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Hebammen-Kreissprecherin Dorothee Höhler (links) und die Schwangere Katrin Müller bereiten sich auf die Demo vor.

„Jetzt muss was passieren“

Nach Kreißsaal-Aus: Hochschwangere Weilheimerin (32) organisiert Demo

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Seit Oktober 2017 ist die Weilheimer Geburtshilfe geschlossen. Lange schien es, als entrüste das die Weilheimer nicht besonders - doch jetzt regt sich Widerstand. Und zwar von den direkt Betroffenen.

Weilheim – Als Katrin Müller (32) im Herbst vergangenen Jahres erfährt, dass sie schwanger ist, ist für sie klar, wo sie das Kind entbinden wird. „Wir haben ja ein Krankenhaus“, denkt die Weilheimerin damals. Kein Problem also. Erst von Bekannten erfährt sie, dass die Geburtshilfestation des Weilheimer Krankenhauses gerade zugemacht wurde – und ist entsetzt.

„Als ich dann auch noch von der 22-Jährigen gelesen habe, die vom Krankenhaus mit Wehen weggeschickt wurde, hat’s mir den Schalter rausgehauen“, sagt Müller. Sie fasst einen Entschluss: Jetzt muss was passieren.

Hochschwangere stellt Aktion auf die Beine

Einige Monate später passiert tatsächlich etwas: Müller – inzwischen hochschwanger - hat eine „Aktion zur Wiedereröffnung der Weilheimer Geburtshilfe“ auf die Beine gestellt. Stattfinden wird sie am Samstag, 24. März, ab 10 Uhr auf dem Kirchplatz. Die Hauptforderung: Im Weilheimer Krankenhaus muss es eine Abteilung für Geburtshilfe geben. Geplant sind verschiedene Redebeiträge und Musik, Details will Müller noch nicht verraten. Die Hoffnung: Möglichst viele Weilheimer sollen kommen und zeigen, dass es ihnen nicht egal ist, wenn die Weilheimer Klinik die Geburtshilfe abschafft. Und: Die Verantwortlichen müssen umdenken.

Am Schongauer Krankenhaus befindet sich nun die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe - angeblich bedeutet dies aber kein komplettes Aus für die Hauptabteilung in Weilheim.

Mit im Boot ist auch Dorothee Höhler (35), Kreissprecherin der Hebammen im Landkreis Weilheim-Schongau. Als „moralische Unterstützung“, wie sie bescheiden anmerkt. „Organisiert hat das vor allem die Kati.“ Höhler vertritt bei der Aktion auch die Hebammen im Landkreis, die sich in den vergangenen Monaten bis an die Grenzen der Belastbarkeit bemüht hätten, eine Versorgung der Schwangeren aufrecht zu erhalten – zum Beispiel mit Zusatzschichten. Sogar Hausgeburtshebammen, die eigentlich nicht in den Kliniken arbeiten, hätten sich engagiert, so Höhler.

Wie konnte es in Weilheim soweit kommen?

Wie es in Weilheim soweit kommen konnte, dass Schwangere um eine ortsansässige Geburtsstation kämpfen müssen, ist für Höhler klar: Die Hebammen und auch die Gynäkologen verdienen zu wenig – und müssen sich obendrein zusätzlich versichern, um bei Schadenersatzforderungen nach einer Geburt nicht in den finanziellen Ruin zu geraten. „Das einzige, das langfristig hilft, ist eine der Aufgabe und der Verantwortung angepasste Bezahlung“, sagt Höhler. 

Warum kommunale Krankenhäuser wie in Weilheim und Schongau um ihr Überleben kämpfen müssen.

Die Bundesregierung müsse deshalb kleine Krankenhäuser unterstützen. Die Krankenkassen müssen eine Spontangeburt höher honorieren als einen Kaiserschnitt. Und: Die Bevölkerung muss ihr kleines Krankenhaus auch annehmen. „Die großen Kliniken sind völlig überfüllt, die Geburten deshalb dort unsicher. Aber weil eine Neugeborenenstation angeschlossen ist, gehen Eltern das Risiko einer unsicheren Geburt ein. Da muss die Gesellschaft umdenken.“

Keine Zustände wie auf Sylt

Dazu wollen die beiden Frauen am nächsten Samstag beitragen. „Wir dürfen keine Zustände erreichen, wie sie zum Beispiel auf Sylt herrschen“, sagt Höhler nachdenklich. Dort gebe es keine einzige Geburtsstation mehr, die Frauen reisen zwei Wochen vor dem Geburtstermin nach Hamburg und warten dort auf die ersten Wehen. „Und weil der Mann auch mal wieder in die Arbeit muss, oder das Geschwisterkind daheim wartet, wird die Geburt immer öfter eingeleitet – oder es gibt einen Kaiserschnitt.“

Die „Aktion zur Wiedereröffnung der Weilheimer Geburtshilfe“ findet am 24. März, ab 10 Uhr auf dem Kirchplatz in Weilheim statt. Wer einen Redebeitrag beisteuern möchte oder sich anderweitig beteiligen will, meldet sich unter aktion-geburtshilfewm@web.de.

So ist der aktuelle Stand der Geburtshilfe in Weilheim

„In den nächsten drei Monaten tut sich in Weilheim ganz sicher nichts“, stellt Krankenhaussprecherin Isa Berndt klar. Nachdem es im Oktober 2017 geheißen hatte, die Geburtshilfe schließe vorübergehend, ist die Station seit Januar dieses Jahres „auf unbestimmte Zeit“ dicht. 

Die Gründe laut Krankenhaus: Es finde sich kein Chefarzt. Und es stünden nicht genug Hebammen bereit. Der Fokus liege seitdem auf Schongau, man wolle „keine zwei Wackelkandidaten im Landkreis“, so Berndt. Denn auch die neue Hauptabteilung in Schongau muss sich erst etablieren. 

Hebammenteam sei „nicht stabil“

Die Geburtshilfe-Räume in Weilheim seien aber lediglich stillgelegt, nicht bereits ausgeräumt, wie gemunkelt wurde. „Wir verlieren Weilheim nicht aus dem Blick“, so Berndt. Allerdings: Die GmbH suche derzeit nicht aktiv nach einem Chefarzt, das Hebammenteam sei „nicht stabil“ und auch die Kinderkrankenschwestern, die bisher dort gearbeitet haben, seien inzwischen nicht mehr da. „Fünf sind gegangen, eine hat in eine andere Abteilung gewechselt.“

Lesen Sie auch:  Grippewelle: Kein freies Bett mehr in Weilheim, Schongau und Penzberg - Landkreis-Krankenhäuser sind voll.

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