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Wo beispielsweise sehbehinderte Menschen in Weilheim auf Hürden stoßen, überprüfte im Vorfeld des Konzepts Susann Enders (l.) mit Rainer Bauer (h.). 

Planung für die nächsten Jahre

Weilheim: Barrieren abbauen – in der Stadt und im Kopf

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Aufbruchstimmung in Sachen „Barrierefreiheit“: Weilheims Stadtrat zeigte sich angetan, die Innenstadt in den nächsten Jahren so barrierefrei wie möglich zu gestalten.

Weilheim – Wenn ein Mensch mit Seh- oder Gehbehinderung per Zug in Weilheim ankommt, ist erst mal vieles gut: Der Bahnhof selbst ist mittlerweile barrierefrei. Aber schon die ersten Meter Richtung Innenstadt sind problematisch: Da stehen Fahrräder im Weg, parken Autos über den Gehweg rückwärts aus, fehlen Querungshilfen über die Straße...

Barrierefreiheit, so erklärte in der Stadtratssitzung am Donnerstag der Regional- und Stadtplaner Andreas Raab, bedeute, „dass jeder Mensch alle Bereiche seines Lebensumfeldes selbständig, unabhängig und weitgehend ohne fremde Hilfe benutzen kann“. Und da ist in Weilheim einiges zu tun, weshalb die Stadt auf Antrag der FW-Fraktion vor knapp einem Jahr das Münchner Büro „Raab + Kurz“ beauftragt hat, einen Maßnahmenplan für die „Umgestaltung der Kernstadt zu einer barrierefreien Gemeinde“ auszuarbeiten.

„In Weilheim ist vieles viel besser als in Starnberg“

Im Stadtrat stellten die Planer das Konzept jetzt vor. Zwar zeigt bereits ihre erste Bestandsaufnahme allerlei Problemstellen in der Innenstadt auf. Doch das Büro, das auch schon für die Stadt Starnberg ein solches Konzept entwickelt hat, stellte zugleich fest: „Von der Ausgangssituation her ist in Weilheim vieles viel besser als in Starnberg.“ Man spüre Sensibilität für das Thema; beispielsweise seien auffällig viele Eingangsbereiche von Geschäften bereits barrierefrei.

Wichtig sei all das nicht nur für Menschen, die dauerhaft in ihrer Bewegungsfähigkeit, im Sehen, Hören oder Verstehen eingeschränkt sind, wie Raab betonte. Es gehe auch um alle, die mit Kinderwagen unterwegs sind oder vorübergehend Einschränkungen haben, und um die zunehmende Zahl älterer Menschen. Barrierefreiheit diene allen – und sei mitunter die Voraussetzung, „dass Menschen einen Anreiz haben, ihre eigenen vier Wände zu verlassen“.

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Das sind die Schwerpunkte in Weilheim

Schwerpunkt der Maßnahmen in Weilheim sollen der Ortskern und einige wichtige „Wegeketten“ vom und ins Zentrum sein, etwa die Anbindung des Bahnhofs, der Oberen Stadt, der Schulen, der Stadthalle und des Friedhofs samt nahem Einkaufsmarkt. Ergänzend könnte laut Planer „die ÖPNV-Vernetzung der Kernstadt mit den Ortsteilen“ und die Anbindung der Naherholungsgebiete in den Blick genommen werden. Der Fahrplan dafür: Am 29. April gibt’s eine erste Werkstatt mit Betroffenen, Verbänden, Stadtbauamt und Vertretern aller Stadtratsfraktionen. Ende Juni soll ein Grobkonzept stehen, bei weiteren Werkstatt-Treffen im Juli und September will man Maßnahmen konkretisieren und Prioritäten setzen.

Eine Priorität könnten und sollten laut Pauline Kurz-Müller vom Planungsbüro die Querungshilfen über Straßen sein. „An den Querungen“, so ergab ihre erste Bestandsaufnahme mit Begehungen und detaillierten Messungen in Weilheim, „mangelt’s praktisch überall, da besteht dringender Verbesserungsbedarf“. Teils fehlten sie um die Altstadt herum schlichtweg, teils seien sie zu klein.

Auch Stadtbus-Haltestellen begutachteten die Planer. Dort fehlten die Namen der Haltestellen, der Fahrplan sei meist unlesbar, es sollte überdachte Wartebereiche und mehr Bewegungsfreiheit geben. „Andererseits“, so Kurz-Müller im Stadtrat: „Sie haben ein sehr enges Bussystem, und es scheint ja auch zu funktionieren – da können viele andere Städte gar nicht mithalten.“ Bei öffentlichen Gebäuden sei es um die Barrierefreiheit sehr unterschiedlich bestellt: eher mäßig bis schlecht beispielsweise beim Landratsamt an der Pütrichstraße, wohingegen etwa der sanierte Eingang des Weilheimer Rathauses „ideal“ sei.

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Viel Lob aus dem Stadtrat

Im Stadtrat gab es viel Lob für das Konzept. Praktisch alle, die sich zu Wort meldeten, teilten die Auffassung der Planer, dass vor allem ein Perspektivwechsel nötig sei. „Wir müssen das eigentlich bei jeder Entscheidung im Kopf haben“, sagte Alexandra Bertl (CSU). Auch Privatleute seien gefragt, betonte Ingo Remesch (SPD): Gaststätten, Praxen oder Banken sollten barrierefrei werden; es sei schade, dass „manche schöne Einrichtung in Weilheim“ für Menschen mit Behinderung kaum nutzbar sei. In diesem Sinne forderte Susann Enders (FW), die Behindertenbeauftragte des Stadtrates, es müssten „Barrieren in den Köpfen abgebaut werden“.

Grünen-Sprecher Alfred Honisch fand „klasse“, was präsentiert wurde: „Wir Grüne sind uneingeschränkt für Ihr Konzept.“ Und BfW-Fraktionsvorsitzende Brigitte Holeczek betonte, es gehe „nicht nur um Schwellenlosigkeit, sondern um Teilhabe – dazu könne „jeder von uns etwas beitragen, indem er sensibel wird“. Stadtbaumeisterin Andrea Roppelt bestätigte, bei ihr hätte schon die Bestandsaufnahme „die Sinne geschärft: Man schaut anders hin.“ Zwar sei man mit der Arbeit in Sachen „Barrierefreiheit“ nie fertig, sagte Planer Otto Kurz. Doch er ermutigte Stadtrat und Stadtverwaltung zugleich: „Wir sind dann wieder weg, und Sie machen die Dinge automatisch richtig.“

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mr

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