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Drei Männer, eine Mission: Stundenlang sind (v.l.) Sepp Rauch, Peter Lochner und Sepp Niederlechner am Donnerstag die Wiesen am Weilheimer Hardt auf der Suche nach Kitzen abgelaufen.

Bevor der Mähdrescher kommt: Kitzretter bei Weilheim auf einsamer Mission

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Der kalte und vor allem regnerische Mai hat die Bauern wie auf glühende Kohlen sitzen lassen. Doch seit Donnerstagmittag sind die Landwirte zur ersten Mahd auf den Wiesen unterwegs – und töten dabei unbeabsichtigt viele Rehkitze. Engagierte Jäger versuchen, das zu verhindern, klagen aber über zu wenig Unterstützung.

Weilheim – Mit seinem wettergegerbten Gesicht schaut Peter Lochner über die Wiese am Weilheimer Hardt. Knapp zehn Hektar ist die Fläche groß, die er und seine Mitstreiter Sepp Rauch und Sepp Niederlechner sich vornehmen. Tags zuvor hatte der Landwirt angerufen, dass er am Donnerstag mähen will – vorbildlich, so Lochner.

 „So können wir planen“, sagt der Schafzüchter, der wie seine beiden Kollegen Jäger ist und sich jedes Frühjahr auf Mission Kitzrettung begibt. Weil die frischgeborenen Rehe bei Gefahr nicht weglaufen, sondern sich nur weiter ins Gras drücken, sind sie den riesigen Mähwerken der Landwirte hilflos ausgeliefert. Deshalb bieten Jäger an, vorher das Feld abzusuchen, um Kitze aus der Gefahrenzone zu bringen.

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Lochner macht das schon viele Jahre lang und hat Sachen erlebt, bei denen er noch Jahre danach nur den Kopf schütteln kann. Zum Beispiel der Landwirt und seinen Lohnunternehmer, die keine Minute länger warten wollten und quasi um die Kitzretter herum gemäht hatten – mit Folgen: Gleich mehrere Kitze wurden übermäht und grausam verstümmel. Lochner freut sich heute noch, dass beide zu 2800 Euro Geldstrafe verurteilt wurden.

Vorsichtig hält Sepp Niederlechner ein Kitz in den Händen, das er eben in einer Wiese am Weilheimer Hardt entdeckt hat.

Diesen Aspekt betont auch Manfred Berger, Vorsitzender des Jagd- und Naturschutzvereins Schongau: „Landwirte drohen hohe Strafen, wenn sie gegen das Tierschutzgesetz verstoßen und bei der Mahd Jungtiere verstümmeln oder töten, ohne im Vorfeld versucht zu haben, dieses Tierleid zu verhindern.“

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Doch Lochner vermisst die Unterstützung vieler Landwirte. „Da könnten doch auch die Familienangehörigen mit durch die Wiesen gehen.“ Dabei schaden sich die Bauern selbst, wenn Kälber durch Kadaver verunreinigte Silage fressen und daran sterben – auch das hat Lochner schon erlebt.

Als er zu seinen Kollegen Niederlechner und Rauch stößt, sind die gerade eine kleinere Wiese abgegangen, ohne etwas zu finden. „Vielleicht lag’s an den Kitzrettern“, sagt Rauch. Die werden am Vorabend aufgestellt und geben in unregelmäßigen Abständen Töne und Laute von sich. Das soll verhindern, dass Rehgeißen ihre Kitze überhaupt dort ablegen.

„Vielen Landwirten sind die Rehe einfach egal“

Das klappt aber nur, wenn sich Landwirte rechtzeitig melden. Während sich das Trio zur anfangs erwähnten Zehn-Hektar-Weide aufmacht, kurven überall Traktoren auf Feldern umher. „Leider sagen nicht viele Landwirte Bescheid. Vielen ist es einfach egal“, bedauert Rauch, während bei Niederlechner das Handy klingelt. Am Apparat ein Bauer, der erst morgen mähen wollte, jetzt aber doch schon loslegen will. „Das schaffen wir nicht, wie soll das so kurzfristig gehen?“, sagt der Jäger verärgert.

Zu dritt waten sie durch die Wiese, und das ist beim zum Teil hüfthohen Gras wörtlich gemeint. Rund drei Meter Abstand halten sie, mehr nicht – sonst ist die Gefahr, ein Kitz im Gras zu übersehen, viel zu groß. Niederlechner, der zuständige Jagdpächter des Reviers, glaubt nicht, dass sie ein Kitz finden. „Ich habe zuletzt nur drei Schmalrehe gesehen, also einjährige Tiere.“ Und einen Rehbock hat er tags zuvor genau in dieser Wiese erlegt, eine große Kuhle zeugt von dem Jagderfolg. Das kreiden viele Tierschützer den Jägern an: Einerseits Kitze retten, um sie später doch nur abzuschießen. Das regt Rauch auf: „Es ist doch ein Unterschied, ob ich ein Tier mit einem sauberen Schuss erlege oder mit vier abgemähten Läufen elendig verrecken lasse.“

Binnen weniger Augenblicke zwei Rehkitze gerettet

Die Blicke wandern links und rechts auf den Boden, plötzlich deutet Niederlechner vor sich: Tatsächlich, ein Kitz, das eingekuschelt in seinem Grasbett mit großen Augen aufschaut. Vorsichtig mit Handschuhen und Gras umwickelt, packt er es in einen mitgebrachten Umzugskarton, der am Waldrand abgestellt wird, bis der Landwirt gemäht hat. Kurz darauf entdecken sie noch ein zweites Kitz – zwei Leben gerettet. An die vielen anderen, die es nicht geschafft haben, wollen Lochner und Co. in dem Moment lieber nicht denken.

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