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Prächtiges Gebäude: Der Weilheimer Bahnhof von Osten vor der Zerstörung im April 1945.

Blick in die Historie

Weilheims goldene Jahre

Weilheim - Als der Bahnhof vor 150 Jahren gebaut wurde, kam mit den Gastarbeitern aus Italien und Tirol auch der Wohlstand nach Weilheim.

Derzeit wird am in die Jahre gekommenen Weilheimer Bahnhof fleißig gewerkelt und gebaut, ausgerechnetim stiefmütterlich behandelten „Weilheimer Bahn-Jubeljahr“. Wie der Bahnhof vor 150 Jahren entstand, dazu legte Stadtpfarrer Carl August Böhaimb eigens einen Akt mit interessanten Details an.

Nachdem die Bahnlinie von München nach Starnberg durch den königlichen Baurat Johan Ulrich Himbsel 1854 errichtet worden war, war es eine Frage der Zeit, wann Weilheim „in den Weltverkehr“ eintreten sollte. Bekanntlich mahlen Gottes Mühlen langsam, die der königlich bayerischen Bürokratie des 19. Jahrhunderts übertrafen sie aber noch. So mussten schließlich zwölf Jahre vergehen, ehe am 23. Mai 1863 „Se. Majestät, König Maximilian II.“ geruhten, „zur Erbauung einer Eisenbahn von Starnberg über Tutzing nach Penzberg und von Tutzing über Weilheim an den Peißenberg durch allerhöchstes Reskript der Stadtgemeinde Weilheim auf ihr alleruntertänigstes Ansuchen die allerhöchste landesherrliche Bewilligung zu erteilen“.

Und dieser Bahnbau brachte eine große Menge Arbeiter, so genannte Akkordanten, in das beschauliche Städtchen und sein Umland, wo sie die Straßen und Gassen gerade an den Sonn- und Feiertagen ungemein belebten. Die Arbeiter waren, wie Böhaimb überliefert, größtenteils Oberpfälzer, Tiroler und Italiener: „Es nahm sich sehr sonderbar aus, auf den Strassen italienisch sprechen u. singen zu hören. Die Italiener waren fleissige, nüchterne Leute, die Deutschen waren häufig betrunken, fiengen an Sonntagen, häufig Händel an, fluchten, u. rauften sich auf den Strassen u. Wirthshäusern u. hatten fast alle Conkubinen, überhaupts gieng es sehr unmoralisch zu, u. die Pfarrämter hatten fortwährend nöthig gegen Conkubinate einzuschreiten.“

Ja, die Arbeiter und Arbeiterinnen hatten sich halt recht gut verstanden und sind sich nach Feierabend näher- gekommen. Und so musste der Herr Stadtpfarrer, ob er nun wollte oder nicht, in den Taufmatrikeln zwischen August 1864 und Oktober 1865 die Geburt von 20 ledigen Eisenbahnarbeiterinnenkindern verzeichnen. Knapp drei Jahre konnte Weilheim „internationales Flair“ verzeichnen, dann hieß es für die Arbeiter scheiden. Am 29. Januar 1866 entließ man die rund 150 hier noch befindlichen Eisenbahnarbeiter und –arbeiterinnen, die kostenfrei nach München abreisten.

„Es war ein eigenthümlicher Anblick, als aus den Gassen der Stadt, von allen Richtungen her, die Eisenbahn Arbeiter ihre Koffer, Küchengeräthschaften ... zum Bahnhofe führten. Gegen 4 Uhr waren Alle fort. Über 2 volle Jahre waren diese Arbeiter hier gewesen, die Geschäfts- und Wirthsleute ... sahen ihr Scheiden ungern, da sie viel Verdienst von ihnen hatten“, heißt es in dem Akt. Und weiter steht dort zu lesen: „Desto lieber sah ihr Scheiden die Pfarrgeistlichkeit, wegen ihres unmoralischen Lebenswandels, obgleich man zugeben muß, daß auch Einige Wenige unter ihnen sparsam, ordentlich u. sogar christlich waren, u. daß Manches auf die Eisenbahn Arbeiter geschoben wurde, was von Einheimischen verübt wurde. Es war bezüglich dieser Dauer des Eisenbahnbaues für Weilheim eine goldene Zeit, u. noch nie dürfte so viel Geld hier umgekehrt worden seyn, als während dieser Zeit, da auch an Sonntagen ... die Bahnarbeiter der Linie Bernried Penzberg hieher kamen.“

Text: Dr. Joachim Heberlein

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