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Behörden-Posse wegen Coronavirus: Regierung verbietet Bürgern das Lesen - „Kein triftiger Grund“

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Von: Sebastian Tauchnitz

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Gerade in diesen Zeiten ist ein gutes Buch ein Seelentröster und eine kleine Auszeit, die allzeit griffbereit ist. © Foto: JAN WOITAS/DPA

Der Abholservice in der Corona-Krise, den einige Büchereien im Landkreis Weilheim-Schongau anbieten, ist laut Bezirksregierung nicht zulässig. Die Frustration ist immens.

Landkreis – Alles lief wie am Schnürchen in der Stadtbücherei Penzberg. Zumindest, so gut es in der derzeitigen Situation möglich ist und zumindest bis letzten Freitag. Bis dahin boten die Leiterin der Stadtbücherei, Katrin Fügener, und ihre Kollegen einen Abholservice für ihre Leser an, der bestens nachgefragt wurde. „Ich hatte noch nie so viele glückliche Mails wie nach der Einführung des Abholservice“, berichtet Fügener im Gespräch mit der Heimatzeitung.

Der Bedarf an frischem Lesefutter ist riesig. Insbesondere bei Familien mit kleinen Kindern, so die Büchereileiterin weiter. „Kleine Kinder kann ich nicht so ohne weiteres vor ein Tablet oder einen PC setzen und sagen, lies halt ein eBook“, erklärt sie. Gerade beim Lesenlernen sei das physische Buch immens wichtig.

Corona-Krise in Weilheim-Schongau: Gerade Familien mit kleinen Kindern brauchen neues Lesefutter

Doch angesichts der nun schon sechs Wochen andauernden Ausgangsbeschränkungen in Bayern sind in vielen Familien die Kinderbücher längst ausgelesen. Da kam der Nachschub über den Abholservice der Stadtbücherei genau richtig. Die Bücher, die sich die Leser gewünscht hatten, wurden desinfiziert, in Tüten verpackt und zum vereinbarten Zeitpunkt von einem Mitarbeiter der Bücherei, der „selbstverständlich eine Maske trug“, vor die Tür gestellt, um abgeholt zu werden.

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Doch genau das ist derzeit nicht zulässig: „Das Verlassen der Wohnung zum Zweck der Abholung der Bücher“ stelle „keine triftigen Grund i. S. d. § 5 Abs. 3 Bay IfSMV“ dar, so die Bezirksregierung. Dieser Paragraf besagt, dass unter anderem Einkäufe in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften erlaubt sind, die „Inanspruchnahme sonstiger Dienstleistungen“ hingegen nicht.

Corona-Beschränkungen für Büchereien: Bummeln in der Rathauspassage erlaubt, Bücher abholen nicht

Und so hat die Situation der Stadtbücherei Penzberg derzeit durchaus etwas absurdes. Sie sitzt in der Rathauspassage, in der die Geschäfte seit Montag wieder geöffnet haben dürfen, in der die Menschen bummeln und einkaufen, und darf keine Bücher zur Abholung anbieten. „Wir haben ohnehin nicht gegen die Rechtslage verstoßen“, sagt Katrin Fügener weiter. 

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Jedem, der Bücher zur Abholung bestellen wollte, habe man mitgeteilt, dass er dies mit einem Gang in den Supermarkt oder zum Arzt verbinden solle. Sicherheitshalber wurden dennoch ab Freitag keine neuen Bestellungen angenommen und nur noch die Bücher zur Abholung bereitgestellt, deren Besteller man nicht telefonisch erreichen konnte, um abzusagen. Die Enttäuschung ist groß.

Lieferdienst für Risikopatienten in der Bücherei Weilheim

Auch bei Ulrike Göpfert, der Leiterin der Stadtbücherei in Weilheim. Sie und ihre Kollegen würden gern wieder öffnen, der Bedarf sei groß. Genau wie in Penzberg ist längst alles bereit: Spuckschutzwände aus Plexiglas sind bestellt, ein Quarantänebereich für Bücher, die zurückgegeben werden, wurde eingerichtet, ein Hygienekonzept steht. Selbst wenn es, wovon auszugehen ist, nur eine Wiedereröffnung mit angezogener Handbremse wäre. Eine mit Abstandsregelungen, Regeln dafür, wieviele Menschen gleichzeitig in die Bücherei und was sie dort nutzen dürfen, wäre es doch ein Anfang, um die Menschen mit Medien zu versorgen. Doch es gibt keinen Termin, so Ulrike Göpfert.

Malteser-Bücherboten kommen mit dem Radl

Stattdessen hat die Stadtbücherei Weilheim ab sofort einen Lieferservice für Risikopatienten eingerichtet. „Jeder, der älter ist als 60 Jahre oder aufgrund von Vorerkrankungen besonders gefährdet ist“, der kann im Onlinekatalog auf der Internetseite der Bücherei nachschauen, ob sein gewünschter Titel verfügbar ist. Dann reicht eine Mail mit der Leserausweisnummer und den gewünschten Medien an die Bücherei.

Dort werden die Tüten gepackt und den Freiwilligen vom Malteser Einkaufsdienst übergeben. Die radeln los und verteilen die Bücher in Weilheim und seinen Ortsteilen. Ein erster, kleiner Schritt in Richtung Normalität.

Schongauer schreiben Briefe an den Landtag

In Schongau hat Büchereichefin Kornelia Funke derweil Mails mit der Bitte um Wiederöffnung der Büchereien an den Landtag geschrieben. „Das Telefon klingelt ununterbrochen, wir bekommen zahllose Mails. Die Menschen brauchen Lesefutter, es gibt ein Recht auf Bildung“, sagt sie. 

In den Schongauer Büchereien wird nur die „Onleihe“ für eBook-Reader angeboten, einen Abhol- oder Lieferservice gibt es nicht. Statt dessen bereiten sich Funke und ihre Kollegen intensiv auf die Wiedereröffnung vor – Desinfektionsmittel stehen bereit, ein Konzept wurde erarbeitet, auch hier ist alles bereit für den Tag X, von dem keiner weiß, wann er denn kommt. Der Tag, an dem man Bücher nicht nur im Geschäft kaufen, sondern auch wieder ausleihen kann.

Iffeldorfs Bücherei öffnete doch nicht am 30. April

Bis dahin bleibt in den Büchereien nur Frustration und Verwirrung. In Iffeldorf zum Beispiel. Anfang der Woche verschickte man die Meldung, dass die Gemeindebücherei am 30. April wieder öffnen werde. Klar, die Schulen sind zumindest teilweise wieder geöffnet, die Schüler brauchen vielleicht Literatur. Dann wurde die Rechtslage geprüft. Nun weiß keiner, wann die Bücherei wieder öffnen wird.

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