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„Pauschalisierung ist auch unwissenschaftlich“

Apothekerin schmeißt Homöopathie aus Sortiment: Jetzt reagieren ihre Kollegen - und die Homöopathen

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Die Entscheidung der Weilheimer Apothekerin Iris Hundertmark, künftig keine homöopathischen Mittel mehr anzubieten, sorgt derzeit für Schlagzeilen und erbitterte Diskussionen - und zwar in alle Richtungen.

Weilheim/Landkreis - Dr. Wolfgang Kircher, Sprecher der Apotheker im Landkreis und Pharmazierat bei der Regierung von Oberbayern, ist ein Mann der leisen Worte. Und doch oder vielleicht auch gerade deswegen ist es an ihm, den Unmut seiner Kollegen zu kommunizieren. „Viele Kollegen haben mich angerufen“, sagt er im Gespräch mit dem Weilheimer Tagblatt. In den Tagen nach der Ankündigung der Weilheimer Apothekerin Iris Hundertmark, künftig im Verkaufsraum keine homöopathischen Mittel mehr anzubieten, haben viele andere Apotheker aus der Region ihren Unmut deutlich kommuniziert. „Was uns stört, ist die Absolutheit der Argumentation von Kollegin Hundertmark“, sagt Kircher. 

Was die Apotheken-Rebellin sagt, sei eine „Pauschalisierung“

Die Apotheken-Rebellin hatte gesagt, dass es „keinen wissenschaftlichen Beleg für die Wirksamkeit von Homöopathika“ gebe und sie es mit ihrer Ausbildung als Pharmazeutin nicht vereinbaren können, diese Mittel einfach unkommentiert an die Patienten abzugeben. Alles andere wäre „unwissenschaftlich“. 

Dr. Wolfgang Kirchner, Sprecher der Apotheker im Landkreis und Pharmazierat bei der Regierung von Oberbayern.

„Das ist eine Pauschalisierung. Und Pauschalisierungen sind ebenfalls unwissenschaftlich“, sagt Kircher. Es gebe durchaus homöopathische Präparate, „die von der Bundesoberbehörde als Arzneimittel zugelassen worden sind. Und eine solche Zulassung gibt es nur, wenn die Wirksamkeit mit klinischen Studien belegt wurde“, so der Sprecher der Landkreis-Apotheker. Als Beispiel führt er „Aconitum“ an – Eisenkraut. „Das ist ein extrem inhaltsvoller Wirkstoff, der – verdünnt angewandt – nachweislich neurologische Wirkungen hat.“ Auch „Belladonna“, die Tollkirsche, habe einen solchen Effekt. 

Es komme gerade bei homöopathischen Mitteln natürlich darauf an, wie stark der Wirkstoff verdünnt (in der Fachsprache „dynamisiert“) wird. Bei „D3“ lasse sich eine Wirkung durchaus nachweisen, sagt Dr. Kircher, bei „D30“ verlieren sich indes die Wirkstoffe in einer riesigen Menge Wasser. „Einige Präparate sind daher durchaus diskussionswürdig. Aber es die Aufgabe eines verantwortungsvollen Apothekers, zwischen den verschiedenen homöopathischen Mitteln zu differenzieren und den Kunden darüber aufzuklären“, so der Sprecher der Landkreis-Apotheker. 

In der Kinderheilkunde habe die Homöopathie ihre Daseinsberechtigung

Insgesamt vertritt er rund 30 Apotheken in den Altlandkreisen Weilheim und Schongau. Im Bereich der Kinderheilkunde hätten homöopathische Mittel durchaus ihre Daseinsberechtigung, selbst namhafte Fachkliniken in der Region hätten derartige Präparate auf ihrer Arzneimittelliste. „Es muss nicht immer gleich der pharmakologische Hammer sein“, so Kircher. 

Dem widerspricht der Sprecher der Ärzte im Landkreis, Dr. Karl Breu. Er hatte bereits Anfang der Woche seine volle Zustimmung zur Herangehensweise der Weilheimer Apothekerin Iris Hundertmark erklärt. „Die einzige Reaktion, die ich bislang auf meine Aussagen bekommen habe, war ein Glückwunschschreiben aus München, weil in dem Artikel differenziert zwischen Naturheilkunde und Homöopathie unterschieden wurde“, sagt Breu. 

Nicht nur deswegen bleibe er bei seinen Aussagen, die er im Gespräch mit der Heimatzeitung getätigt habe: „Wenn der Vorsitzende des zuständigen Bundesausschusses sagt, dass Homöopathie keine wissenschaftlich bewiesene Wirkung hat, braucht man als Laie nicht weiter zu diskutieren“, so der Ärztesprecher. Die Entscheidung von Apothekerin Iris Hundermark sei „ein Highlight für unseren Landkreis, weil sie sehr mutig ist“. Ansonsten habe er „eine wissenschaftliche Meinung vertreten, die auch belegbar ist“, so Dr. Karl Breu weiter.

Das sagen Homöopathen aus der Region - Leserbriefe:

„Ehrlichkeit ist ein hohes Gut, das unser aller Respekt verdient. Aber um ganz ehrlich zu sein, müssten Frau Apothekerin Hundertmark und ihre Helferinnen nicht zugeben, dass sie weder eine Ausbildung noch Erfahrung in der homöopathischen Heilkunde haben? Mahatma Gandhi sagte über die Homöopathie sie sei „… die modernste und durchdachteste Methode, um Kranke ökonomisch und gewaltfrei zu behandeln … in der es keine Begrenzung gibt, um das menschliche Leben zu retten“. Zugegeben, es ist wahrscheinlich zu viel verlangt, am Ladentisch eine homöopathische Anamnese zu machen (Dauer ca. zwei Stunden), um die körperliche und seelisch-geistige Situation eines Patienten zu erfassen, seine Lebensgeschichte und seine sozialen und privaten Verhältnisse kennenzulernen. Dafür gibt es ja ausgebildete und in Praxis und Theorie erfahrene Homöopathen, die nach sorgfältiger Anamnese das passende Heilmittel auswählen. Bei den potenzierten Arzneien handelt es sich übrigens nicht um Milchzucker, sondern um hochwirksame Medikamente in höchsten Verdünnungen, deren Wirksamkeit längst in Laborversuchen bestätigt ist. Hahnemanns geniale Erfindung bestand ja gerade darin, durch „Potenzierung“ die Giftigkeit einer Arznei zu minimieren und gleichzeitig die Arzneikraft zu optimieren. Zur Ehrlichkeit, das würde ich mir zumindest wünschen, gehört auch die Anerkennung der neuesten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Eine seit 200 Jahren bei Mensch und Tier bewährte und begeisternde Heilmethode hat meiner Meinung nach mehr Respekt verdient, ehrlich gesagt.“ 

Dr. Werner Burgmayer Arzt für Allgemeinmedizin und Homöopathie Peißenberg

„Gegen die Homöopathie wurde schon zu Lebzeiten Hahnemanns, dem Entdecker der Homöopathie, vor über 200 Jahren gewettert. Seit meiner Niederlassung als homöopathischer Arzt vor 30 Jahren habe ich großteils mit Erheiterung die wiederholten Kampagnen gelesen, die die Homöopathie als nicht wissenschaftliche Therapieform bezeichnet, die nicht wirken könne. Neu ist die These, dass der Zucker in homöopathischen Globuli bei kleinen Kindern die eigentliche Wirkung habe. Dann gebt doch euren kranken Kindern stark zuckerhaltige Getränke oder einen Löffel Zucker, müsste genauso wirken! Tut es das? Auch studierte Apotheker und Ärzte können nicht alles wissen und wiederholen gebetsmühlenhaft immer wieder die nachweislich falschen Argumente, die aus der Homöopathie eine nicht wirksame Therapie machen. Dabei gibt es Riesenstudien – z. B. mit fast 4000 Patienten unter der Leitung der Berliner Uniklinik „Charité“ –, die eine deutliche Wirkung der Homöopathie nachweisen. Oder Metaanalysen über Homöopathie – hier werden viele gut dokumentierte Studien zusammengefasst –, die eine deutlich erhöhte Wirksamkeit gegenüber Placebos beweisen. Oder Untersuchungen mit homöopathischen Mitteln an Pflanzen. Wie kann man da einen Placeboeffekt vermuten? Wenn dann eine Weilheimer Apothekerin vorwiegend wissenschaftlich überprüfte Medikamente abgeben will, muss sie auch so ehrlich sein, zuzugeben, dass einige bewährte Medikamente der konventionellen Medizin noch auf ihren evidenzbasierten Nachweis warten. Seit über 200 Jahren gibt es jetzt die Homöopathie, sie ist in der Bevölkerung mehr denn je anerkannt. Wenn sie nur einen Placeboeffekt als Wirksamkeit hätte, wäre sie längst nicht mehr existent.“

Dr. med. Robert Ködel Allgemeinarzt - Homöopathie Weilheim

„Die wissenschaftliche Belegbarkeit der Homöopathie ist in der Tat umstritten, allerdings wird oft übersehen, dass die Verfahren zur Erhebung von Studien gerade bei diesem Behandlungsverfahren nicht greifen können. Ein Beispiel: In einem Versuch wird einer Gruppe von Leuten, die eine Erkältung haben, Rhus tox (ein homöopathisches Mittel) gegeben. Danach wird aufgezeichnet, wie vielen es besser geht. In der Regel ist das eine Menge, die nicht signifikant ist. Dabei wird aber das, was die Homöopathie ausmacht, nicht beachtet. Denn man gibt in der klassischen Vorgehensweise jedem Patienten ein individuelles Mittel, nachdem man ihn befragt und untersucht hat. Heißt: Der eine bekommt tatsächlich Rhus tox, der andere eher Bryonia oder Sepia, je nach dem individuellen Symptombild. Dieser Umstand wird in klinischen Studien zur Homöopathie bis jetzt nicht beachtet. Die absolute Wissenschaftshörigkeit ist auch nicht die beste Lösung. Naturwissenschaft verändert sich, und die Ergebnisse von heute können die Irrtümer von morgen sein. Mit der heutigen Einstellung der Naturwissenschaften würde man keine Schwarzen Löcher oder Dunkle Materie mehr entdecken. Das heißt nicht, dass man unkritisch sein soll, aber der Dialog sollte auf Augenhöhe gesucht und geführt werden. Übrigens ist es noch kaum jemanden aufgefallen, dass beide Medizinkonzepte und Ansichten auch friedlich nebeneinander existieren könnten. Man muss nur die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des jeweiligen Verfahrens sehr gut kennen. Ein perforierter Blinddarm gehört in die Hände der Notfallmedizin, während z.B. chronische Erkrankungen durchaus mit naturheilkundlichen oder homöopathischen Mitteln angegangen werden können.“

Matthias Riemerschmid Heilpraktiker Penzberg

„Ihre „Ehrlichkeit“ ist wirklich ganz umwerfend. Im Umkehrschluss bedeutet Ihre „Ehrlichkeit“ bezüglich der homöopathischen Mittel, dass alle die Apotheker (mit Hochschulstudium und Staatsexamen), die seit Jahrzehnten beste Erfahrungen mit den sanften Mittel gemacht haben und dieses Wissen an die Patienten erfolgreich weitergeben, unehrlich sind. „Qui sanat est“ – „wer heilt, hat recht“. Man mag darüber streiten ob dieser Satz Hippokrates, Paracelsus oder Hahnemann zuzuordnen ist. Unstrittig ist das Behandlungsergebnis, die Besserung und die selten auftretenden Nebenwirkungen der homöopathischen Mittel. Wirkliche Behandlungserfolge erzielt man natürlich nur mit fundierter Ausbildung und langjähriger Erfahrung im Bereich der Naturheilkunde. Untrennbar damit verbunden ist das Verantwortungsbewusstsein dafür, ab wann die Zuständigkeit der Schulmedizin beginnt.“

Marianne Porsche-Rohrer Apothekerin und Heilpraktikerin Schongau

set

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