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Warten, was der Computer sagt: Chefarzt Thomas Löffler (l.) und sein Leitender Oberarzt Marcel Ziegler schauen, ob die Daten zur OP-Vorbereitung, die Michael Neubert für den Roboter-Arm eingegeben hat, passen

Mann bekommt neues Knie

Spektakulär: Roboter operiert am Krankenhaus Weilheim Patienten - wir waren bei OP dabei

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Bisher gab es in ganz Deutschland acht OP-Roboter, die beim Ersatz von künstlichen Knie- und Hüftgelenken zum Einsatz kommen. Nummer neun steht seit einigen Wochen im Weilheimer Krankenhaus.

Weilheim – Mit weit ausgebreiteten Armen liegt Johann Gayer auf dem OP-Tisch. Sein Atem geht ruhig, die Narkose wirkt – deshalb kann der 79-jährige Weilheimer nicht sehen, was mit seinem rechten Knie passiert, das ausschaut wie eine explodierte Kartoffel. An dem mit einer jodhaltigen gelben Folie umwickelten Bein werkeln Thomas Löffler, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie an den Krankenhäusern Weilheim und Schongau, und Leitender Oberarzt Marcel Ziegler. Beide sehen mit ihren Schutzmasken aus wie Marsmenschen, sie haben an dem angewinkelten Bein die Kniescheibe, Muskeln, Bänder und Sehnen zur Seite gelegt und arbeiten sich zum Gelenk vor. Der Kauter brennt sich durchs Gewebe, der Geruch von verbranntem Fleisch durchzieht den OP – gewöhnungsbedürftig für Laien.

Zahlreiche Marker-Punkte zeigen dem Roboter-Arm ein perfektes Bild vom Knie des Patienten

Genau beobachtet wird die Arbeit der beiden Ärzte von Michael Neubert. Er steckt ebenfalls in OP-Kleidung und ist an diesem Tag ein wichtiger Teil des Teams. Denn Neubert arbeitet für die Firma Stryker, Herstellerfirma des Mako-Roboter-Arms. Gemeinsam mit den beiden Ärzten hat er die OP vorbereitet, das obligatorische Bild des Computertomographen (CT) in den Computer einspeichern und berechnen lassen. 

Jetzt schaut er genau auf seinen Bildschirm vor sich. Chefarzt Löffler hat am Kniegelenk des Patienten sogenannte Marker gesetzt, die er mit einem Gerät einzeln aktivieren muss. Einer nach dem anderen wird von Gelb zu Grün, damit der Roboterarm exakt weiß, wie das Knie des 79-Jährigen wirklich ausschaut. „Wie ist die Abweichung?“, will Löffler von Neubert wissen. „0,6 Millimeter. Tolerieren wir das?“ Löffler schüttelt den Kopf. 0,5 Millimeter sind sein Ziel. Denn ein wichtiger Aspekt ist natürlich die Genauigkeit, dafür hat man sich den millionenschweren Roboterarm – über die genaue Summe schweigt sich die Krankenhaus GmbH aus – schließlich gekauft. „Internationale Studien haben gezeigt, dass 20 Prozent aller Patienten mitKnie- und Hüftgelenksersatz später über Probleme klagen. Diese Zahl wollen wir minimieren“, so Löffler. 

Also werden die Marker noch einmal abgetastet. Am Ende sind es 0,7 Millimeter Abweichung, doch Löffler weiß Rat: „Wir lassen die Hüfte zirkulieren.“ Er packt Gayers Bein, macht wie bei der Physiotherapie drei, vier schwingende Bewegungen, und nach nochmaliger Überprüfung stehen die gewünschten 0,5 Millimeter. 

Jetzt schlägt die große Stunde des Roboters. Neubert hat alle Daten in den Computer eingegeben, der genaue Sägebereich ist definiert und kann nicht geändert werden. Das bedeutet: Löffler führt den Roboterarm zu den von Arthrose befallenen Bereichen des Knies und sägt sie ab. Er kann dabei gar keinen Fehler machen, denn würde er den definierten Bereich verlassen, schaltet sich die Säge automatisch ab. Gut für den Patienten, aber wie fühlt er sich als Arzt, wenn eine Maschine diesen wichtigen Teil übernimmt? „Für mich ist das überhaupt kein Problem, weil die wichtige Arbeit im Vorfeld geleistet wird“, so Löffler. Man diskutiere, beratschlage untereinander, schließlich sei jedes Knie anders. „Das heißt, die intellektuelle Arbeit haben wir Ärzte erbracht. Sägen kann jeder.“ Alle drei Ärzte seiner Abteilung, die die Fortbildung für den Roboterarm absolviert haben, haben „tausende Prothesen“ operiert, da gehe es nicht um die eigene Verwirklichung, sondern um das Wohl der Patienten. Früher habe man sich bei Kniegelenk-OPs mit vielen Hilfsmitteln begnügen müssen, um exakt zu arbeiten. „Ich würde jetzt nicht sagen Pi mal Daumen, aber natürlich war es nie so genau wie mit dem Roboterarm“, so Löffler, dem die Begeisterung anzusehen ist. So habe es früher beim Sägen zu 30 Prozent das hintere Kreuzband der Patienten erwischt. Das kann dank der Säge-Einstellung durch den Computer nicht mehr passieren. Stryker-Mitarbeiter Neubert verfolgt am Bildschirm genau, wie sich alle ausgewählten Bereiche des Knies wie zuvor die Marker von Blau zu Grün verfärben. Während es am Bildschirm nach Computerspiel ausschaut, fliegen Löffler und Ziegler die Knochensplitter um die Ohren – es hat kurz tatsächlich Ähnlichkeit mit der Arbeit einer Kreissäge im Wald. Eine OP-Schwester sammelt die abgesägten Knochenstücke ein und legt sie auf einen Tisch. Insgesamt fünf Schnitte sind notwendig, nach wenigen Minuten ist das kreischende Geräusch vorbei. 

Jetzt folgt der nächste entscheidende Moment. Löffler nimmt ein Probeimplantat, das dem späteren exakt gleich, und passt es ein. Mit ein, zwei Schlägen eines kleinen Hammers wird es in Form gebracht – wenn jetzt etwas nicht passt, könnte Löffler noch nacharbeiten. Doch das Lächeln unter seinem Helm zeigt: Da muss nichts bearbeitet werden, es passt genau so exakt wie vorherberechnet. „Wahnsinn“, sagt der Chefarzt und strahlt übers ganze Gesicht. Er beugt und streckt das Knie, um zu sehen, dass alles passt. „Nicht zu locker, nicht zu fest, es ist perfekt austariert. Das ist immer noch faszinierend für mich“, gibt er zu. 

Damit ist die wichtigste Aufgabe nach rund 45 Minuten erledigt. Die richtigen Knieprothesen anzupassen – man muss sich das vorstellen wie bei einer Zahnkrone, die auf vorgefeilte Zähne gesetzt wird – ist Routine. Die Teile werden mit frisch angerührtem Zement – einem ZweiKomponenten-Kleber, der wie in der heimischen Kellerwerkstatt riecht – verbunden. Um die Schmerzen so gering wie möglich zu halten, wird noch ein lokales Betäubungsmittel in die Kapsel und Weichgewebe gespritzt, um die Schmerzen nach dem Abklang der Narkose so gering wie möglich zu halten. Außerdem wird das Knie komplett durchgespült. „Wir tun wirklich alles, damit der Patient möglichst schnell wieder auf die Beine kommt“, sagt Löffler, während er das Knie mit seinem Kollegen Ziegler zunäht. 

Eine Woche danach kann Johann Gayer kurze Strecken schon ohne Krücken gehen. Jetzt ist er auf Reha. 

Nach 75 Minuten ist die OP vorbei, Johann Gayer wird aus dem Zimmer in den Aufwachraum gerollt. Neubert hat alle Daten eingegeben, so ist die Operation lückenlos nachzuverfolgen, falls es Beschwerden geben sollte, was niemand hofft. Jetzt kümmert sich der Stryker-Mitarbeiter um den Roboter-Arm. „Ich bereite ihn vor für die nächste Operation“, so Neubert. Er oder ein Kollege ist ab sofort einmal pro Woche in Weilheim, dann ist Roboter-Arm-Tag. Bisher war Neubert meist am Krankenhaus im unterfränkischen Werneck tätig, die Betreiber hatten sich bereits 2013 gleich zwei der teuren Geräte angeschafft. 

Das ist in Weilheim nicht geplant, Löffler und seine Kollegen wollen erst einmal Erfahrungen mit dem neuen Apparat sammeln. Die bisherigen Erfahrungen sind perfekt: „Wir hatten kürzlich einen Patienten mit der Teilprothese eines künstlichen Kniegelenks, der ist nach drei Tagen ohne Krücken wieder nach Hause spaziert“, freut sich Löffler. 

Und wie geht es Johann Gayer, dem dritten Patienten, der in Weilheim per Roboter-Arm operiert wurde? Wir besuchen ihn eine Woche nach der OP, er sitzt bestens gelaunt in seinem Zimmer. „Das ist der Wahnsinn, schauen Sie sich das an“, sagt er und geht, wenn auch etwas hinkend, ohne Krücken zu seinem Bett – unter den ängstlichen Blicken seiner Frau Gabriele. Er soll langsam tun, schimpft sie ihn, doch ihr ist die Erleichterung anzusehen. „Er hat mir so leid getan, weil er beim Gehen immer solche Schmerzen hatte“, sagt sie. Fußball habe er früher gespielt, dann Faustball, doch mit 60 Jahren seien die Schmerzen wegen der Arthrose immer schlimmer geworden. Zuletzt habe er sich vierteljährlich dasKnie punktieren lassen, doch geholfen habe das am Ende auch nicht mehr. 

Jetzt sei sein Knie noch geschwollen, „aber das ist nach so einem Eingriff ja klar“, sagt er und krempelt sein Hosenbein hoch. „Ich habe keine Schmerzen, und nach zwei Tagen konnte ich schon wieder mit Krücken gehen“, sagt er begeistert. Das Knie kann er bereits wieder im 90 Grad-Winkel beugen. Als ihn Chefarzt Löffler gefragt habe, ob er sich mit dem Roboter-Arm operieren lasse, sei er gleich einverstanden gewesen. Gayer hat es nicht bereut – und jetzt geht’s drei Wochen auf Reha. Seine Frau freut sich schon auf die Rückkehr, denn: „Ich habe endlich wieder einen Mann, mit dem ich etwas anfangen kann.“ Das hört Löffler natürlich gern. „100 Prozent Zufriedenheit werden wir bei unseren Patienten nicht bekommen, das ist unmöglich“, weiß er. Aber mehr als vorher sollen es sein. Dank des zusätzlichen Arms.

bo

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