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Vertreter von fast 50 Betrieben in der Region ließen sich bei der IHK in Weilheim über Folgen des Brexit informieren – hier von Zollexperte Günther Dürndorfer. 

„Das Thema brennt“

Experten geben Unternehmen aus der Region Erste Hilfe in Sachen „Brexit“

Premiere im Landkreis: Die Brexit-Roadshow der IHK für München und Oberbayern, die in den nächsten Wochen quer durch Oberbayern zieht, startete in Weilheim.

Weilheim-Schongau– Bei den Wirtschaftsverbänden in München finden schon seit Wochen immer wieder Veranstaltungen zum bevorstehenden Brexit statt – mit hochrangigen Politikern, die vor meist geladenen Gästen ihre Sicht der Dinge präsentieren. Mit einer Roadshow unter dem Motto „Bereiten Sie sich jetzt vor!“ geht die Industrie- und Handelskammer seit Donnerstag an die Basis: Rosenheim, Mühldorf, Ingolstadt und München stehen auf dem Tourplan.

Der Auftakt der „Tournee“ fand in der IHK-Geschäftsstelle Weilheim statt, wo sich Geschäftsführer Jens Wucherpfenning über ein volles Haus freuen konnte: „Das Thema brennt vielen unter den Nägeln.“

Im zweiten Stock der IHK-Akademie wagten Experten einen Blick in die Zukunft der Wirtschaft in Europa ohne ein EU-Land Großbritannien – und gaben konkrete Informationen und Tipps. In zwei Impulsvorträgen und einer Podiumsdiskussion gingen die Referenten und Diskutanten vom Worst Case, also dem harten Brexit, aus. „Wenn man sich aktiv nicht einigen kann, dann kommt es am 29. März automatisch zum harten Brexit“, sagte Alexander Börsch, Chefökonom und seit drei Jahren Brexit-Experte bei der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Deloitte“. Börsch ist sich sicher, dass es weder im Parlament in London noch mit dem EU-Parlament in Brüssel zu einer Einigung über die vorliegende Austrittsvereinbarung, also den weichen Brexit mit mehrjährigen Übergangsfristen, kommen wird.

Vor allem auf die produzierende und verarbeitende Industrie, die auch im Landkreis Weilheim-Schongau stark vertreten ist, kommen dann große Umstellungen zu. Er rät den Firmen deshalb, die Abläufe im Betrieb zu analysieren, Probleme zu identifizieren, eine Strategie zu entwickeln und Lösungen zu schaffen. „Alles wird komplizierter, teurer und langwieriger“, sagte der freiberufliche Zollexperte Günther Dürndorfer – auch wenn die Zollverwaltungen beider Seiten auf den harten Ausstieg vorbereitet sind. Aber, da sind sich beide Experten sicher: Der Brexit, egal in welcher Form, sei für vorbereitete Unternehmen relativ problemlos beherrschbar.

„Die Betriebe waren bisher sehr blauäugig, seit etwa drei Monaten werden sie aktiv“, sagte Jan Jörg Akkermann, Verantwortlicher für die globale Logistik beim Großküchenhersteller „Rational“ in Landsberg. Und er gab in der Podiumsdiskussion den Tenor vor: Im Brexit liege auch eine Chance. Letztlich sei United Kingdom künftig einfach nur ein Drittland: „Keiner regt sich auf, dass die Schweiz ein Drittland ist. Der Handel klappt ohne Probleme.“

Das bestätigte im Gespräch mit unserer Zeitung auch Ludwig Ressle, Logistik-Chef der Firma „Gaplast“ in Peiting, die schon seit Jahren in Nicht-EU-Länder exportiert: „Das ist doch für viele Betriebe Tagesgeschäft“, sagte er. Und es gäbe Drittländer, mit denen der Handel sicher schwieriger sei als mit Großbritannien, wie zum Beispiel die Türkei. Richtig erfreut war Johanna Wegner von der IHK in München. Auf ihre Frage in die Runde, wer denn schon Handelsbeziehungen zu Firmen außerhalb der EU hat, meldeten sich gut die Hälfte. Die Zoll- und Außenwirtschaftsrecht-Expertin zufrieden: „Na dann sind Sie ja alle Profis – und werden kaum Schwierigkeiten haben.“

Zum Abschluss konnten die Teilnehmer sich an verschiedenen Tischen zu verschiedenen Bereichen informieren und beraten lassen. Neben IHK-Experten gaben auch drei Mitarbeiter des Zollamtes Weilheim Auskunft. Daran nahmen auch Sandy Gast und Andrea Spöttle von „Kennametal“ aus Schongau, einer Filiale des US-Konzerns, teil: „Bei uns wird das zwar konzernweit geregelt. Aber wir wollen einfach informiert sein.“ Vielleicht braucht’s die guten Ratschläge aber erst einmal gar nicht. Denn was ist, wenn doch ein weicher Brexit kommt, fragte ein Unternehmer während der Podiumsdiskussion. Und die IHK-Referatsleiterin Wegner meinte lächelnd: „Dann können wir uns alle erst einmal ganz entspannt zurücklehnen.“

Info

Wer sich informieren will oder mitdiskutieren will, findet unter www.ihk-münchen.de/brexit die weiteren Termine der Roadshow sowie zahlreiche Infos über alle Facetten des Brexit. Fragen können auch per Mail an brexit@muenchen.ihk.de gestellt werden. Zudem gibt es eine Telefonhotline unter der Nummer 089/5116-1110.

Ralf Scharnitzky

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