis spart ohne MVV viel Geld, die Fahrgäste zahlen aber deutlich mehr

Für den Landkreis ist das – zumindest finanziell – ein attraktiver Zustand. Denn der Zuschussbedarf für den ÖPNV hält sich in Grenzen. Doch die vielzitierte Verkehrswende rückt dadurch in weite Ferne.

Was auch daran liegt, dass sich, wer den ÖPNV nutzen möchte, durch ein wahres Tarifdickicht kämpfen muss: Um von einem Dorf im Landkreis Weilheim-Schongau beispielsweise zum Konzert in die Münchner Olympiahalle zu kommen, braucht man unter Umständen gleich drei verschiedene Tickets: eines für den Bus nach Weilheim, eines für die Zugfahrt in die Landeshauptstadt und ein MVV-Ticket für die U-Bahn in München.

Ein wirklicher Beitrag zur Attraktivitätssteigerung des ÖPNV wäre eine Mitgliedschaft im MVV. Jahrelang wehrten sich die bisherigen MVV-Mitgliedskommunen mit Händen und Füßen dagegen, dass weitere Landkreise dazu kommen. Denn die Tarife im MVV, zu dem beispielsweise auch der Landkreis Starnberg gehört, sind auch deswegen so günstig, weil die Überschüsse, die durch die hochprofitablen Linien in München entstehen, in den ländlichen Regionen Verluste zumindest teilweise ausgleichen.

Mittlerweile hat allerdings bei der Landesregierung ein Umdenken eingesetzt. Um die Verkehrsprobleme im Großraum München überhaupt in den Griff zu bekommen, soll der ÖPNV stark ausgebaut werden. Und die umliegenden Landkreise werden mit einer Mitgliedschaft im MVV gelockt. Selbst von Zuschüssen und Fördermitteln ist die Rede.

Umliegende Landkreise wollen die Chance nutzen

Einige Landkreise sind mittlerweile gewillt, dem Lockruf des MVV zu folgen. Der südliche Teil des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen beispielsweise. Der Norden (also der ehemalige Kreis Wolfratshausen) ist schon seit Jahrzehnten Mitglied im MVV, der Süden will nun nachziehen.

Um ein Tarifwirrwarr auf den Linien, die durch die Landkreise Weilheim-Schongau und Miesbach verlaufen, zu vermeiden, macht sich der Tölzer Landrat Josef Niedermaier (FW) dafür stark, dass besagte Landkreise auch dem MVV beitreten. Bei seinem Miesbacher Kollegen Wolfgang Rzehak (Grüne) stößt er dabei auf großes Interesse. Beide Landkreise gaben mittlerweile eine „klare Absichtserklärung für einen 100-prozentigen Beitritt zum MVV“ ab. Begründung: Die Mitgliedschaft im MVV könne helfen, den ÖPNV attraktiver zu machen.

Denn es seien weniger die Ticketpreise, sondern vielmehr das komplizierte Tarif- und Fahrplansystem, das viele Menschen abhalten würde, auf Bus und Bahn umzusteigen, glaubt Rzehak.

Andrea Jochner-Weiß (CSU), Landrätin des Landkreises Weilheim-Schongau, sieht derweil keinen akuten Handlungsbedarf in Sachen MVV-Beitritt. „Mein Kollege Niedermaier aus Bad Tölz fragt uns immer mal wieder“, räumt sie ein. Aber vom MVV sei bislang noch niemand bei ihr vorstellig geworden und habe ein konkretes Angebot unterbreitet. Und selbst dann gebe es ihrer Ansicht nach kaum Gründe, die für einen schnellen MVV-Beitritt sprechen würden. „Weilheim ist heute schon im Halbstundentakt per Regionalbahn nach München angebunden“, so Jochner-Weiß.

Landrätin hat viele Zweifel

Daran würde sich auf absehbare Zeit auch nach einem MVV-Beitritt nichts ändern, weil ein zweigleisiger Ausbau der Bahn-Strecke von München über Starnberg und Tutzing nach Weilheim momentan nicht geplant sei. Insofern sei es auch nicht möglich, die S 6 bis nach Weilheim zu verlängern.

Sicher würden „brutal viele Leute“ aus dem Raum Weilheim nach München pendeln und nach einem MVV-Beitritt deutlich weniger bezahlen; „aber bevor wir dem Verkehrsverbund beitreten, müssen wir uns zunächst Gedanken darüber machen, wie wir den ÖPNV im Landkreis in Zukunft organisieren wollen, welche Buslinien wir wirklich brauchen, ob die derzeitigen Linien noch zeitgemäß sind“.

Was an zusätzlichen Linien gebraucht werde, könne der Landkreis auch jetzt schon beim RVO bestellen und dafür das entstehende Defizit bezahlen. Ein Bedarf an weiteren Linien sei auf alle Fälle vorhanden: „Nach München kommt man schnell, aber bei der Strecke von Schongau nach Penzberg sieht es da schon ganz anders aus.“

Auch die vieldiskutierte Förderung eines MVV-Beitritts durch den Freistaat sieht Jochner-Weiß kritisch: „Da fließt Geld als Anschubfinanzierung für zwei, drei Jahre. Und am Ende bleiben wir auf den – deutlich höheren – Zuschüssen für den MVV sitzen.“

Zwischenzeitlich haben die Tölzer allerdings den Druck noch einmal erhöht. Der Infrastruktur- und der Kreisausschuss im Nachbarlandkreis beauftragten in dieser Woche Landrat Josef Niedermaier offiziell, die Erweiterung des MVV-Beitritts voranzutreiben. In der Debatte meldeten sich auch Parteifreunde von Andrea Jochner-Weiß zu Wort. So forderte der Tölzer Vize-Landrat Thomas Holz (CSU), der Landkreis Weilheim-Schongau müsse begreifen „dass wir im Oberland alle in einem Boot sitzen“.

Im Rahmen der Sitzung wurde auch erklärt, dass Weilheims Landrätin Andrea Jochner-Weiß mittlerweile zugesagt habe, an einem Treffen aller potenziellen MVV-Erweiterungskandidaten teilzunehmen. Anhören kann man es sich ja mal.

Kommentar: Verkehrswende gibt es nicht zum Nulltarif

Von Sebastian Tauchnitz

So wird das nichts. Auf der einen Seite formiert sich massiver Widerstand gegen den Bau zusätzlicher Ortsumgehungen und weitere Flächenversiegelungen, die nur zum Ziel haben, Platz für den immer mehr zunehmenden Autoverkehr im Landkreis zu schaffen. Auf der anderen Seite sind wir offensichtlich nicht bereit, den ÖPNV so auszubauen, dass er eine wirkliche Alternative zur Fahrt mit dem Auto darstellt.

 Man kann davon ausgehen, dass sich nur die wenigsten jeden Morgen freudestrahlend ans Steuer setzen und im Stau anstellen, um zur Arbeit zu kommen. Wenn man die Möglichkeit hat, schnell, zuverlässig, bequem und zu bezahlbaren Preisen mit Bus und Bahn zu fahren, dann würden sie auch die meisten nutzen. 

Die Argumentation nach dem Henne-Ei-Prinzip – „Wir müssen den ÖPNV nicht ausbauen, fährt ohnehin niemand damit“ – verbietet sich in dieser Frage. Denn erst muss das Angebot da sein, dann muss man Geduld haben und warten, bis es sich herumgesprochen hat. Dann wird sich zeigen, dass immer mehr Menschen freiwillig das Auto stehen lassen und mit dem öffentlichen Personennahverkehr fahren. Ein einfaches „weiter so, die haben doch sowieso alle Autos“ kann die Lösung nicht sein.

 Daher sollte sich der Kreistag des Landkreises Weilheim-Schongau auch ernsthaft mit der Frage eines MVV-Beitritts befassen. Den gibt es nicht zum Nulltarif, so viel ist klar. Dass gerade im Landkreis Weilheim-Schongau, der finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, eine mögliche Mehrausgabe in erheblichem Umfang keine Begeisterungsstürme auslöst, ist zu erwarten. Aber wenn wir es wirklich schaffen wollen, die Menschen aus dem Auto in Busse und Bahnen zu bringen, wäre es eine lohnende Alternative.

Nur so – und nicht mit Dieselfahrverboten und weiterer Gängelei der Pendler – ist die dringend notwendige Verkehrswende im Oberland am Ende zu schaffen. Und dadurch vielleicht so mancher Straßenneubau verzichtbar.

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