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Weilheim: Klassik-Ereignis in der Viehhalle

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Von: Magnus Reitinger

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Ungewohntes Klassik-Ambiente: Weilheims Kammerorchester um Dirigent Florian Appel in der Hochlandhalle.
Ungewohntes Klassik-Ambiente: Weilheims Kammerorchester um Dirigent Florian Appel in der Hochlandhalle. © Schregle

Das Kammerorchester Weilheim beseelt 450 Zuhörer bei seinen Herbstkonzerten mit dem neuen Dirigenten Florian Appel.

Weilheim – Begeisterung für den neuen Dirigenten, Ovationen für den jungen Solisten: Die beiden Herbstkonzerte des Kammerorchesters Weilheim am Sonntag in der großen Hochlandhalle waren ein Ereignis. Insgesamt 450 Besucher haben es sichtlich genossen, mal wieder in größerem Rahmen Livemusik zu erleben – unter streng kontrollierten 2G-Regeln. Vor diesen Konzerten lag eine lange Durststrecke, gepflastert mit Zumutungen: Zweimal vermasselte die Pandemie 2020 die „Abschiedssinfonie“ von Vasja Legiša, der zehn Jahre lang das Orchester dirigiert hatte. Sein Nachfolger Florian Appel ist schon über ein Jahr im Amt, konnte nach den Lockdowns aber erst im Sommer 2021 die Proben aufnehmen. Wäre die Probenarbeit mit all den Corona-Einschränkungen nicht schon Herausforderung genug, so ist die Organisation eines Orchesterkonzertes Mammutaufgabe und Drahtseilakt gleichermaßen.

Aller Aufwand hat sich gelohnt

Dass diese hervorragend gelangen, ist das erste dicke Lob, das den Verantwortlichen an dieser Stelle zu zollen ist. Man beneidet niemanden, der für ein solches Ereignis derzeit Hygienekonzepte erstellen, rasch wechselnde Bedingungen, Reservierungen und Einlass organisieren muss. Wie wunderbar, wie berührend war nach all dem der Moment, als nur noch die Musik sprach! Rund 300 Zuhörer waren am Sonntag, 17 Uhr, gut gelaunt, geduldig und in jeder Hinsicht pandemiekonform zum ersten Durchgang des Herbstkonzerts 2021 gekommen. Weitere 150 waren es zwei Stunden später zum zweiten Termin. Das Programm zur Entzerrung des Publikums zweimal aufzuführen und obendrein von der wegen Sanierung gesperrten Stadthalle in die akustisch schwierige, klimatisch wenig streicherfreundliche Viehhalle ausweichen zu müssen, auch das war dem Orchester ja abverlangt.

Doch mit den ersten Takten der Musik war klar: Aller Aufwand hat sich gelohnt. Das Live-Erlebnis, die Schönheit und die Kraft der Musik packten die Zuhörer auf Anhieb, die Spannung und die Freude waren greifbar im weiten Rund der Hochlandhalle, in der trotz großer Abstände familiäre Atmosphäre aufkam.

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Frühe Werke zweier Klassik-Wunderkinder hatte Appel aufs Programm seiner Premiere mit dem Kammerorchester gesetzt: von Felix Mendelssohn Bartholdy und Wolfgang Amadeus Mozart. Den Auftakt, das Andante aus Mendelssohns „Reformationssinfonie“ von 1830, ließ der Dirigent nahtlos in Mozarts 42 Jahre älteres „Adagio und Fuge in c-Moll“ übergehen. Purer Wohlklang und technische Tücken gingen hier Hand in Hand – und das 20-köpfige „Liebhaberorchester“ war damit bestens warmgespielt für das Hauptwerk und den Höhepunkt des Abends: Mendelssohns Konzert für Violine und Streichorchester in d-Moll. Es ist das erste, unbekanntere seiner beiden Violinkonzerte, komponiert mit kaum 13 Jahren. Doch welch Kunstfertigkeit, welch Ideenreichtum liegt in diesen drei Sätzen – und wie viel Virtuosität verlangen diese dem Solisten ab! Versiert, inspiriert und scheinbar mühelos bewältigte der aus Eberfing stammende, am Salzburger Mozarteum studierende Geiger Moritz Defregger sowohl rasende Läufe als auch leise Zartheit. Mit tosendem Beifall, Bravo-Rufen und Fußtrampeln wurde der 20-Jährige nach diesem fulminanten Auftritt gefeiert. Er dankte dafür mit einer Solo-Zugabe aus Bachs zweiter Partita.

Kunstvolles Knistern als Zugabe

Danach war alles Schwingen, alles Schwelgen: Spürbar gelöst wirkten das Orchester und sein Dirigent – die in höchst lebendigem Kontakt musizieren und gestalten – im locker-luftigen Divertimento in D-Dur, das der 16-jährige Mozart 1772 in einem Flow von Schaffensdrang an Salzburgs Hof komponierte.

Welch Schalk auch Florian Appel mitunter im Nacken sitzt, das bewies die klitzekleine Orchesterzugabe, die das runde Programm und den rundum gelungenen Abend krönte: „pièce japonaise“, ein Stück von Kunsu Shim, das aus rhythmisch versiertem Pralinenpapierknistern besteht. Gefühlvoll, gehaltvoll und auch gewitzt: Das sind 3 G, die dem Weilheimer Kammerorchester hoffentlich noch lange erhalten bleiben.

Magnus Reitinger

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