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Finanzspritzen wie die von „proWIN“ sind für den Fortbestand des „Netzes gegen sexuelle Gewalt“ wichtig. Das Bild zeigt (v.l.) Angelika Flock, Anna Gorenc, Tina Tischler („proWIN“-Beratung) und Rautgunde Lammerer.

Beratungsstelle in Weilheim

Dringend nötige Hilfe für Opfer sexueller Gewalt

  • Stephanie Uehlein
    vonStephanie Uehlein
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Menschen, die Opfer sexualisierte Gewalt geworden sind, kostet es Mut, sich bei einer Beratungsstelle zu melden, wie Anna Gorenc vom „Netz gegen sexuelle Gewalt“ sagt. „Die Betroffenen schämen sich, die Täter nicht“, lautet eine fast absurd anmutende Feststellung der Beraterin. Trotz der Hemmschwelle steht Gorenc großer Nachfrage gegenüber.

Weilheim – Die Opfer sexualisierter Gewalt sind Kinder und Jugendliche genauso wie Erwachsene, ein Teil von ihnen hat noch ganz frische traumatische Erfahrungen, bei anderen liegen diese schon weit zurück: Es sind daher ganz unterschiedliche Fälle, denen sich die beiden Beraterinnen des „Netzes gegen sexuelle Gewalt“ mit Sitz an der Lohgasse in Weilheim widmen. Bei einem Pressetermin informierte der Verein über seine aktuelle Situation.

Die zwei Beraterinnen, die sich eine Stelle teilen, versuchen den Klienten zu helfen, indem sie zum Beispiel Übungen zeigen, mit denen Emotionen reguliert werden können, mit denen Distanz zu Gefühlen hergestellt werden kann. Auch Fragen wie „Was passiert, wenn ich meinen Mann, der gewalttätig wurde, jetzt anzeige?“ werden beantwortet.

Im vergangenen Jahr wurden durch das „Netz gegen sexuelle Gewalt“ für Weilheim und das Oberland laut Jahresbericht 52 Betroffene betreut. Die Beratung richtet sich aber auch an Angehörige von Opfern und an Fachkräfte, wie Kindergartenmitarbeiter und Lehrer, die zum Beispiel vermuten, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde. 37 Angehörige und 39 Fachkräfte nahmen das Angebot des Vereins 2019 in Anspruch. Präventionsarbeit, etwa in Form von Vorträgen, sieht die Organisation ebenfalls als ihre Aufgabe.

Täter kommen oft aus dem sozialen Umfeld

Selbst mit – wie Gorenc es nennt – „Kinderfolter“, die dann im Internet gezeigt wurde, hatte es die Beratungsstelle bereits zu tun. Und sexualisierte Gewalt macht auch vor kleinen Gemeinden nicht halt. Gerade dort gebe es oft einen Zusammenhalt, durch den Täter geschützt würden, sagt die Beraterin. Vereinsvorsitzende Rautgunde Lammerer, Ärztin und Psychotherapeutin im Ruhestand, machte beim Pressegespräch darauf aufmerksam, dass bei Fällen sexualisierter Gewalt die Täter in großer Zahl aus dem sozialen Umfeld des Opfers und dabei oft aus dessen Familie kommen. Zudem sei bei den Fallzahlen von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, es aber bisher nicht geschafft haben, sich an die Fachstelle zu wenden, macht Gorenc Mut: „Traut euch, wir halten das aus, wir glauben euch!“ Betroffene, so die Therapeutin, hätten nämlich oft Bedenken, die Berater würden das, was sie berichten, gar nicht aushalten. Für ihre Arbeit wünscht sich Gorenc wegen des großen Bedarfs personelle Verstärkung.

Immer wieder finanzielle Unsicherheit

Angelika Flock, zweite Bürgermeisterin in Weilheim und Mitglied im Vereinsvorstand, beklagte, dass das „Netz gegen sexuelle Gewalt“ vom finanzieller Unsicherheit geplagt werde: „Es ist unglaublich, dass wir immer schauen müssen, wie wir überleben.“ Auch wenn die Personalkosten jetzt vom Bayerischen Sozialministerium bezahlt würden, so Lammerer, müsse jährlich ein großer Betrag – darunter auch für die Büromiete – anderweitig finanziert werden. Der Verein ist daher für Spenden dankbar.

Beim Pressetermin übergab Tina Tischler an die Organisation einen Scheck der Firma „proWIN“ (unter anderem Vertrieb von Reinigungsmitteln) über 500 Euro. Die Spende war von einer früheren Klientin des „Netzes gegen sexuelle Gewalt“ angeregt worden.

Kontaktaufnahme zur Beratungsstelle: Telefon 0881/927922-94. Menschen, die von sexueller Gewalt betroffen sind, können davon ausgehen, dass sie in der Regel binnen 48 Stunden zurückgerufen werden.

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