Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Kölner Polizei.
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Nahe Weilheim haben schwer bewaffnete Polizisten wie die des auf dem Bild zu sehenden Kölner SEK ein Wohnhaus gestürmt.

Aktion wird jetzt von LKA untersucht

„Plötzlich ist die Hölle losgebrochen“: Polizisten stürmen Wohnung von unschuldiger Frau - Einsatz galt Nachbar

  • Boris Forstner
    vonBoris Forstner
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Kürzlich stürmten schwerbewaffnete Polizisten ein Mehrfamilienhaus bei Weilheim. Die Aktion galt einem 18-Jährigen, der dort wohnt. Doch die Polizei drang auch in andere Wohnungen ein.

  • Wegen des Verdachts auf den Besitz von Kinderpornografie durchsuchte die Polizei ein Anwesen im Landkreis Weilheim-Schongau.
  • Dabei wurden allerdings auch die Wohnungen der vier Mieter in dem Haus durchsucht, die nichts mit den Vorwürfen zu tun hatten.
  • Die internen Ermittler des Landeskriminalamtes untersuchen jetzt den Einsatz.

Landkreis – Ein Scheppern weckte eine 42-Jährige am frühen Morgen um kurz nach 6.30 Uhr aus dem Schlaf. „Ich bin aufgestanden, um zu schauen, was los ist, als plötzlich die Hölle losgebrochen ist“, schilder die Frau die für sie traumatischen Ereignisse. Das Scheppern war nämlich das Aufbrechen ihrer Wohnungstür, sie stand plötzlich schlaftrunken vier bewaffneten Polizisten mit Helmen gegenüber.

Polizei bricht Wohnung von Unschuldiger auf und fordern sie auf, sich hinzulegen

„Das sah furchterregend aus, ich habe mich wie eine Schwerverbrecherin gefühlt“, sagt die 42-Jährige. Sie solle sich hinlegen, habe es nur geheißen, „und ständig bin ich gefragt worden, ob ich hier wohne. Ich habe gesagt, dass ich nur Mieterin bin“, sagt sie. Angeblich hätte dort jemand anderes wohnen sollen, „aber ich lebe schon seit zwei Jahren in dieser Wohnung“, sagt die Frau.

Ziel des Einsatzes war jemand anderes, nämlich ein 18-Jähriger. „Es ging um den Verdacht der Kinderpornografie, dazu kamen weitere Vorwürfe mit schwerwiegenden Delikten“, sagt Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd, über den Hintergrund der Hausdurchsuchung.

18-jähriger Verdächtiger nach Hausdurchsuchung: „Verfahren ist längst eingestellt“

Eine ernste Angelegenheit, doch der 18-Jährige stellt das im Gespräch mit dem Weilheimer Tagblatt anders dar. Er seit zwei Wochen vor dem Vorfall vom Amtsgericht München wegen einer Drogen-Geschichte zu einer Geldstrafe verurteilt worden, berichtet der 18-Jährige freimütig. „Dabei habe ich auch mein Handy zurückbekommen, das zuvor einkassiert worden war.“ Und darauf sei ein zwei Jahre altes WhatsApp-Video aus einer großen Chatgruppe, das zwei Personen beim Sex zeige – die Frau angeblich minderjährig. „Mein Sohn hatte damit nichts zu tun, das Verfahren ist eigentlich auch schon im Mai eingestellt worden“, sagt der Vater. „Und jetzt kommt da plötzlich ein Riesen-Einsatzkommando mit zehn, zwölf Mann daher“, wundert sich der Vater.

Ob die Angaben der Familie stimmen, kann nicht nachgeprüft werden – die Polizei wollte sich zu den genauen Vorwürfen und Sachverhalten nicht äußern, die Staatsanwaltschaft verwies ebenfalls auf die Polizei. Es bleibt also unklar, auf was sich der Verdacht der Kinderpornografie genau bezieht und was die weiteren schwerwiegenden Vorwürfe sind. Sprecher Sonntag sagte aber, dass es sich um kein Sonder-Einsatzkommando gehandelt habe, sondern Polizisten der Weilheimer Dienststelle.

Nach Polizei-Aktion: Schreiner hat provisorisch eine Ersatztür eingesetzt

Ebenso rätselhaft bleibt, warum sich die Hausdurchsuchung nicht auf die Wohnung der beschuldigten 18-Jährigen konzentriert hat, der in einem abgetrennten Bereich der väterlichen Wohnung lebt. „Die Polizei war auch in allen anderen vier Wohnungen“, sagt der Vater, gleichzeitig der Hausinhaber. Zumindest bei der 42-jährigen Mieterin war die Eingangstür danach völlig zerstört: „Ein Schreiner hat provisorisch eine Ersatztür eingesetzt.“ Die Polizei habe nur gesagt, der Schaden werde ersetzt, sagt der Hausbesitzer.

Die Bewohner wollen die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen und haben aufgrund der Umstände der Durchsuchung Beschwerde eingelegt. „Es gab Vorwürfe von Betroffenen, dass das Verfahren nicht in Ordnung gewesen sei“, bestätigt Sonntag. Man habe den Sachverhalt zuerst selbst geprüft und dann an die Abteilung „Interne Ermittlungen“ des Landeskriminalamts abgegeben, sagte Sonntag. „Dort wird die Angelegenheit neutral weiterermittelt.“

Aus anderen Gründen war die Polizei am Wochenende im Landkreis Weilheim-Schongau unterwegs: Mehrere Anwohner meldeten Verstöße gegen die geltenden Corona-Maßnahmen. In Seeshaupt wurde eine Corona-Party aufgelöst.

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