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Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Corona treibt immer mehr Menschen in die Verschuldung

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Von: Magnus Reitinger

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Teilweise lange Wartelisten bei Schuldnerberatungen
Einen deutlichen Anstieg von Hilfesuchenden verzeichnen die Schuldnerberatungsstellen – auch im Landkreis. Die Pandemie hat die Probleme vieler verschärft. © Werner Krueper

Der Bedarf an Schuldnerberatung steigt enorm, auch in Weilheim und Umgebung: Caritas und Herzogsägmühle mahnen dringend eine personelle Aufstockung ihrer Beratungsstellen durch den Landkreis an. Denn aktuell müssen Hilfesuchende oft bis zu drei Monate warten – was sie in echte Notlagen bringen kann.

Weilheim – Allzu leicht gerate dieses Thema in Pandemiezeiten aus dem Blickfeld von Politik und Gesellschaft, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der kirchlichen Wohlfahrtsverbände im Landkreis Weilheim-Schongau. Dabei steige die private Verschuldung gerade infolge Corona stark an. „Viele Dinge des täglichen Lebens sind spürbar teurer geworden“, manche Gasversorger hätten die Preise für ihre Kunden mehr als verdoppelt, konstatieren Birgit Gutzeit (Diakonie Herzogsägmühle), Stefan Helm (Diakonie Oberland) und Thomas Koterba (Caritasverband für den Landkreis). Und auch die Erhöhung der Strompreise um durchschnittlich neun Prozent sei „für die Menschen, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen“, ein Problem.

Die Hilfsorganisationen spüren das direkt: Zwei Drittel der gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen in Deutschland verzeichneten im ersten Halbjahr 2021 einen deutlichen Anstieg der Beratungs-Anfragen. 42 Prozent der Berater geben einer Studie zufolge an, dass Ratsuchende sich aufgrund von Kurzarbeit bei ihnen meldeten. Markant seien auch die Anfragen von sogenannten Solo-Selbständigen gestiegen.

Wartezeiten in der Schuldnerberatung von bis zu einem Vierteljahr

Wie schnell sich die Probleme für Betroffene verschärfen können, zeigen Gutzeit, Helm und Koterba am Beispiel einer Familie, die sich „ein neues Auto anschaffen musste, um mobil zu bleiben, und zudem ein weiteres Darlehen für die nötige Sanierung des geerbten Häuschens bekam“. Kam die junge Familie mit zwei Kindern zuvor „mit guter Haushaltsplanung gut über die Runden“, so sei ihr Finanzgebäude „wie ein Kartenhaus zusammengebrochen“, als pandemiebedingt der Minijob der Mutter wegfiel und der Vater plötzlich in Kurzarbeit war. „Niemals zuvor hätte die Familie daran gedacht, den Weg zu einer Schuldnerberatung suchen zu müssen.“

Im westlichen Teil des Landkreises können sich Hilfesuchende an die Schuldnerberatungsstelle der Herzogsägmühle, im östlichen Teil an die des Caritasverbandes wenden. Die zunehmenden Nöte, so heißt es in der gemeinsamen Erklärung, spürten aber auch alle anderen Stellen, die soziale Beratungen anbieten. Bei den Beratungsstellen der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit der Diakonie suchen regelmäßig Menschen um konkrete Unterstützung an, „wenn zum Beispiel das Geld für das Heizmaterial im Winter fehlt oder die Stromrechnung nicht bezahlt werden kann“.

Immer noch kein Rechtsanspruch auf kostenlose Schuldnerberatung

Aufgrund der hohen Nachfrage seien in der Schuldnerberatung inzwischen „Wartezeiten von bis zu einem Vierteljahr keine Seltenheit mehr“, schreiben Gutzeit, Koterba und Helm. Die Finanzierung dieser Fachstellen obliege dem Landkreis, eine personelle Aufstockung beider Schuldnerberatungsstellen sei „dringend angezeigt“. Denn lange Wartezeiten bedeuteten für Betroffene bei existentiell bedrohlichen Sorgen „eine zusätzliche enorme Belastung“. Zudem wären mit einer besseren personellen Ausstattung auch präventive Beratungsangebote möglich.

Während sich nach ersten Gesprächen mit dem Landkreis für 2022 eine Lösung dieses Problems abzeichne, gebe es bundesweit noch immer keinen Rechtsanspruch auf eine kompetente und kostenlose Schuldnerberatung. „Dies ist auch eine Herausforderung und ein Anspruch an unsere neue Regierung“, schreiben die drei Vertreter von Caritas, Diakonie und Herzogsägmühle. Und sie betonen: Die Angebote der Schuldnerberatungsstellen im Landkreis aufrecht zu erhalten, sei seit Beginn der Pandemie „eine enorme Herausforderung“ –wegen der Hygieneerfordernisse und vielem mehr. „Durch Kreativität und den unbedingten Willen, diesen notwendigen Dienst aufrechtzuerhalten, mussten beide Beratungsstellen zu keiner Zeit geschlossen werden.“

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