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„Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage“: Pfarrer Corvin Wellner, Betriebsseelsorger Andreas Kohl und KAB- Sekretärin Petra Reiter (v.l.) von der „Allianz für den freien Sonntag“.

Sonntag wird mehr und mehr zum Arbeitstag 

Erholung statt Stress-Tag: „Allianz für den freien Sonntag“ kämpft gegen Sonntagsarbeit

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Der arbeitsfreie Sonntag ist wichtiger denn je, aber auch so gefährdet wie nie. Diese Diagnose stellt die regionale „Allianz für den freien Sonntag“. Sie will die Augen für den Wert eines gemeinsamen freien Tages öffnen – und kämpft dafür, dass im Landkreis nicht weiter gegen rechtliche Vorgaben verstoßen wird.

Weilheim – August ist für viele Ferienzeit. Doch Erholung ist damit nicht garantiert, wie Petra Reiter aus aktuellen Studien weiß. Zu „überarbeitet“ würden viele in den Urlaub starten, als dass sich rasch Entspannung einstellen könnte. Deshalb rät die Referentin des KAB-Kreisverbandes (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung) zu „Urlaub zwischen den Urlauben“ – und meint damit die 52 Sonntage im Jahr. Jeder einzelne Sonntag, so Reiter, könne und sollte gepflegt werden wie ein Urlaub: als wirklich freie Zeit.

Auch laut Grundgesetz hat der Sonntag grundsätzlich arbeitsfrei zu sein. Doch der gemeinsame freie Sonntag ist in höchster Gefahr: Elf Millionen Erwerbstätige in Deutschland müssen bereits immer wieder sonntags arbeiten, berichtet der Weilheimer Betriebsseelsorger Andreas Kohl. Tendenz: steigend. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat kürzlich angekündigt, die Vorgaben für verkaufsoffene Sonntage zu lockern. Sonntagsarbeit würde damit weiter zunehmen.

Zuschläge für Sonntagsarbeit könnten sinken

Im Einzelhandel wären davon auch viele Frauen betroffen, die den Sonntag dringend als Familientag bräuchten, sagt Manuela Karn, die bei der Gewerkschaft „Verdi“ im Raum Allgäu-Oberland den Bereich „Handel“ betreut. Und wer Sonntagsarbeit wegen der Verdienstzuschläge für attraktiv hält, müsse wissen: Die Zuschläge würden bald drastisch sinken, wenn der Sonntag mehr und mehr zum Arbeitstag wird.

Die „Allianz für den freien Sonntag“ im Raum Weilheim-Oberland, ein Bündnis kirchlicher und gewerkschaftlicher Gruppen, will „den Wert eines gemeinsamen arbeitsfreien Tages wieder mehr ins Bewusstsein bringen“ – auch mit kreativen Aktionen. Läden in Weilheims Oberer Stadt, die an Marktsonntagen nicht öffnen, unterstützt man zum Beispiel mit Plakaten, die im Schaufenster auf den Sinn der Sonntagsruhe hinweisen. Beim letztjährigen Andreasmarkt übten Mitglieder des Bündnisses stillen Protest: „Sonntags kommt uns nix in die Tüte!“, stand auf den (leeren) Taschen, die sie durch die Innenstadt trugen. Der evangelische Pfarrer Corvin Wellner, einer der Aktiven, ist sich sicher: „Gemeinschaften brauchen einen gemeinsamen Tag der Ruhe.“

Verkaufsoffene Sonntage besonders im Blick

Die verkaufsoffenen Sonntage, wie sie etwa in Weilheim praktiziert werden, hat die „Sonntagsallianz“ besonders im Blick. In Briefen mahnte sie beim Landkreis und den großen Kommunen an, die dafür geltenden rechtlichen Vorgaben zu beachten. Denn das Bundesverwaltungsgericht habe 2015 klargestellt, dass an Marktsonntagen beispielsweise nur Geschäfte öffnen dürfen, die direkt im Umfeld des Marktes liegen – was in Weilheim „über viele Jahre nicht beachtet wurde“, so Betriebsseelsorger Kohl.

Als Reaktion will die Stadt Weilheim Sonntagsöffnungen nun auf einen Zentrumsbereich beschränken. Der Hauptausschuss hat im Mai bereits zugestimmt, doch entscheiden muss der Stadtrat. Und von dessen Tagesordnung war das Thema in der darauffolgenden Sitzung wieder gestrichen worden. Seitdem „hängt das Ganze in der Luft“, moniert die „Sonntagsallianz“ – und hofft auf baldige Klärung. Notfalls werde man auch Gerichte einschalten, sagt Verdi-Vertreterin Karn. Doch „im Interesse des Sonntagsschutzes für die betroffenen Arbeitnehmer, die beteiligten Händler und unsere Gesellschaft“ sollten solche Auseinandersetzungen gar nicht erst nötig sein.

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Druck der Wirtschaft ist groß 

Das gewerkschaftlich-kirchliche Bündnis weiß, dass der Druck der Wirtschaft in dieser Sache groß ist. Und es will sich nicht als „Querulant“ oder „Spaßverderber“ abstempeln lassen. „Es geht uns nicht darum, die Innenstadt kaputt zu machen“, betont KAB-Referentin Reiter: „Aber Geschäfte überleben nicht, weil sie viermal im Jahr sonntags aufmachen dürfen, sondern sie leiden darunter, dass die Leute rund um die Uhr im Internet einkaufen.“ Und Lockerungen beim Sonntagsschutz würden den Verdrängungswettbewerb zwischen Online- und Einzelhandel, Stadt und Land, kleinen und großen Läden noch verschärfen – „zu Lasten der Kleinen“, so Kohl. Innenstädte würden in der Folge eher noch mehr veröden.

Bei all dem, meint das Bündnis, sei auch jeder Einzelne gefragt: „Muss ich wirklich sonntags einkaufen?“ Statt auch noch diesen Tag dem Konsum und der Rentabilität zu opfern, gelte es den Sonntag als Zeit für eigene Bedürfnisse, für Regeneration, für Familie und Freunde wiederzuentdecken – und zu erkennen: „Ohne Sonntag gibt’s nur noch Werktage.“

mr

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